MASSBACH

Theater Maßbach: Elfjährige kehrt ihr Innerstes nach außen

„Wir alle für immer zusammen“: Szene mit Iris Faber (hinten), Nilz Bessel, Inka Weinand.
„Wir alle für immer zusammen“: Szene mit Iris Faber (hinten), Nilz Bessel, Inka Weinand. Foto: Sebastian Worch

Pollekes Leben ist ein bisschen wie der verrückte Smiley, der im Bühnenhintergrund auf der Klassenzimmertür die Zunge rausstreckt: crazy, irre. Ihr Lehrer ist in ihre Mutter verliebt, was – so findet die Elfjährige – zwar nicht verboten, aber doch irgendwie abartig ist. Ihr Vater Spiek ist ein Dichter ohne Werk, weil er sich mehr den Drogen als der Poesie widmet. Ihr Freund Mimun macht mit ihr Schluss, obwohl er sie liebt – wegen Kultur und Religion, wie er sagt. Klingt nach Teenager-Soap fürs Theater adaptiert? Ist es aber nicht.

Das Jugendstück „Wir alle für immer zusammen“ von Guus Kuijer, das im Theater im Pferdestall am Fränkischen Theater Schloss Maßbach Premiere feierte, ist komisch und tiefgründig zugleich, realistisch und fantastisch. Vor allem aber ist die Inszenierung von Thomas Klischke eines: überzeugend.

Der Regisseur lässt die mehrfach preisgekrönte Kuijer-Vorlage von Anfang bis Ende in einem Klassenzimmer spielen. In Klischkes Fassung erzählt Polleke (Iris Faber) mit ihren Freunden Mimun (Nilz Bessel) und Caro (Inka Weinand) die Geschichte ihres Sommers als Theaterstück. Das Mädchen steht also vor ihrer Klasse auf der Bühne und kehrt nicht dem Theaterbesucher, sondern ihren Mitschülern ihr Innerstes nach außen. Kreativ, mit Liebe zum Detail, geht Klischke mit den spärlichen Requisiten um: Da wird die Tafel zur Tür, die Lampe zum Telefon, Schattenspiele auf dem Overheadprojektor erschaffen ganze Bauernhofszenerien. Neben Pollekes humorvoller Sicht auf die Welt sind es diese Einfälle, die die Zuschauer immer wieder herzhaft lachen lassen.

Der 31-jährigen Iris Faber nimmt man die Elfjährige ohne Weiteres ab, weil ihr Spiel weder pseudo-jugendlich noch peinlich wirkt. Ihr Zorn auf das Leben – manchmal schon ein rechtes „Brechmittel“, wie sie findet – ist echt, ihre ersten poetischen Versuche – das Mädchen träumt davon, Dichterin zu werden – rezitiert sie entwaffnend, ihre Liebe zu ihrem Kälbchen und zu ihrem Freund Mimun berühren. Alle restlichen Figuren spielen Inka Weinand und Nilz Bessel. Blitzschnell wechseln die beiden zwischen ihren Rollen: von der vorlauten Göre Caro zur vollbusigen Mutter Tina, vom schüchternen Mimun zum verklemmt-netten Lehrer Walter. Im Galopp sprintet Polleke von einer Erinnerung zur nächsten, friert immer wieder mit einem Schnipsen das Bühnenspiel ein, um das Gespielte zu kommentieren oder gar zu manipulieren. Als sich Lehrer und Mutter küssen, hält sie mal eben die Hand dazwischen.

Irr wird Polleke nicht an diesem konfusen Leben. Als echte Heldin ist sie der brüchigen Gegenwart gewachsen. „Alles ist gut so wie es ist“, dichtet sie, „ein Fisch gehört ins Wasser, ein Vogel in die Luft. Eine Hand in meine. Seine.“

Die nächsten Termine: Montag, 23. April, bis Freitag, 27. April, jeweils 10 Uhr im Theater im Pferdestall in Maßbach. Karten: Tel. (0 97 35) 2 35.

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