Bad Kissingen

Traditionell und wild: So würdigt der Kissinger Sommer Beethoven

Am Beethoven-Jahr kommt auch das Kassikfestival in Bad Kissingen nicht vorbei. Intendant Tilman Schlömp will zwei sehr gegensätzliche Seiten des Komponisten zeigen.
'Wir versuchen die Perspektiven zu zeigen, die Beethoven eröffnet hat für andere, die nach ihm kamen': Tilman Schlömp, Intendant des Kissinger Sommers
"Wir versuchen die Perspektiven zu zeigen, die Beethoven eröffnet hat für andere, die nach ihm kamen": Tilman Schlömp, Intendant des Kissinger Sommers Foto: Mathias Wiedemann

Wie sich das Thema Corona in den nächsten Wochen entwickeln wird, lässt sich kaum seriös vorhersagen. Sicher ist, dass bis tief in den April hinein die meisten Kulturveranstaltungen abgesagt oder auf später verschoben sind. Was danach sein wird, ist offen. Niemand allerdings wagt, sich vorzustellen, dass sogar ein Festival wie der Kissinger Sommer abgesagt werden könnte, der heuer unter dem Motto "1710_1827 Beethoven Metamorphosen" vom 19. Juni bis 19. Juli stattfinden soll. Deshalb geht es in diesem Interview mit Intendant Tilman Schlömp einmal nicht um das Virus und seine Folgen.

Frage: Im Programm zum Kissinger Sommer 2020 heißt es, Beethoven sei eigentlich zu groß für nur einen Sommer. Wo setzen Sie an?

Tilman Schlömp: Für uns gibt es zwei Aspekte: der traditionelle und der wilde. Wir werden ein paar Werke als eine Art enzyklopädische Schau darstellen, etwa Klaviersonaten und Streichquartette. Und etwas qualitativ ganz Besonderes machen. Deshalb war ich sehr dankbar, dass es mit Hilfe unserer Kuratoriumsvorsitzenden Dorothee Bär gelungen ist, 200 000 Euro projektbezogene Bundesförderung zu bekommen. Das ermöglicht es uns, eine exzellente Version der Missa Solemnis auf die Bühne zu bringen, mit tollen Solisten, mit unserer Kammerphilharmonie Bremen und mit Paavo Järvi. Das ist ungefähr das beste, was man an Missa Solemnis kriegen kann. Und ebenso eine richtig gute Neunte Sinfonie als Abschlusskonzert. Mit dem wunderbaren Ensemble Le Cercle de l'Harmonie und Jérémie Rhorer, der als junger, historisch informierter Dirigent wirklich aufregende Klangbilder liefern kann.

Und die wilde Seite?

Schlömp: Die Idee ist, Beethoven ein bisschen gegen den Strich zu bürsten. Mal zu hören, wie beschäftigen sich Künstler heute mit ihm? Wir haben das auf ganz unterschiedliche Art gemacht. So binden wir Beethoven in unsere Liederwerkstatt ein, wo wir die Komponisten aufgefordert haben, sich mit ihm zu beschäftigen. Ob das jetzt textlich oder musikalisch ist, wird man sehen. 

Und dann gibt es noch das Projekt "Force and Freedom" – was verbirgt sich dahinter?

Schlömp: Da werden die späten Streichquartette Beethovens, die ja für sich schon revolutionär sind, vom Musiktheaterensemble Nico And The Navigators theatralisch umgesetzt. Ich dachte erst, das ist zu spröde als Idee, aber dann habe ich Bilder von der ersten Vorstudie gesehen, und das sah sehr poetisch aus. Ich denke, das ist genau die richtige Produktion für das Kurtheater.

Kissinger Sommer 2020 – Minguet Quartett
Kissinger Sommer 2020 – Minguet Quartett Foto: Frank Rossbach
Sie schreiben auch, "Beethovens Musik tut uns heute nicht mehr weh", wozu man anmerken könnte, dass die Große Fuge auf viele Menschen sicher heute noch ganz schön heftig wirkt. Dennoch: Vieles, was zu Beethovens Zeiten rebellisch war, ist heute Allgemeingut. Versuchen Sie, dieses Rebellische heute wieder erlebbar zu machen?

Schlömp: Wir haben bewusst einige der revolutionäreren Werke ins Programm genommen, etwa späte Streichquartette. Und wir versuchen die Perspektiven zu zeigen, die Beethoven eröffnet hat für andere, die nach ihm kamen. Beim Beethoven-Tag, den "Beethoven-Metamorphosen" am 18. Juli, zeigen wir in fünf Konzerten, was Beethoven alles bewirkt hat. Das Minguet Quartett konfrontiert Beethoven mit Verdi und dem Frührenaissance-Komponisten Ockeghem. Das mündet in Luigi Nonos großes Streichquartett "Fragmente – Stille, An Diotima". Da entsteht ein Sog, man versteht, dass Beethoven zumindest indirekt einen Beitrag zur Neuen Musik geleistet hat.

Es gibt in der Vormoderne keinen Komponisten, der künstlerisch eine derart große Wegstrecke zurückgelegt hat, von der Haydn-Nachfolge bis fast zur Atonalität.

Schlömp: Das ist wirklich irre. Es liegt einerseits an der Zeit der französischen Revolution und der napoleonischen Kriege, als Europa politisch und gesellschaftlich umgekrempelt wurde. Es liegt aber auch daran, dass Beethoven diesen Weg mitgegangen ist, dass er sich selber klar gemacht hat, ich will mich wandeln. Er hat an zwei, drei Momenten in seinem Leben gesagt, so wie ich das bisher geschrieben habe, gefällt mir das nicht mehr, ich will es nochmal neu machen. Den Stil umkrempeln, anderen Ansatz wählen. Man sieht das unter anderem in seinen Variationswerken: Dort konnte er unendlich viele Formen ausprobieren. Ich persönlich glaube, dass solche Neuerungen direkt in die Romantik und bis hin zu Schönberg geführt haben.

Kissinger Sommer 2020 – Iiro Rantala, Pianist
Kissinger Sommer 2020 – Iiro Rantala, Pianist Foto: Gregor Hohenberg
Ein Programm heißt "Best of Beethoven". Das klingt jetzt aber eher nach Kaufhausmusik.

Schlömp: (lacht) Tatsächlich heißt das so, weil der Jazz-Pianist Iiro Rantala einem Stück diesen Titel gegeben hat. Das ist auch sicherlich vergnüglich gemeint, er hat damit offiziell das Beethoven-Jahr beim Bundespräsidenten eröffnet, und wir haben entschieden, es nochmal bei uns aufzuführen.

Grigory Sokolov kommt wieder und spielt – Mozart. Hätte es Sinn gehabt, ihn zu fragen, ob er nicht doch lieber Beethoven spielen könnte?

Schlömp: Bei ihm sicher nicht. Er hat seine ganz eigene Art, Programme zu gestalten, und da lässt er sich nicht reinreden. Wenn man es versucht, bekommt man ein nettes Schreiben von seinem Agenten, in dem es heißt, schön, dass Sie sich Gedanken gemacht haben, aber Herr Sokolov hat anders entschieden. Ich glaube, er will mit kurzen Stücken die Vielfalt seiner Ausdrucksmöglichkeiten zeigen. Deshalb spielt er in der ersten Hälfte Mozart und in der zweiten Schumanns "Bunte Blätter" op. 99. Da ist die Ausdrucksvielfalt ganz enorm. Der dritte Programmteil – die Zugaben – setzt diesen Gedanken fort.

Das "Fidelio"-Projekt klingt gewagt. Das ist eine Oper, die man auch an großen Häusern nicht so oft hört. Beim Kissinger Sommer kommt sie mit Schülern und Studenten. Wie hat man sich das vorzustellen?

Schlömp: Wir wollen bewusst diese sehr anspruchsvolle Musik einmal für Jugendliche und mit Jugendlichen in einer 90-Minuten-Fassung auf die Bühne bringen und so die Hemmschwelle senken. Die Sänger sind Profis, beim Orchester kombinieren wir die Profis des Landestheaters Coburg mit Laien-Musikern. Wir passen, wo nötig, die Parts für die Studenten an. Die spielen dann eine abgespeckte Version und haben die Chance, beim Musizieren zu erleben, wie sich diese Musik zusammensetzt. Wir erarbeiten das in Workshops, so dass sich alle sicher fühlen und es auf der Bühne funktioniert. Wir binden außerdem die Theatergruppe des Gymnasiums und eine Grundschulklasse ein, die choreografisch etwas dazu machen werden.

Was gibt es zum Kissinger Sommer 2020 zu sagen, was nichts mit Beethoven zu tun hat?

Schlömp: Da ist an erster Stelle unser Artist in Residence zu nennen, der Pianist Jean-Yves Thibaudet, der tatsächlich keinen Takt Beethoven spielt. Ich bin trotzdem froh, dass er zum ersten Mal für längere Zeit nach Bad Kissingen kommt. Ein großartiger Künstler, der seit vielen, vielen Jahren der Stadt eng verbunden ist, der es aber nie geschafft hat, mehrere Konzerte hier zu spielen. Er kennt hier viele Leute und freut sich drauf, ein wenig einzukaufen oder im Kurgarten spazieren zu gehen.

Kissinger Sommer 2020 – Jean-Yves Thibaudet, Pianist
Kissinger Sommer 2020 – Jean-Yves Thibaudet, Pianist Foto: Andrew Eccles
Ich dachte, er kauft nur bei Vivienne Westwood?

Schlömp: (lacht) Nicht nur. Ich nenne jetzt keine Namen, aber es gibt ein, zwei Geschäfte, wo er gerne hingeht. Dass er einen besonderen Stil pflegt, dass er immer gut angezogen ist, das ist auch bei Künstlern eine sehr angenehme Erscheinung. Dabei ist die Kleidung nur das äußere Zeichen, er zieht diesen Stil sehr konsequent auch in seinem Klavierspiel durch. Das heißt, es ist immer sehr durchdacht, sehr elegant. Da stimmen die Klangfarben, und man merkt, dass er sich mit seinen Stücken umfassend beschäftigt.

Programm und Karten: Weitere Informationen und Tickets im Netz unter www.kissingersommer.de - Kartentelefon (0971) 8048 444

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