WÜRZBURG

Sloterdijks Selbstbespiegelung

„Zeilen und Tage“: Der Philosoph aus Karlsruhe hat seine datierten Notizen von 2008 bis 2011 durchforstet
„Besucherinnen vom Stern der Unbeschlafenen“: Peter Sloterdijk lässt in seinen Tagebuchnotizen manchmal auch den Macho raus.
„Besucherinnen vom Stern der Unbeschlafenen“: Peter Sloterdijk lässt in seinen Tagebuchnotizen manchmal auch den Macho raus. Foto: dpa

Tagebuchschreiber machen sich schnell zum Idioten. Etwa wenn das Private das Politische überstrahlt wie bei Kafka, der just am Tag, als 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, einen Besuch im Schwimmbad notiert. Erst mit dieser Randnotiz voraus erlaubt sich der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk in seinen Aufzeichnungen auch eine Privatheit: „Idiotisch bin ich, wenn ich heute festhalte, wie im Garten die Krokusse aufgehen“, notiert er am 2. April 2009.

Der Widerwille, Gefühle preiszugeben, ist dem Tagebuchschreiber Sloterdijk überdeutlich anzumerken. Rund 40 Jahre lang hat er seine Gedanken über Gott und die Weltgeschichte niedergeschrieben. Dabei habe er nie an eine Veröffentlichung gedacht, vermerkt er im Vorwort – wenig überzeugend. Der Verlag und das Deutsche Literaturarchiv haben ihn überredet. Und so hat er elf seiner mehr als 100 Hefte durchgekämmt, drei Viertel „Peinliches und Belangloses“ ausgemerzt und das Übriggebliebene unter dem gewichtigen Titel „Zeilen und Tage“ in Druck gegeben.

Trotz der Kürzungen ist das Werk über die Zeitspanne 8. Mai 2008 bis 8. Mai 2011 stolze 640 Seiten stark. Und es ist ausdrücklich kein Tagebuch – was bei einem Autor, der von sich am liebsten in der dritten Person redet, auch nicht wundert. Sloterdijk, der vor wenigen Wochen 65 Jahre alt wurde, schlägt die Bezeichnung „datierte Notizen“ vor – „ein bisher wenig belegtes Genre“. Zu den allgemein verständlichsten Stellen zählen jene Gedanken, die tatsächlich mit dem Datum zu tun haben. Die Bluttat von Winnenden: „Sofort ist evident, daß alle außer dem Täter schuld sein müssen.“ Das Plagiat von Karl-Theodor zu Guttenberg: „Der Königssohn hat Kieselsteine gestohlen und soll büßen, als ob es Juwelen gewesen wären.“ Die Katastrophe von Fukushima: „Die Lektion vom Mitbetroffensein aus der Ferne.“ Die meisten Einträge jedoch sind zeitlos – Auseinandersetzungen mit Denkern von Adorno bis 'iek, Assoziationen zur Geschichte von Napoleon bis zu den 1968ern, Anmerkungen zu Büchern von Derrida bis Raddatz, Ausschweifungen zu seinen Reisen von Amsterdam bis Dubai.

Demonstration der Belesenheit

Wie viel die Leser von dieser Demonstration der Belesenheit nachvollziehen können, hängt vom Umfang ihres Allgemeinwissens und ihrer Bibliothek ab. Denn Lesen ist Lebenszweck von Sloterdijk, der einem Kritiker schon mal vorhält, er „habe in Bezug auf meine Arbeiten einen Lektüre-Rückstand von 6000 bis 8000 Seiten“.

Private Einblicke sind rar. Die eingestreuten Vornamen erschließen sich nicht ohne Weiteres. „Mona 17 Jahre alt!“ – dabei geht es wohl um den Geburtstag seiner Tochter. Auch Krankheit und Tod von Freunden sind Thema – und Anlass, das große Ganze zu reflektieren. Aus den Aufzeichnungen lassen sich dennoch einige Charaktereigenschaften herauslesen. Ein misanthropischer, also menschenfeindlicher Zug ist ihm eigen, auch Missmut über eine Gesellschaft, die seine Arbeit nicht schätzt, wird deutlich: „Alle Welt brennt vor Verlangen nach einer neuen verbindlichen Schrift, doch läge sie vor, man würde an ihr herumnörgeln wie an einer Seminararbeit.“ Und dann erst das Fernsehen, das seine Sendung „Das philosophische Quartett“ mitten in die Nacht schiebt und schließlich absetzt, weil sie zur Peepshow nicht tauge.

Sloterdijk reagiert dünnhäutig auf Kritik: „Prominenz als geistige Übung: in den Zerrspiegel sehen und so oft wie nötig die Formel anwenden: Das bin ich nicht, das bin ich nicht.“ Dann lieber die Selbstbespiegelung. Sloterdijk saugt jedes Lob gierig auf. Anders sind die vielen Passagen nicht zu erklären, in denen er die positiven Reaktionen auf seine Bücher, Vorträge und Fernsehauftritte referiert. Hie und da lässt er den Macho raus, etwa wenn er von Damen mittleren Alters spricht, „die wie Besucherinnen vom Stern der Unbeschlafenen wirken“. Er ist stolz auf seine sportlichen Leistungen: 122 Kilometer mit dem Fahrrad an einem Tag. Er kennt auch die Bedrohung „erektile Dysfunktion“ – „Altersteilzeit für gewisse Organe“. Und wem begegnet der Philosoph in feuchten Träumen? „Einer Besucherin aus der Sphäre der Archetypen.“

Schade, dass Sloterdijk zu den hinteren Bänden gegriffen hat, in denen eine gewisse Sättigung und Larmoyanz vorherrschen. Spannender wäre der junge Denker gewesen, frisch vom Baghwan aus Indien kommend und den Besteller „Kritik der zynischen Vernunft“ in der Feder. Doch: „Weitere Editionen von Notizbüchern sind nicht vorgesehen“, steht im Vorwort. Das hat, angesichts der schieren Fülle, etwas Beruhigendes.

Sloterdijk wortwörtlich

• „Überall referieren die Beratergockel vor dem besorgten Publikum und geben Anweisungen zum Umdenken. Sie laufen mit hoch erhobenem Kopf durch die Gegend, als hätte jeder von ihnen den Club of Rome gegründet.“ • „Den höchsten Grad von Erfolg dürfte eine Celebrity erreicht haben, wenn es trotz größtem Widerwillen nicht gelungen ist, dem Bekanntwerden mit ihrer Fresse zu entgehen.“ • „Das ist es, was die Spießer nicht verstehen, die sich maßlos aufregen, weil die Banker das Hundertfache des einfachen Angestellten verdienen. Sie merken nicht, dass sie bei einer SM-Szene mitwirken, in der sie das moralische Genießen entsprechend teuer zu bezahlen haben.“ • „Unter den älteren Herren gibt es eine klare Zweiteilung zwischen denen, die ihren Körperfettanteil in den letzten Jahren dramatisch erhöht haben, und denen, auf die das nicht zutrifft.“ • „Ich hätte vor 30 Jahren ein Album anlegen sollen: enttäuschende Schriftsteller. Hätte ich nach jeder Lektüre, die nicht hielt, was sie versprach, eine Seite eingeklebt, es würde ein halbes Regal füllen.“ Alle Zitate aus: Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage, Notizen 2008 bis 2011 (Suhrkamp, 639 Seiten, 24,95 Euro).

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