Würzburg

Üben, Lernen, Orga: Enrico Calesso, Dirigent im Homeoffice

Was macht ein Dirigent, wenn er nicht dirigieren darf? Tatsächlich: Er übt vor dem Spiegel. Aber nicht nur. Der Generalmusikdirektor am Mainfranken Theater im Interview.
Enrico Calesso in seinem Zimmer im Mainfranken Theater. Die Aufnahme entstand im Sommer 2018.
Enrico Calesso in seinem Zimmer im Mainfranken Theater. Die Aufnahme entstand im Sommer 2018. Foto: Angie Wolf

Die Nachricht kam kurz nach der Hauptprobe für das "Rheingold": Alle am Mainfranken Theater fieberten der Premiere entgegen, da musste das Haus wegen Corona den Betrieb einstellen. Bis mindestens 19. April. Generalmusikdirektor Enrico Calesso stammt aus dem Veneto, einer der am stärksten vom Virus heimgesuchten Gegenden in Norditalien. Er hält dieser Tage engen Kontakt mit den Eltern daheim, dem Bruder in Treviso und vielen Freunden und Bekannten. Im Gespräch gibt er Einblick über die Stimmung der Menschen während des Ausnahmezustands, die Überlegungen am Mainfranken Theater, wie es nach dem Moratorium weitergehen könnte, und wie er selbst die Zeit des erzwungenen Innehaltens nutzt.

Herr Calesso, die erste Frage ist in diesen Tagen immer die gleiche: Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie?

Enrico Calesso: Es geht uns hier mit der Familie – Frau und zwei Kinder – sehr gut. Auch den Verwandten in Italien geht es gut, obwohl es dort gerade Fälle mit Erkältungssymptomen gibt. Aber wenn in den ersten fünf Tagen kein Fieber kommt, ist es vermutlich kein Corona. Meine Eltern gehören beide zur Risikogruppe und haben seit vier Wochen kaum das Haus verlassen. Meinem Bruder und mir ist klar: Im Ernstfall dürfte ich nicht einmal zu einer Beerdigung kommen. Solche Gedanken machen mich natürlich unendlich traurig.

Konzert im Rathausinnenhof in Würzburg im vergangenen Sommer.
Konzert im Rathausinnenhof in Würzburg im vergangenen Sommer. Foto: Thomas Obermeier
Wie ist denn die Stimmung in Italien derzeit?

Calesso: Es sind jetzt vier Wochen, dass alle zu Hause bleiben müssen. Natürlich gibt es inzwischen eine gewisse Nervosität. Und es gibt politische Kräfte wie Matteo Renzi, die sagen, wir müssen selektiv wieder aufmachen, weil wir sonst mehr Probleme mit der Gesellschaft bekommen, als wir im Kampf gegen das Virus lösen können. Freunde erzählen mir, dass die Menschen einander auf der Straße mit einer Mischung aus Angst und Ablehnung begegnen. Wahrscheinlich wird dieses Gefühl monatelang anhalten – auch wenn es längst wieder Schule, Theater und Fußball gibt.

Wie ist die Lage in Ihrem Umfeld im Veneto?

Wir sind in sehr engem Kontakt mit Freunden und verfolgen genau, was passiert. Die Krankheit trifft absolut nicht nur die Älteren. Im engsten Freundeskreis ist ein 62-Jähriger gestorben, der sehr gesund war. Und gerade heute haben wir erfahren, dass ein 41-jähriger Freund von uns die Intensivstation verlassen konnte. Er war eine Woche lang beatmet worden. Ich denke, in Deutschland kommt die Spitze erst noch. Aber ich glaube, es wird keine solche Tragödie wie in Italien werden, Deutschland hat sich sehr gut organisiert. Es imponiert mir immer wieder, wie schnell hier die Organisation auf Probleme reagieren kann. Trotzdem können Experten nicht ausschließen, dass auch ein Gesundheitssystem wie das deutsche regional explodieren könnte.

Es sind in Italien einige Ärzte an Covid 19 gestorben.

Calesso: Ja, das stimmt leider. Man hat das genau untersucht und feststellt, dass es in allen Fällen Mängel in der Präventionskette gab. Sie hatten zu wenig Masken, keine oder schadhafte Schutzanzüge. Das ist die Herausforderung: Dass diese Werkzeuge so viel wie möglich produziert werden. In Italien hat man zu spät damit begonnen. Es gibt immer noch Regionen, die auf Masken warten. Ich finde es sehr gut, dass unsere Kostümabteilung am Mainfranken Theater jetzt auch Masken herstellt. Ferrari hat angeboten, statt Autos Beatmungsgeräte zu bauen.

Das Philharmonische Orchester Würzburg und sein Dirigent Enrico Calesso.
Das Philharmonische Orchester Würzburg und sein Dirigent Enrico Calesso. Foto: Nik Schölzel
Wie gehen die Menschen mit der Situation an den Kliniken um?

Calesso: In manchen besonders betroffenen Regionen, in Bergamo zum Beispiel, entscheiden die Familien, die Mutter oder den Vater nicht mehr in die Klinik bringen zu lassen. Sie wählen palliative Therapie zu Hause, weil sie wissen, dass die älteren Leute, die auf die Intensivstation kommen, nie wieder gesund werden. So sterben sie wenigstens im Kreise ihrer Angehörigen. Die Einsamkeit ist auch das Schlimmste hier in den Seniorenheimen – deshalb geben unsere Musiker kleine Open-Air- und Innenhofkonzerte für die Menschen, die keinerlei Besuch bekommen dürfen.

Gibt es in Italien schon Szenarien, wie es weitergehen könnte?

Calesso: Ich glaube, an Ostern wird man eine Prognose wagen können. Inzwischen hat die Zahl der Neuinfizierten abgenommen. Man spricht von einem Erreichen des Höhepunkts. Alle haben das Gefühl, es tut sich was. Kluge Politiker wie Romano Prodi sagen, wir müssen die Zeit jetzt nutzen, um alle möglichen Szenarien zu kalkulieren. Eine Öffnung nach Ostern, eine Öffnung später und so weiter. Prodi hat aber auch gesagt, dieses Problem können wir nicht alleine bewältigen. Ich finde es sehr richtig, dass Deutschland dagegen ist, die Schulden Italiens mit zu bezahlen. Trotzdem muss man eine gemeinsame Lösung finden. Prodi hat das sehr lustig formuliert: Die Holländer mögen die Musterknaben sein, aber wenn Italien, Spanien, Frankreich pleitegehen, wo verkaufen sie dann die Tulpen?

Wie schätzen Sie die Lage hier ein – wann könnte wieder Kultur stattfinden?

Calesso: Unsere Arbeitshypothese am Mainfranken Theater ist, dass das Verbot am 20. April endet. Davon gehen wir bei unseren Planungen derzeit aus. Mit Intendant Markus Trabusch und dem Geschäftsführenden Direktor Dirk Terwey arbeiten wir an Modellen für den Rest der Spielzeit und gleichzeitig an möglichen Auswirkungen auf die Saison 20/21. Wir hoffen alle, dass wir bis Ende dieser Saison noch möglichst viel von unseren großartigen Produktionen zeigen können. Wir wollen dem Publikum natürlich auch noch das "Rheingold" schenken, um nur ein Beispiel zu nennen. Die aktuellen Einnahmeausfälle werden wir nicht wettmachen können, aber wir wünschen uns einfach noch viele inspirierende Momente mit dem Publikum.

Arbeit im Orchestergraben: Probe zu Puccinis 'La Bohème' im Herbst 2018.
Arbeit im Orchestergraben: Probe zu Puccinis "La Bohème" im Herbst 2018. Foto: Thomas Obermeier
Wie gehen Sie mit den Gastsolisten um, die jetzt nicht auftreten können? Es gibt ja Theater, die die vereinbarten Honorare zahlen, andere tun das nicht.

Calesso: Wie für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Mainfranken Theaters werden selbstverständlich auch für die künstlerischen Beschäftigen die Löhne zurzeit weiter gezahlt. Für Freiberufler und Gäste streben wir in enger Abstimmung mit den Trägern des Theaters, die sich angesichts drohender existenzieller Nöte im Kulturbereich bereits um pragmatische Ansätze und Unterstützung bemühen, individuelle Lösungen an. Wir wollen ja auch mit allen die Arbeit zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs, hoffentlich am 20. April, direkt fortsetzen.

Ihnen selbst gehen ja auch einige Engagements auswärts verloren.

Calesso: Ich bin in den letzten Jahren öfters gefragt worden, warum ich mir noch ein festes Engagement antue, wenn ich als Gast mit erheblich weniger Arbeit zu denselben Ergebnissen käme. Aber ist das wirklich so? Hier in Würzburg kann ich etwas Besonderes und Einmaliges bewegen: Mahlers dritte Sinfonie im Dom, "Götterdämmerung", "Rheingold". Natürlich gibt ein festes Engagement auch ein wenig mehr Sicherheit, obwohl es andere Städte gibt, in denen am Theater auch schnell über das Thema Kurzarbeit gesprochen wurde.

Wie hat man sich einen Dirigenten im Homeoffice vorzustellen? Dirigieren Sie vor dem Spiegel?

Calesso: Sie lachen sich jetzt kaputt, aber tatsächlich habe ich die Tage wieder etwas gemacht, was ich lange aus Zeitgründen nicht geschafft habe: eine schlagtechnische Werkstatt vor dem Spiegel. Außerdem lerne ich kommendes Repertoire. Aber so viel Zeit bleibt mir dafür nicht, weil die Planungen für die nächste Saison sehr viel Kraft und Zeit kosten. Wir machen Skype-Sitzungen, das funktioniert wunderbar.

Zur Person
Enrico Calesso wurde 1974 in Treviso/Italien geboren. Er studierte zunächst Klavier bei Anna Colonna Romano am Konservatorium in Venedig und parallel dazu Philosophie, danach Dirigieren bei Uroš Lajovic an der Universität Wien. 2007 bis 2010 war er Kapellmeister am Theater Erfurt, 2008 bis 2011 musikalischer Leiter der Oper Klosterneuburg, 2010 wurde er Erster Kapellmeister am Mainfranken Theater Würzburg, wo er 2011 zum Generalmusikdirektor ernannt wurde. Seit Februar ist er ständiger Gastdirigent am Landestheater Linz. Seit 2015/16 dirigiert er regelmäßig am Teatro La Fenice in Venedig, außerdem in Florenz, Straßburg, Wien, Bern und Leipzig. 2019 wurde Enrico Calesso mit dem Theaterpreis des Theater- und Orchesterfördervereins Würzburg ausgezeichnet.

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