Würzburg/Schweinfurt

Tag der Provenienzforschung: Eine Disziplin stellt sich vor

Erstmals findet am 10. April der Tag der Provenienzforschung statt. In Würzburg und Schweinfurt laufen seit Jahren Projekte zur Erforschung der Herkunft. Ein Überblick.
Die Historikerin Beatrix Piezonka erforscht seit November 2014 im Museum im Kulturspeicher in Würzburg die Herkunft der Kunstwerke. Am 14. April lädt sie zu einer Kuratorenführung ein.
Die Historikerin Beatrix Piezonka erforscht seit November 2014 im Museum im Kulturspeicher in Würzburg die Herkunft der Kunstwerke. Am 14. April lädt sie zu einer Kuratorenführung ein. Foto: Patty Varasano

Kunstwerke, angeblich im Wert von über einer Milliarde Euro, alles von den Nazis geraubte Gemälde, Drucke und Zeichnungen: Diese Schlagzeilen gingen vor über fünf Jahren um die Welt. Die Erforschung der Provenienz eines Kunstwerks begann jedoch nicht erst mit dem Fall Gurlitt. Aber durch den sogenannten Münchner oder Schwabinger Kunstfund, der 2013 für Aufsehen sorgte, war der lateinische Begriff "Provenienz" – für Herkunft – und dazu das Schlagwort "Raubkunst" in aller Munde. Zudem hat der Fall Gurlitt in manchen Museen die Aufarbeitung des Bestandes durchaus beschleunigt oder sogar erst in den Fokus gerückt.

An diesem Mittwoch, 10. April, findet nun der "1. Internationale Tag der Provenienzforschung" statt. Initiiert wird er vom Arbeitskreis Provenienzforschung. Der gut vernetzte Verein hat laut eigenen Angaben über 270 Mitglieder aus Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden, Österreich, der Schweiz und den USA. Er möchte mit dem Tag "auf die gesellschaftliche und wissenschaftliche Relevanz der komplexen Arbeit" der vielen Forscher – meist sind es Forscherinnen – aufmerksam machen, die in den Museen die Herkunft der Werke akribisch recherchieren; zudem  Fragestellungen und Methoden erklären.

Überblick über Projekte in Würzburg 

In Würzburg hat die Aufarbeitung der NS-Zeit bereits vor über sechs Jahren begonnen – vor dem Fall Gurlitt. Das Museum im Würzburger Kulturspeicher setzte sich als Nachfolgeeinrichtung der Städtischen Galerie in der Ausstellung "Tradition und Propaganda" mit der Geschichte seines Bestandes auseinander. Nach der Ausstellung erfolgte die Inventarisierung des Bestandes. Seit November 2014 durchleuchtet die Historikerin Beatrix Piezonka die Sammlung auf NS-Raubkunst. 

1633 Werke standen anfangs im Fokus, nicht alle waren verdächtig. Bei 227 Gemälden und rund 1400 Papierarbeiten jedoch hatte die Herkunftsgeschichte Lücken. In ihrem Bericht, den Beatrix Piezonka vor einem Jahr veröffentlicht hat, sagte sie gegenüber dieser Zeitung: 62 Gemälde seien vollständig abgeklärt, 59 als unbedenklich eingestuft worden, 165 hätten weiterhin eine lückenhafte Provenienz. Drei oder höchstwahrscheinlich vier Werke gelten als belastet.

Erste Ausstellung zur Provenienzforschung im Kulturspeicher

Beatrix Piezonka hat zusammen mit Henrike Holsing, der stellvertretenden Direktorin des Kulturspeichers,  die Ausstellung "Herkunft & Verdacht" konzipiert. Sie läuft im Kulturspeicher noch bis 28. April und wurde auf der Internationalen Tagung in Berlin im November 2018 anlässlich 20 Jahre Washingtoner Prinzipien als wegweisend hervorgehoben. 

Bei der Suche nach der Herkunft eines Kunstwerks steht auch die Rückseite eines Bildes im Blickpunkt. Dort gibt es oft entscheidende Informationen. Im Bild: Die Rückseite von 'Dame mit rotem Haar' von Hugo von Habermann im Würzburger Kulturspeicher.
Bei der Suche nach der Herkunft eines Kunstwerks steht auch die Rückseite eines Bildes im Blickpunkt. Dort gibt es oft entscheidende Informationen. Im Bild: Die Rückseite von "Dame mit rotem Haar" von Hugo von Habermann im Würzburger Kulturspeicher. Foto: Beatrix Piezonka, Museum im Kulturspeicher

Ihre Suche nach der Herkunft der Bilder und die Erstellung eines lückenlosen Steckbriefs ist noch nicht zu Ende. In einem vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Nachfolgeprojekt nimmt Piezonka nun die Werke unter die Lupe, die von 1946 bis 1975 erworben wurden.

Auch das Museum für Franken erforscht die Herkunft seiner Sammlung. Von April 2018 bis Jahresende durchsuchte die Historikerin Magdalena Bayreuther dort den Bestand. Ihre Stelle ist momentan neu ausgeschrieben.

Spektakulärer Fund im Depot des ehemaligen Mainfränkischen Museums

Bereits 2016 kam im Depot ein spektakulärer Fund ans Licht: sieben Kisten mit rund150 jüdischen Ritualobjekten. Etwa ein Drittel wurde während des Novemberpogroms 1938 aus unterfränkischen Synagogen beschlagnahmt, ergaben die Forschungen von Bernhard Purin, Direktor des Jüdischen Museums in München. Dort wird der Fund noch bis 1. Mai präsentiert, ab 5. Juni dann im Museum für Franken in Würzburg.

Die Provenienzforschung im Museum am Dom läuft seit 2018. Es hat sich an die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern gewandt, weil zu seinem Bestand ein Konvolut von rund 340 Kunstwerken des Künstlers Konstantin Bogajewski gehört, bei denen bei einzelnen Werken der Anfangsverdacht von NS-bedingt unrecht verlagertem Kunstgut besteht, so das Museum.

Die Kunsthistorikerin Sibylle Ehringhaus, Provenienzforscherin im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt.
Die Kunsthistorikerin Sibylle Ehringhaus, Provenienzforscherin im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt. Foto: Anand Anders

Ein Blick nach Schweinfurt

Die Kunsthistorikerin Sibylle Ehringhaus ermittelt seit Dezember 2016 im Auftrag der Stadt Schweinfurt die Herkunft der Bilder im Museum Georg Schäferbeziehungsweise in der Sammlung-Dr.-Georg-Schäfer-Stiftung. Es geht bei rund 1000 Gemälden und 4000 Zeichnungen, Aquarellen und Gouachen darum, ob sie der NS-Raubkunst zuzuordnen sind. Ehringhaus hat einen ersten Schritt abgeschlossen: Die Prüfung aller etwa 20 Bilder, für die Restitutions-, also Herausgabeforderungen vorliegen. Das Ergebnis liege der Stiftung vor, sie selbst sage dazu nichts.

Fernziel ist die Klärung der Herkunft aller Arbeiten, sagen Museumsleiter Wolf Eiermann und Fritz Ritzmann, Enkel des Sammlers Georg Schäfer und Vorstand der Stiftung. Einstweilen aber wird nach Prioritäten vorgegangen. Dabei stehen oben auf der Liste die Gemälde, die als Leihgabe das Land verlassen – es wäre höchst misslich, wenn sich das Museum einer Herausgabeforderung aus dem Ausland gegenüber sähe. Etwaige Rückgaben stehen nicht zur Debatte. Die Stiftung als Eigentümerin der Bilder bekennt sich – im Gegensatz zur Stadt Würzburg – nicht zur Washingtoner Erklärung von 1998. Nach ihr verpflichten sich 44 Staaten und etliche Organisationen, Werke der Raubkunst zu identifizieren, Vorkriegseigentümer oder Erben ausfindig zu machen und "gerechte und faire" Lösungen zu finden.

Mitarbeit: Mathias Wiedemann

Veranstaltungen zum Tag der Provenienzforschung
Am Mittwoch, 10. April, gibt es zum Tag der Provenienzforschung eine Veranstaltung mit Kurzvorträgen im Museum am Dom.Sie findet in Kooperation mit der Universität Würzburg statt und legt den Fokus auf die Kunstsammlungen der Diözese Würzburg sowie der Universität. Von 14 bis 16 Uhr werden dort Fragen beantwortet, zum Beispiel: Wie wurden Gegenstände aus jüdischem Besitz in der NS-Zeit geraubt oder weit unter Wert "günstig" erworben? Ein Vortrag behandelt zudem die Würzburger Kunsthandlung Seligsberger. Internet: www.museologie.uni-wuerzburg.de/forschung/tagungenveranstaltungen/1-tag-der-provenienzforschung/
Am Sonntag, 14. April, lädt das Museum im Kulturspeicher zur Kuratorenführung durch die Ausstellung "Herkunft & Verdacht". Ab 11.15 Uhr erläutert die Provenienzforscherin Beatrix Piezonka die Herkunftsgeschichte von Objekten. Sie stellt unbedenkliche und hoch belastete Werke vor.

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