WÜRZBURG

Stimmung wie im Madison Square Garden

Die Straßenlaterne verneigt sich: Die dreizehnköpfigen 17 Hippies aus Berlin beim Hafensommer in Würzburg.
Die Straßenlaterne verneigt sich: Die dreizehnköpfigen 17 Hippies aus Berlin beim Hafensommer in Würzburg. Foto: Patty Varasano

Gegen Ende, da (ver-)neigt sich sogar die Straßenlaterne in der Bühnenmitte. In immer wagemutigere Schieflage senkt sich die leuchtende Lampe, als wolle sie nicht mehr die einzig Unbeteiligte, Regungslose sein in all dem Treiben und Trubel um sie herum. Denn auf der Bühne – und vor der Bühne, oben, unten, vorne, hinten – trommeln und fiedeln, schrammeln und wirbeln, flöten und posaunen, hüpfen, singen, tanzen, klatschen einfach alle. Oder schnippen wenigsten mit den Fingern und wippen mit den Knien im Takt. Partystimmung am Heizkraftwerk, die „17 Hippies“ feiern ihr 20-jähriges Band-Zusammensein – und das Zehnjährige des Hafensommers gleich mit.

Vor vier Jahren musizierten die Hippies, die nie 17 waren und jetzt 13 sind, schon mal auf der schwimmenden Bühne im Alten Hafen. Man wusste, was kommt: mitreißende Folk-Chanson-Balkan-Klabautermusik mit Geigen und Akkordeon, Ukulele und Kontrabass, Banjo und Posaune, Klarinette und Trompete, Schellen und Schlagzeug, sonstigen Zupf-, Schlag- und Ziehinstrumenten und singender Säge.

Einer der 13 nimmt das mit dem Waschbrettbauch wörtlich, klemmt sich ein altes Haushaltsgerät vor den Leib und ritschratscht im Rhythmus rauf und runter. Sie geben sich als Spaßtruppe, die vor 20 Jahren in Kreuzberger Bars zusammenfand, weil ein paar Musiker einfach Bock hatten, mit akustischen Instrumenten ohne Techno und Show hausgemachte Musik zu machen. Jetzt sind sie ein buntes Ensemble, in der jeder Mal mit einem der zig Instrumenten im Mittelpunkt stehen und laut und wild sein darf. Und das sich bei aller Professionalität, nach zig Auslandsreisen mit und ohne Kakerlaken, einer Dauertournee und über einem Dutzend Alben unbändige Spiellust und freudvolle Sinnlichkeit bewahrt hat.

In Würzburg stehen die quirligen Musikanten einmal tatsächlich einen Moment lang fast still um die Laterne, blicken andächtig, wiegen den Kopf. „Das nächste Stück ist aus Berlin, es ist ein türkisches Stück“, heißt die Ansage. Und – plonk, zupf, blas – schon geht das Wirbeln und Zwirbeln, orientalisch anmutig nun, weiter.

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17 Hippies

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Am Ende tobt das Publikum unter Anleitung, als sei die Heizkraftwerkstreppe der Madison Square Garden. Wer nicht auf den nächsten Besuch der 17 Hippies auf „einer der tollsten Bühnen Europas“ warten mag, dem sei die aktuelle Best-Of-Platte „Anatomy“ empfohlen. Aber vorher die Wohnzimmerlampe festbinden.

Mächtig Töne gezogen: Der Akkordeonist der Hippies.
Mächtig Töne gezogen: Der Akkordeonist der Hippies. Foto: VARASANO

Rückblick

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  5. Hafensommer: Kettcars Aufruf, Löcher in Zäune zu schneiden
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  25. Rebellen mit E-Gitarren beim Hafensommer
  26. Das Tingvall Trio lässt die Musik kreisen
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  28. Der neue Hafensommer kommt gut an
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  33. Hafensommer-Chefs: „Wir wollen auch herausfordern“
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  48. Bilanz der ersten Hafensommer-Woche: Huij und Respekt
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