MEININGEN

Szenen aus dem irdischen Jammertal

Die Fremde und die anonyme Menschenmenge: Elif Aytekin als Mutter aus einem fernen Land in einer der berührendsten Szenen der Meininger „Carmina Burana“. Foto: Sebastian Stolz

Carl Orffs „Carmina Burana“ im Meininger Theater. 60 Minuten, die die Sicht auf das 1937 uraufgeführte weltliche Kantatenwerk verändern. Der gewaltige Chorsatz „O Fortuna“ zu Ehren der Schicksalsgöttin, der das Geschehen einrahmt, spukt uns hauptsächlich als Untermalung für Werbespots und Spielfilme durch den Kopf. Doch der Niederländer Ivar Thomas van Urk inszeniert die „Lieder aus Benediktbeuern“ ganz anders als erwartet.

60 Minuten, die die monumentalen Aufführungen vergessen lassen, die man in heiligen Hallen oder auf Domstufen gesehen hat, szenisch oder konzertant. Die Erwartung, mit der wir ins Theater kommen, wird vom ersten Augenblick an infrage gestellt. Die Folge: Verunsicherung. Bis uns das Geschehen um die weltlichen Gesänge in lateinischer und mittelhochdeutscher Sprache aus dem 11. und 12. Jahrhundert (die Szenentitel werden deutsch eingeblendet), bis uns das Geschehen in den Bann zieht. Unsere emotionalen Reaktionen erinnern an das aufgewühlte Erstaunen, das vor zwei Jahrzehnten die Meininger Inszenierung von Karel Wojtylas „Ecce Homo“ durch den polnischen Regisseur Janusz Wisniewski hervorrief.

Nun sind der niederländische Regisseur, seine Bühnen- und Kostümbildnerin Anja Hertkorn, die Choreografin Mara Kurotschka, GMD Philippe Bach, die Meininger Hofkapelle und der Chorleiter Martin Wettges nicht angetreten, das Werk musikalisch auf den Kopf zu stellen. Alles ist da, was man von den Gesängen über die Flüchtigkeit des Lebens und die, angesichts der Endlichkeit schier verzweifelt genossenen Lustbarkeiten – Völlerei, Suff, Glücksspiel und Wollust – weiß. Chor, Extrachor, Suhler Knabenchor und Suhler Singakademie bekunden die Launen im irdischen Jammertal als hätten sie Latein und Mittelhochdeutsch mit der Muttermilch aufgesogen. Und dazu die wunderbaren Solisten: die Sopranistin Elif Aytekin als bunte, verletzliche Gestalt inmitten eines allumfassenden Grauens. Tenor Ondrej Šaling und Bariton Dae-Hee Shin als die Wortführer einer Menschenmenge, die das Fremde misstrauisch und gleichzeitig lüstern beäugt.

Grau in Grau in Grau

Die Chöre stehen im Bühnenhintergrund vor schwarzer Wand und hinter einem Streifenvorhang, so dass wir ihre Erscheinung anfangs leicht verschwommen wahrnehmen. Wenn sie sich mit der Zeit einzeln, paar- und gruppenweise nach vorne begeben, erkennt man nur Männer und Frauen in Grau. Graue Anzüge, lange graue Haare und fleischfarbene Augenmasken. Der Gesang, die Bewegungen – synchron zum mitreißenden Rhythmus und zur suggestiven Kraft der eingängigen Melodik. Gesang und Bewegungen im Gleichschritt oder in unbeholfenen Versuchen, Reste von Individualität zu wahren, werden alsbald so uniform wie das Aussehen der Menschenmenge.

Die Botschaft, die uns der Regisseur und sein bewundernswert aufeinander eingespieltes Ensemble mitteilen wollen, ist zeitlos. Wenige unter den Zuschauern haben sie wohl bisher mit ihrer eigenen Deutung verbunden. Dramaturg Daniel Westen bringt die Botschaft auf den Punkt: Der „kollektive Gleichgesang“, der „beinahe gleichgültige Pomp an dionysisch-satyrischem Treiben“ als Ausdruck der „Wanderungen der Gleichgültigen durch das Einfallstor des Bösen“.

Wenn man die Carmina Burana als Gegenentwurf zu dieser allseits sichtbaren gesellschaftlichen Bewegung sieht – und das Regieteam tut das –, muss sich der grauen Menschenmenge etwas Unerwartetes, Andersartiges entgegenstellen. Und das geschieht auf eine überraschende Weise, die sich den Zuschauern tief ins Gedächtnis prägt: Atemberaubend choreografierte und gesungene Massenszenen, in denen sich die graue Menge ablehnend um eine Flüchtlingsmutter im farbenfrohen Sari (Elif Aytekin) und ihre beiden, noch Schwimmwesten tragenden Kindern schart, wandeln sich am Ende zu einer Vision. Zum Traum von einer Gemeinschaft von Individuen verschiedenster Couleur und verschiedenster Kulturen.

Der Schlusschor wird damit zu einer einzigartigen Beschwörung der Einheit in der Vielfalt. Nur damit lassen sich die „Wunden, die Fortuna schlug“ ertragen und das irdische Jammertal menschenwürdig durchschreiten.

Nächste Vorstellungen: 8. und 17.3., jeweils 19.30 Uhr, 25.3., 19 Uhr, 31.3., 19.30 Uhr. Kartentelefon (03 693) 45 12 22. Internet: www.meininger-staatstheater.de

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