Würzburg

Smudo öffnete Türen: Jazzkantine entstaubt den deutschen Jazz

HipHoppern und den Jazzern ist sie gleichermaßen suspekt. Das hält die Jazzkantine um Bandgründer Christian Eitner nicht davon ab, seit 25 Jahren durch die Clubs zu touren.
Jazzkantine mit Produzent, Gründer und Bassist Christian Eitner (rechts).
Jazzkantine mit Produzent, Gründer und Bassist Christian Eitner (rechts). Foto: Marc Stantien

Im Jahr 1994 telefonierte der Bassgitarrist Christian Eitner Musiker für ein Studioprojekt zusammen. Angeregt von einem Crossover-Album des amerikanischen Produzenten Quincy Jones (Frank Sinatra, Herbie Hancock, Michael Jackson), hatte er sich gefragt: Klappt so eine wilde Mischung auch mit Deutsch-Rap? Sie klappte, und das nicht nur auf Platte. Seit einem Vierteljahrhundert ist die Jazzkantine auf Tour. Ende August brachte die Braunschweiger Jazz-HipHop-Combo ihre neue CD "Mit Pauken und Trompeten" raus. Ende Oktober spielt die kleine Bigband beim 35. Jazzfestival Würzburg. 

Frage: 25 Jahre Jazzkantine – was freut Sie an diesem Jubiläum am meisten?

Christian Eitner: Natürlich, dass wir es geschafft haben, über all die Jahre Leute für diese Nische aus Funk, Jazz, Soul und Rap zu begeistern. Oft lösen sich Bands ja nach zwei, drei Jahren wieder auf – und da bin ich schon stolz darauf, die Gruppe so lange zusammenzuhalten. Das war ursprünglich bloß als Projekt gedacht, aber offensichtlich doch eine gute Idee, Jazzer mit HipHoppern zusammenzubringen.

Wie ist der Name Jazzkantine entstanden?

Eitner: Das war eine relativ schwere Geburt, weil ja nicht an eine feste Band gedacht war. Der Name sollte widerspiegeln, dass viele Künstler gemeinsam Musik machen, sich treffen, etwas köcheln und trinken. In einer Firma kommen Leute von verschiedenen Abteilungen in die Kantine und kommunizieren. Trotzdem stieß "Jazzkantine" bei vielen auf Skepsis, bis hin zur Plattenfirma. Grade deswegen haben wir uns gesagt: Das machen wir jetzt einfach! Uns hat schon auch gefallen, dass der Name polarisiert.

Arbeiter und Angestellte gehen in die Kantine. War diese Volksverbundenheit 1994 ironisch gemeint?

Eitner: In Theatern heißt es auch Kantine! Und wir arbeiten ja viel in Theatern. Auf Tour ist es das Catering, aber wir wollten lieber etwas Deutschsprachiges.

Eure Texte sind sehr wortwitzig. Macht Ihr das, um Respekt bei Kunstgenießern zu kriegen?

Eitner: Ja, wenn man das so sieht, kann ich das herzlich gern unterschreiben. Damals fanden viele das allerdings gar nicht so künstlerisch, gerade in der Zeit der HipHop-Battles. Für mich war das auch ein Kampf, den Rappern zu sagen: Macht euch doch mal Gedanken über die Herkunft eurer Musik aus dem Soul, dem Jazz, dem Funk. Und es war andererseits nicht immer einfach, unter Jazzern Offenheit für dieses Crossover zu bekommen. Die mussten schließlich lernen, mit dieser gewissen Monotonie des Rap klarzukommen.

Wie ist das dann gelungen?

Eitner: In den ersten Jahren sind wir ja mit 15 Leuten auf Tour gegangen. Da haben dann außer den Jazz- und den HipHop-Musikern auch die DJs noch mal eine eigene Sprache. Also muss man erstmal gemeinsame Begriffe entwickeln, denn so ein junger Rapper ist es absolut nicht gewohnt, dass ein Saxofonist plötzlich solo spielt und er nichts zu sagen hat. Wir haben letztlich Ablaufzettel für jeden einzelnen Titel geschrieben, bei einem abendfüllenden Konzert kommt schließlich eine Menge unterschiedlicher Aufbauformen zusammen. Diese ganze Arbeit hat einen eigenen Spirit geschaffen, eine besondere Chemie, und die merkt man uns heute noch auf der Bühne an.

Sie sind als einziges Gründungsmitglied noch dabei. Warum die vielen Umbesetzungen?

Eitner: Nun ja – in der jetzigen achtköpfigen Kerntruppe sind wir immerhin schon rund zehn Jahre lang unterwegs. Und die Fluktuation ist gewollt. Dadurch entstehen immer wieder viele neue Farben. Der Posaunist Nils Wogram zum Beispiel kam ziemlich jung zu uns, wollte dann verstärkt mit eigenen Bands spielen, und da konnten wir ganz easy sagen: Mach das. Hat er gemacht, und kam dann nach ein paar Jahren wieder. Und auch wenn mal ein Vokalist ging, konnten wir sagen: Deswegen bricht die Band nicht auseinander.

Gründer, Produzent und Bassist Christian Eitner.
Gründer, Produzent und Bassist Christian Eitner. Foto: Marc Stantien
Ihr hattet zwei bekannte deutsche Jazzer in der Gründungsformation – haben die großen Namen Joo Kraus und Gunter Hampel Anerkennung als Startkapital gebracht?

Eitner: Garantiert! Aber vor allem haben die beiden gesagt: Das ist interessant, da mach ich mit. Später hat uns aber vor allem Smudo von Die Fantastischen Vier viele Türen geöffnet. Ohne ihn wär die Jazzkantine vielleicht ein regionales Projekt geblieben. Nur, losgelöst von solchen Marketing-Überlegungen: Wesentlich ist, dass alle Künstler ihre eigene Handschrift reinbringen. Wenn jemand wie der graugelockte Gunter Hampel am Vibraphon steht, daneben der Rapper Aleksey mit seinen 16 Jahren und dann noch ein DJ – dann muss man allerdings aufpassen, dass das nicht zu gewollt originell wirkt.

Tretet ihr oft auf HipHop-Festivals auf?

Eitner: Nein, eigentlich nicht. Wir hätten gar nicht in die Szene gepasst, in der jeder darauf achtet, dass er authentisch und glaubwürdig ist. Wir haben früher auf großen Popfestivals gespielt, fühlen uns heute aber in kleineren Clubs wohler.

Seid ihr den Rappern zu selbstironisch?

Eitner: Ja, unsere Ironie und das Verspielte kommen bei den HipHoppern nicht so gut an. Im Jazz übrigens auch nicht. Gerade im deutschen Jazz schneidet das Entertainment meist viel zu kurz ab. Mein Vater, ein ganz klassischer Jazzhörer, hat mich mehrmals zu Konzerten von Champion Jack Dupree mitgenommen. Da hab ich erlebt, was Spielfreude ist und wie gut Comedy-Einlagen dazu passen. Wir wollen den deutschen Jazz entstauben, über den Tellerrand rausgucken und wieder tanzbar machen.

Wie jung ist euer Publikum?

Eitner: Das ist über die Jahre mit uns älter geworden, aber wir sehen auch junge Gesichter im Publikum, Leute, die Lust auf Handgemachtes haben. Oder Eltern bringen ihre Kinder mit und erzählen uns: Wir haben uns damals in den Neunzigern in Freiburg bei einem Jazzkantine-Konzert kennen gelernt.

Die Jazzkantine spielt am 27. Oktober beim Jazzfestival Würzburg im Felix-Fechenbach-Haus nach Leléka und Wolfgang Lackerschmid Connection. Tags zuvor treten Axis: The Music of Jimi Hendrix, Nighthawks und das Leo Betzl Trio auf. Beginn je 19 Uhr, Karten zu 40 Euro pro Abend in der Tourist-Information Falkenhaus, im Buchladen Neuer Weg und an der Abendkasse. Informationen www.jazzini-wuerzburg.de

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