HAMBURG/WÜRZBURG

Thomas Hengelbrock über das Elbphilharmonie-Gefühl

Vor der Eröffnung: Dirigent Thomas Hengelbrock über musikalische Möglichkeiten, Kosten und Emotionen
Kathedralenhaft, dennoch behaglich und mit exzellenter Akustik: So beurteilt Dirigent Thomas Hengelbrock den großen Saal der Elbphilharmonie. Foto: Fotos Iwan Baan, Michael Zapr

Thomas Hengelbrock ist Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters, Gründer und Leiter der Balthasar-Neumann-Ensembles, Chef associé des Orchestre de Paris und Mitgründer des Freiburger Barockorchesters. Der 1958 in Wilhelmshaven geborene Musiker hat an der Würzburger Hochschule für Musik studiert. Von 2010 bis 2012 war er künstlerischer Berater des Würzburger Mozartfestes. Thomas Hengelbrock zählt zu den herausragenden Opern- und Konzertdirigenten. Sein Repertoire reicht von Musik des 17. Jahrhunderts bis hin zu zeitgenössischen Werken und umfasst alle Gattungen. Mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester eröffnet Hengelbrock am 11. Januar die Elbphilharmonie.

Frage: Sie kennen zahlreiche Konzertsäle im In- und Ausland. Wie würden Sie den großen Saal der Elbphilharmonie einordnen: einer der besten der Welt?

Thomas Hengelbrock: Das ist er mit Sicherheit. Er ist traumhaft schön geworden. Wir sind seit dem 2. September mit dem Elbphilharmonie Orchester im Saal. Die Musiker sind seit der ersten Probe wie verwandelt.

Lassen sich in der Akustik des großen Saals nun Dinge verwirklichen, die in anderen Sälen nicht möglich wären? Ein noch zarteres Piano vielleicht . . .

Hengelbrock: Ganz sicher. Es gibt verschiedene großartige Aspekte. Zunächst einmal, dass Sie Musik in einer unglaublichen dynamischen Bandbreite spielen können. Sie können hier vom leisesten Pianissimo bis zum stärksten Fortissimo alles wagen. Zudem werden alle Instrumentenfarben sehr naturgetreu abgebildet. Die Trennschärfe zwischen den einzelnen Farben ist hoch. Zugleich strahlt der Gesamtklang Wärme aus. Gut fürs Publikum: Sogar auf den preisgünstigsten Plätzen hört man phänomenal gut. Es gibt keine schlechten Plätze.

Das Publikum sitzt ja rund um das Orchester. Ist das für den Dirigenten nicht ein bisschen ungewohnt, wenn er auf allen Seiten Zuhörer hat?

Hengelbrock: Es werden immer mehr Säle so gebaut, etwa die im Januar 2015 eröffnete Pariser Philharmonie. In Hamburg beginnen die Publikumsplätze sehr dicht am Orchester und steigen dann recht steil an. Sie haben hier durchaus nicht das Gefühl, in einem riesigen Konzertsaal mit 2100 Plätzen zu sitzen. Als Hörer sind Sie sehr dicht am Geschehen dran. Das ergibt eine tolle Atmosphäre.

Und wie empfinden Sie und die Musiker das?

Hengelbrock: Man fühlt sich fast wie auf einem Silbertablett. Jeder Musiker wird präsentiert. Dadurch, dass das Publikum um das Orchester angeordnet ist, sitzen die Menschen direkt hinter dem Paukisten, dem Schlagwerk oder links und rechts hinter den Ersten und Zweiten Geigen – und zwar direkt hinter den letzten Pulten der Geigen. Diese Musiker sitzen näher am Publikum als am Konzertmeister. Das ist eine Herausforderung, aber auch eine schöne Aufgabe. Dieser direkte Kontakt, den wir vorher in der Laeiszhalle nicht hatten, sorgt auch für einen großen Motivationsschub im Orchester.

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Einmal durch die Elbphilharmonie


Macht es für Sie als Dirigent einen Unterschied, ob Sie in einem barocken Umfeld spielen – etwa dem Kaisersaal der Würzburger Residenz – oder in einem modernen Saal wie der Elbphilharmonie, die auf Fotos doch eher nüchtern wirkt?

Hengelbrock: Das macht einen riesigen Unterschied. Aber: Die Elbphilharmonie ist alles andere als nüchtern. Das ist ein herrlicher, behaglicher Saal geworden mit wunderschönen Materialien und gedämpften Farben. Sie befinden sich in einem Raum mit Ausstrahlung und großer Wärme. Wobei natürlich der Kaisersaal in der Würzburger Residenz schon ein fantastischer Saal ist.

. . . aber mit einer durchaus heiklen Akustik.

Hengelbrock: Getragene Musik wie etwa eine barocke Messe kann man da gut aufführen. Das passt da auch hin. Ich bin sehr gerne in historischen Räumen, gerade auch in den alten Palazzi in Italien, oder in diesen kleinen Theatern in Ravenna, Modena und Parma. Allerdings kann hier schon Schostakowitsch den Rahmen sprengen. In einem alten sakralen oder einem historischen Raum kommt vielleicht – sagen wir bei Monteverdis „Marienvesper“ – das eine oder andere besser zur Geltung als in der Elbphilharmonie. Aber generell können Sie in der Elbphilharmonie auch Kirchenmusik aufführen – schon weil der Saal etwas von einer Kathedrale hat. Und dennoch können sie hier auch komplex gearbeitete zeitgenössische Musik spielen.

Und Sie glauben, dass das Publikum den Aufwand, der bei dem Saal betrieben wurde – zum Beispiel die Lagerung auf Federpaketen – tatsächlich hört?

Hengelbrock: Absolut. Ich glaube, dass die Elbphilharmonie ein ganz neues, faszinierendes und auch tief emotionales Musikhören ermöglicht. Es waren ja schon Zuhörer bei den Proben – nicht nur Musikkritiker – und die sind vollkommen aus dem Häuschen.

Selbst Leute, die zuerst dagegen waren, sind begeistert. Mancher versteht jetzt sogar, dass es so teuer werden musste . . .

Apropos Kosten: Der NDR spricht von 789 Millionen Euro, das „Handelsblatt“ sogar von 866 Millionen. Finden Sie es richtig, dass so viel Geld für ein einziges Kulturprojekt ausgegeben wird?

Hengelbrock: Es hat uns alle verstört, dass die Kosten derart aus dem Ruder gelaufen sind. Man muss sich das vorstellen: In Hamburg gab es jahrelang kein Projekt, über das mehr geschimpft wurde als die Elbphilharmonie. Die Menschen waren auch sehr emotional, es hat sie wirklich aufgeregt – es war über Jahre hinweg wirklich schlimm. Ich habe das alles verstanden, habe diese Meinung sogar geteilt. Jetzt aber bin ich der Ansicht – um ein Bibelwort hervorzuholen: „Alles hat seine Zeit.“ Das Schimpfen hatte seine Zeit, aber jetzt ist die Zeit gekommen, in der man sich darüber freuen soll.

Mit dem Geld, das die Elbphilharmonie gekostet hat, könnte man das Würzburger Mainfranken Theater 40 Jahre lang finanzieren . . .

Hengelbrock: Auf der anderen Seite gibt es schon jetzt Berechnungen, dass Hamburg durch die Elbphilharmonie mehr Touristen haben wird – im siebenstelligen Bereich! Die werden Tickets kaufen, ein paar Tage übernachten, die Restaurants besuchen . . .

Ist das Eröffnungskonzert am 11. Januar das bislang wichtigste Ihrer Karriere?

Hengelbrock: Das weiß ich nicht. Für mich war der 2. September der wichtigste Termin, als wir zum ersten Mal mit dem Orchester hier gespielt haben. Stellen Sie sich vor, das wäre alles nicht gelungen! Dann wäre es jetzt ganz schwierig. Man hätte unglaublich arbeiten müssen, man würde dann sozusagen sehenden Auges auf eine Eröffnung zusteuern, von der man sich vielleicht nicht so viel verspricht. Ich freue mich ganz einfach auf den 11. Januar und die vor mir liegende Saison. Ich dirigiere hier in den nächsten Monaten an die 70 Konzerte.

Die Vorbereitungen für die Eröffnung bringen sicher viel Stress mit sich. Wie entspannen Sie sich?

Hengelbrock: Es ist sehr viel Arbeit. Die Tage sind sehr lang. Aber Stress im eigentlichen Sinn ist es nicht, weil es so eine großartige Sache ist, dabeisein zu können. Unsere Freude daran wollen wir auch teilen. Es ist wichtig, dass die Kultur in unserer schwierigen Zeit, in der so viel Schreckliches passiert, zeigt: Es gibt auch ganz wunderbare Dinge, wo wir uns zusammenschließen und hinter der Fahne der Kultur versammeln.

Die Hamburger Elbphilharmonie

Das 110 Meter hohe Gebäude der Elbphilharmonie steht prominent an der Elbe in Hamburg. Der Sockel besteht aus der Hülle eines ehemaligen Speichers (Baujahr 1963). Darüber erhebt sich ein gläserner Aufbau in Form einer Wasserwelle.

Das Innere umschließt einen großen Konzertsaal mit 2100 Plätzen sowie einen kleineren Saal mit 550 Plätzen. Neben der kulturellen Nutzung beherbergt das Gebäude 44 Eigentumswohnungen, ein Hotel mit 244 Zimmern, gastronomische Einrichtungen sowie ein Parkhaus.

Die Plaza erstreckt sich zwischen dem backsteinverkleideten Sockel und dem glasumhüllten Aufbau in rund 37 Metern Höhe. Der Platz ist über eine gebogene, 82 Meter lange Rolltreppe – Europas längste – zu erreichen. Er bietet einen Ausblick über Innenstadt, Elbe, HafenCity und Hafen.

Die Fertigstellung des spektakulären Bauwerks war ursprünglich für 2010 vorgesehen, verzögerte sich jedoch mehrfach. Eine Machbarkeitsstudie von 2005 war von 186 Millionen Euro Gesamtkosten ausgegangen. Daraus wurden fast 800 Millionen.

Die feierliche Eröffnung des großen Saals – und damit auch der Elbphilharmonie insgesamt – wird am 11. Januar mit einem Konzert des nach dem Gebäude umbenannten NDR Elbphilharmonie Orchesters erfolgen. Die Leitung hat Chefdirigent Thomas Hengelbrock. hele/dpa

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Neue Wirkungsstätte: Dirigent Thomas Hengelbrock vor der Hamburger Elbphilharmonie Foto: Zapf (Zapf)

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