WÜRZBURG

Semino Rossi kann auch ganz anders

Hand aufs Herz: Semino Rossi in Würzburg. Foto: Silvia Gralla

Was tu' ich hier? Staunen. Denn noch bevor der Mann im unscheinbaren Grau – gut, die Glitzerkrawatte lässt ihn weniger wie ein Finanzbeamter aussehen – im Scheinwerferlicht sichtbar wird, springen die Fans auf, blitzen die ersten Leuchtstäbe, weht eine argentinische Flagge zwischen den frenetisch klatschenden Menschen im vollen Würzburger Congress Centrum. Später hat Semino Rossi, der argentinische Schlagerstar, den Hemdkragen offen, den Schal lässig geschlungen, noch später – da sind schon mehr als zwei Stunden vergangen – kommt er ganz in Schwarz und rotbeschuht auf die Bühne.

Sein Publikum liebt ihn, den Magier mit dem kleinen Juchzer in der melodiösen Tenorstimme, der sich für jeden Ausbruch mit der Hand auf dem Herzen bedankt. Beschenkt ihn. Mit Päckchen, Blumensträußen und überbordender Begeisterung. Stürmt am Ende die Bühne, hascht nach einer Berührung und singt beseelt und voller Inbrunst mit.

Symphonie des Lebens

„Symphonie des Lebens“ sind seine Tournee mit peppig aufspielendem Live-Orchester und seine neue CD betitelt. Drei ansehnliche Background-Sängerinnen wiegen sich in den Hüften, während „Bella Romantica“ sich in die Gehörgänge schmelzt und „Für immer und einen Tag“ Herzen erwärmt. Ich staune immer noch. Werde geschunkelt und wieder überrascht. Denn Semino Rossi kann auch ganz anders. Südamerikanisch, kubanisch. Und das ist richtig gut. Er hat Tänzerinnen und Tänzer mitgebracht, Mädels mit langen Beinen und Jungs mit Sixpacks. Sie bewegen sich ansehnlich zu seiner Chacha-Version von „O sole mio“, und im Rumba-Rhythmus zu „Ay Belen Belen“.

Und schon wartet die nächste Überraschung auf mich und das begeisterte Publikum, angekündigt als Kubas nationaler Schatz. Ignacio Urbicio Carillo – weiße Schiebermütze und Leinenanzug, der beinahe an bayerische Tracht erinnert – feiert auf der Würzburger Bühne seinen 87. Geburtstag. Natürlich mit Torte und dem obligatorischen Ständchen, dargeboten vom Maestro Rossi samt Publikum. Der Alte singt zurück. Und scherzt mit den Tänzerinnen, lässt den Schalk aus seinen trüben Augen blitzen und sich bejubeln. Das sitzt und passt und klingt.

Rossi begibt sich mitten unters Volk, quert das CCW von der ersten bis zur letzten Reihe. „Rot, rot, rot sind die Rosen“: Der Saal wogt vom Gesang des begeisterten Publikums und des Stars, gefolgt von seiner Entourage, die ihn beschützen und die unzähligen Geschenke abnehmen darf. Er küsst da einer Dame die Hand, schwenkt dort eine im Dreivierteltakt, schmeichelt mit „Hallo, Schatzi“ und tiefen Blicken in weibliche Augen. Trotz Rettungsring um die Taille springt er die Treppen zur Galerie hoch, tut, als rutsche er übers Geländer wieder runter, und erobert die letzten Herzen. Auch nach gut drei Stunden tun die Fans noch alles, was der Zauberer will: klatschen, winken, singen, tanzen nach seiner Pfeife. Und ich staune immer noch . . .

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