Meiningen

Theater Meiningen: Zweite Chance für eine Oper mit NS-Makel

Das Theater Meiningen hat Othmar Schoecks seit dem Krieg geächtete Eichendorff-Oper „Das Schloss Dürande“ aus dem Jahr 1943 mit neuem Libretto uraufgeführt – mit Erfolg.
Liebe in Zeiten der Revolution: Sophie Gordeladze als Gabriele
Liebe in Zeiten der Revolution: Sophie Gordeladze als Gabriele Foto: Sebastian Stolz

„Hat dieses Werk eine zweite Chance?“, fragten sich die, die im Meininger Theater mit Spannung die Uraufführung einer neuen Fassung von „Das Schloss Dürande“ in Regie von Ansgar Haag erwarteten. Nach Ende der Oper des Schweizer Komponisten Othmar Schoeck (1886-1957) kann man mit Gewissheit sagen: „Aber ja.“

Man muss dazu wissen, dass sich der als unpolitisch geltende Schoeck auf eine unheilige Allianz mit den Nationalsozialisten eingelassen hatte, um seine Werke im deutschsprachigen Raum auf die Bühne zu bringen. So akzeptierte er in Erwartung der Uraufführung an der Berliner Staatsoper 1943 ein mit völkischer Symbolik durchsetztes, grottenschlechtes Libretto des NS-Hofdichters Hermann Burte nach der Novelle von Joseph von Eichendorff.

Das neue Libretto ist viel stärker Eichendorff verpflichtet

Die Oper wurde nach 1945 von den Bühnen verbannt. Bis es vor kurzem einer Gruppe von Musikwissenschaftlern gelang, ein neues Libretto zu konzipieren, das sich direkt der Eichendorffschen Novelle und seinen Gedichten verpflichtet fühlt. Das Anliegen der Experten erleichterte die belegbare Vermutung, Schoeck selbst habe dem Ursprungslibretto „vorauskomponiert“ und sich weit mehr an Eichendorff gehalten als an Burte.

Die Novelle erzählt von einer Tragödie, die der Dichter in die Zeit der beginnenden französischen Revolution setzt. Der Jäger Renald vergeht vor Hass auf Armand, den jungen Herrn auf Schloss Dürande in Südfrankreich. Er glaubt, der Adlige habe seine Schwester Gabriele entführt und halte sie in Paris gefangen. Dort schließt sich der Bruder Rebellen an, die nichts als Zerstörung und Rache kennen.

Wer ist Jäger, wer gejagtes Wild?

Am Ende belagert die Meute Schloss Dürande, Renald tötet Armand und versehentlich seine Schwester und erkennt zu spät, dass sich der Adlige und Gabriele wahrhaftig liebten. In seiner Verzweiflung legt er Feuer. Zurück bleibt der treue Diener Nicolas mit der Frage, wer in einer Zeit, in der alles aus den Fugen gerät, Jäger ist und wer gejagtes Wild. Diese Botschaft ist denn auch die einzige, die der Regisseur mit der Gegenwart verbindet. Ansonsten inszeniert Haag mit großem Respekt vor dem Original, bildmächtig zwar, aber mit wenigen eigenen Gedankensprüngen.

Die Geschichte ist aus dem Stoff, aus dem eine romantische Oper sein könnte. Voller Klischees und Inbrunst. Naturidylle paaren sich mit großen Gefühlen, tragischen Verstrickungen, Spannungen zwischen „Oben“ und „Unten“, mit der Sehnsucht nach einer besseren Welt und mit Wehmut über das Verlorene. Othmar Schoeck hat für die aufgewühlte Gefühlslandschaft eine kongeniale Tonsprache gefunden, die spätromantische Musikalität mit zeitgenössischen Klängen vom Beginn des 20. Jahrhunderts verbindet, ohne sich allerdings der Avantgarde der Neutöner zu öffnen.

Die Empathie mit der Schoeck Eichendorffs Empfindungen in Noten umsetzt, nützen und achten die Experten um den Neu-Librettisten Francesco Micieli und den musikalischen Adapteur Mario Venzago. Diese Empathie nützen und achten auch die Meininger Hofkapelle unter Generalmusikdirektor Philippe Bach, Chor und Extrachor unter André Weiss und der Regisseur mit seiner traditionellen Personenführung.

Gelegentlich treten die Sänger neben ihre Rollen

Gelegentlich treten die Künstler neben ihre Rollen und singen die Handlung narrativ in Richtung Publikum, um sich dann wieder im Gesang spielerisch ihren Partnern zuzuwenden. Betörend, wie die Sänger und Sängerinnen die Schwingungen der diffizilen und nur selten gereimten (übertitelten) Sprache in die Melodik integrieren: In der Sonntagspremiere Sophie Gordeladze als Gabriele, Shin Taniguchi als ihr Bruder, Ondrej Saling als Armand, Roland Hartmann als Nicolas, Anna Maria Dur als Priorin, Sonja Freitag als Gräfin Moravaille, Matthias Grätzel als alter Graf und viele andere. Ein emotionaler Höhepunkt des dreistündigen Abends: Wenn Gabriele Eichendorffs Gedicht „In einem kühlen Grunde“ ganz anders als nach Friedrich Glücks bekannter Weise interpretiert. Da spürt man Gänsehaut, wenn sich eine Melodie aus uralten Zeiten plötzlich in den Armen der Moderne wiederfindet.

Und wer schafft den passenden Rahmen, in der atmosphärische Dichte gedeihen kann? Das Ausstatterduo Bernd Dieter Müller und Annette Zepperitz: Ein tiefer Raum mit fernem Fluchtpunkt, Projektionen und Lichteffekten, schiefen Ebenen und Wänden, die die Stimmungen wie ein Trichter Richtung Publikum verstärken.

Nächste Vorstellungen: 16. und 29. März, 19.30 Uhr. Karten Tel. (03693) 451 222. www.meininger-staatstheater.de

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