Sprachkultur: Wenn die Ducks schillern

Dr. Erika Fuchs: Eigentlich übersetzte sie nur Comics. Doch damit prägte sie auch die deutsche Sprachkultur.
Auf Schillers Spuren: Die Duck-Brüder Tick, Trick und Track und ihr verballhornter Rütli-Schwur (aus „Die Weihnachtswäsche“). Foto: Fotos (2): Copyright Disney

Für Literaturkennerin und Buchkritikerin Elke Heidenreich war die langjährige Micky-Maus-Chefredakteurin und Übersetzerin Erika Fuchs „die wichtigste Frau in meinem Leben“. Die frühere Kulturstaatsministerin Christina Weiss meinte in ihrem Nachruf auf die 2005 im Alter von 98 Jahren gestorbene „Donaldistin“: „In einem vermeintlich trivialen Medium war sie eine Geheimagentin des Guten, Wahren und Schönen.“

Manche meinen, Fuchs, die sich als erstes Mädchen auf einer Jungenschule durchsetzte und dort Abitur machte, habe womöglich mehr für die deutsche Sprachkultur getan als mancher hochgelobter Schriftsteller. Da ist was dran, vor allem wenn es um die populäre Sprachkultur der Neuzeit geht. Gedrechseltes Deutsch a la Thomas Mann eignet sich nicht wirklich für die moderne Form der Kommunikation. Ob bei Twitter oder bei der SMS: Es zählen kurze, knackige Aussagen. „Seufz“, „stöhn“, „grins“: Was die Sprachwissenschaft „interjektiv gebrauchtes Inflektiv“ nennt, transportierte Erika Fuchs via Sprechblasen in den deutschen Wortschatz. Derartige „Erikative“, wie die Sprachbausteine zu Ehren der Comic-Übersetzerin gerne genannt werden, schwirren heute millionenfach durchs weltweite Netz, werden von Telefon zu Satellit zu Telefon gebeamt. Sie drücken in wenigen Buchstaben eine Stimmungslage aus.

Donald in den Feuilletons

„Man kann gar nicht gebildet genug sein, um Comics zu übersetzen“, sagte Erika Fuchs über ihre Arbeit mit den kurzen Sprechblasentexten, zu der die promovierte Kunstwissenschaftlerin bald nach dem Krieg eher zufällig kam und schließlich Jahrzehnte dabei blieb. Die Bildung der Tochter aus bürgerlichem Hause zeigte sich auch bei ihrer Arbeit. Gerne verarbeitete sie Klassiker-Zitate (siehe Kasten). Vor allem schillern ließ sie die Ducks: Zitate dieses deutschen Dichters finden sich besonders oft in den Sprechblasen von Donald und Co. und machen einen Großteil des Vergnügens aus, den Erwachsene an den deutschsprachigen Versionen der Disney-Geschichten haben. Ein intellektuelles Vergnügen, das die originalen amerikanischen Comics so nicht bieten.

Und auch die neuen deutschen Übersetzungen kommen in dieser Hinsicht an Fuchs-Arbeiten nicht ran. Selbst in den Feuilletons angesehener überregionaler Tageszeitungen in Deutschland sitzen Anhänger von Entenhausen und seinen Sprüchen, die oft klammheimlich in die Zeitungsseiten Eingang finden. Sogar die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, Lieblinglektüre des deutschen Bildungsbürgers, zitiert schon mal Donald a la Fuchs. Aufgewachsen in Hinterpommern, studierte Erika Fuchs in Lausanne, München und London. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Ehefrau eines Heizungsfabrikanten und zweifache Mutter ihre Tätigkeit als Übersetzerin und bekam irgendwann vom deutschen Ehapa-Verlag (früher Stuttgart, heute Berlin) das erste amerikanische Micky-Maus-Heft zur Übertragung in die Hand. „Ich sagte spontan, das geht nicht in Deutschland“, erinnerte sich Erika Fuchs später. Erst allmählich packte sie das Vergnügen an der sprachlichen Tüftelei mit den kurzen Blasentexten.

Erika Fuchs, der „Geheimagentin“ in den deutschen Kinderstuben der Nachkriegszeit, hat jetzt der Münchner Autor Ernst Horst ein fundamentales Werk gewidmet. Horst ist Gründungsmitglied und „Ehrenpräsiderpel“ der „Deutschen Organisation der nichtkommerziellen Anhänger des lauteren Donaldismus“ (D.O.N.A.L.D.), die auch ein eigenes „Zentralorgan“ herausgibt und eine Homepage betreibt (www.donald.org).

Horst hat seinem Buch den Titel „Nur keine Sentimentalitäten!“ gegeben. In seinem Kapitel über die Donaldisten räumt er ein, diese Leute hätten zwar „alle einen schweren Zacken“, bei ihren Deutschlandtreffen (mit richtigen Kongressen) finde man aber auch eine „Mischung von bestechender Einfalt und verblüffendem Scharfsinn“. Der Autor schildert nicht nur seine persönliche Prägung durch die Lektüre der Micky-Maus-Hefte seit den 50er Jahren (mit übrigens überwiegend männlichen Lesern), sondern geht mit ungeheurer Akribie allen Einzelheiten und Facetten der Welt von Entenhausen (Duckburg im englischen Original) nach, und vor allem ihrer Übertragung ins deutsche „Irgendwo“ mit den oft einfallsreichen Übersetzungen der Sprache von Donald, seinen Neffen Tick, Trick und Track, dem schwerreichen Onkel Dagobert, den Panzerknackern („Harr, harr!“), Gustav Gans oder dem notorischen Erfinder Daniel Düsentrieb.

Von Klassiker bis Teenager-Slang

So lernt der Leser auch die Herkunft vieler Wortschöpfungen zum Beispiel aus dem Oberfränkischen oder aus Berlin, wo Fuchs länger lebte, wie „eingeschnittene Klöß“, „überkandidelt“ oder „blümerant“. Der Angeber und Glückspilz Gustav Gans wird von Onkel Donald „Lackaffe“ und „eitler Fatzke“ genannt. Fuchs zog alle Register der Sprache, von Klassiker-Zitaten über die Umgangssprache bis zum Teenager-Slang. Nicht zu vergessen die philosophischen Anmerkungen oder Zitate von Schiller bis Goethe, die die studierte Kunstwissenschaftlerin immer wieder einstreute.

Vor allem aber gibt der Autor einen detailreichen Einblick in die Schreibwerkstatt von Erika Fuchs, was selbst vielen Lesern von Donald-Duck- und Micky-Maus-Heften bisher unbekannt sein dürfte, auch wenn sich Ernst Horst dabei manchmal auf allzu viele Nebenwege begibt oder sich zu sehr in Theorien versteigt. Meist ist es aber sehr fundiert und spannend zu lesen allemal. Wirklich ein kleines Standardwerk für alle Freunde von Donald Duck, die den Namen ihres Anti-Helden natürlich auch deutsch aussprechen und nicht amerikanisch „Donnelt Dack“. Text: hele/dpa

Ernst Horst: Nur keine Sentimentalitäten! Wie Dr. Erika Fuchs Entenhausen nach Deutschland verlegte (Blessing Verlag, 384 Seiten, 22,95 Euro)

Gelehrte Zitate aus Entenhausen

Erika Fuchs verwob in ihre deutschen Übersetzungen von Donald-Duck-Geschichten gerne Klassiker-Zitate. Vor allem die Geschichten des Zeichners und Texters Carl Barks inspirierten die promovierte Kunsthistorikern. Die Zitate sind nicht immer offensichtlich. Selbst Kenner der Literatur müssen oft grübeln Beispiele:

 

„Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns waschen und Gefahr“ – die Schmutzfinken Tick, Trick und Track wandeln den Rütli-Schwur aus Schillers „Wilhelm Tell“ ab. „Spät kommt ihr, doch ihr kommt“ – Donald Duck zu seinen Neffen, geprägt von Schillers „Wallenstein“. „Nun sieh dir diese schwankenden Gestalten an!“ – Entenhausener Forstbeamter angesichts der schlaffen Bewerber für den Forstdienst (darunter Donald Duck) in Anlehnung an Goethes „Faust“-Zueignung „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten“. „Wo man raucht, da kannst du ruhig harren, Menschenfresser haben keine Zigarren“ – Donald nach Johann Gottfried Seumes (1763 bis 1810) „wo man singt, da lass dich ruhig nieder . . .“. „Dem Ingenieur ist nichts zu schwör“. Erfinder Daniel Düsentrieb zitiert das „Ingenieurlied“ von Heinrich Seidel (1842 bis 1906). Original: „Dem Ingenieur ist nichts zu schwere.“ Der Rabe Nimmermehr in der gleichnamigen Geschichte ist eine Anspielung auf Edgar Allan Poes berühmtes Gedicht „The Raven“. Hier krächzt der unheimliche Rabe immer wieder „nevermore“ – auf Deutsch nimmermehr.

Erika Fuchs mit Carl Barks. FOTO: dpa:

Ein bisschen Goethe: Donald Duck als Zauberlehrling (aus„Falscher Zauber“).

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