WÜRZBURG

Seven singt die Wolken weg

Funk mit Gefühl: Seven beim Hafensommer-Auftritt.JOHANNES KIEFER
Funk mit Gefühl: Seven beim Hafensommer-Auftritt.JOHANNES KIEFER Foto: Foto:

Eindruck Nummer eins: Händeschütteln mit den Leuten in der letzten Reihe – der Mann ist ein Entertainer. Seven hat seine Band schon mal beginnen lassen, jetzt kommt er von hinten und tänzelt, schreitet lässig, posend, grüßend auf die schwimmende Bühne. In hohem Bogen wirft er sein Jackett dem Roadie zu, klemmt sich den Mikrofonständer zwischen die Beine. Und dann, mit dieser Stimme zwischen Prince, Justin Timberlake und Michael Jackson: „I'm still there!“

Ein Optimist

Nummer zwei. Der Mann ist Optimist. Die Meteorologen haben Unwetter angekündigt, über Würzburg braut sich was zusammen. Seven, der smarte Sänger, blickt in den grauen Wolkenhimmel: „Das Wetter hält, alles easy! Es kommt ganz heftig, um fünf nach elf. Wir spielen bis vier nach elf.“ Die erste Hälfte des Versprechens wird gehalten werden . . .

Eindruck Nummer drei. Ein Motivator! Seven singt, säuselt, flirtet in höchster Kopfstimme: „Ich will euch hör'n, ich will euch hö-öööör'n. Ich hab gesagt, ich will Euch höööör'n, wie wär's mit laut?“ Seltsam, dass sich das Publikum so bitten lassen muss. Tags zuvor, bei den folkigen Balkanbeats von Bukahara, hatte es kein Halten mehr gegeben, da zappelten, hüpften, tanzte alle. Beim Energiebündel Seven sitzen viele eine halbe Stunde lang erst mal erstaunlich ruhig und gelassen auf den Betontreppen am Hafenbecken. Ein Mann mit Humor

Eindruck Nummer vier. Der Schweizer hat Humor. „Ich weiß, wir fordern das Karma jetzt ziemlich heraus“, feixt der 38-Jährige und linst wieder in den Himmel. „Wir möchten lügen, wir spielen jetzt ein Lied, das wir so nicht meinen . . .“ Und dann singt er mit schönster Stimme „Wait for the Rain“. Inzwischen sind die Wolken abendrotrosa, die Mondhälfte leuchtet. Wie gesagt, das Wetter wird halten.

Ein Performer

Eindruck fünf. Es ist der poppigste, durchchoreografierteste, gestylteste Auftritt bislang bei diesem Hafensommer. Zumindest auf der schwimmenden Bühne, Max Mutzke sollte wetterprophylaktisch ja in der Posthalle soulen. Leuchtstäbe auf der Bühne, eine cool wie edel groovende siebenköpfige Band und ein Sänger mit perfekter Performance, viel Dynamik und großem Volumen. Geschmeidiger Soul, eingängiger Pop, ein bisschen lässiger Funk, etwas Elektronik – eine ziemlich massentaugliche, einnehmende Gute-Laune-Mischung und,

Eindruck Nummer sechs: Tatsächlich! Es wird geklatscht, es wird getanzt. Nach einer halben Stunde hält es nicht mehr viele auf den Stufen, Hände gehen nach oben, Arme schwingen, Hüften auch. Jan Dettwyler, wie Seven amtlich heißt, hat Würzburg eingenommen.

Ein Nachdenklicher

Siebter bleibender Eindruck: So easy, so lässig, so cool alles – so nachdenklich und hintergründig kann Jan Dettwyler auch sein. Seine Botschaft: „Die Menschen sind wir.“ Den Song schrieb er, als er vor einem Benefizkonzert für Flüchtlingskinder Hasskommentare bekam. Am Ende des Abends setzt sich Seven an den Bühnenrand, bitte alle, die Augen zu schließen. Und singt das gefühlvolle „Don't help me“. Ein Song für den einen, wichtigen Menschen. Der hilft, einfach nur, weil er da ist . . .

Großer, gerührter Applaus, Abgang mit Abklatschen. Eindrucksvoll.

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