Bad Kissingen

Ulrich Tukur zeigt, warum "Moby Dick" aktueller denn je ist

Der Schauspieler Ulrich Tukur und der Pianist Sebastian Knauer demonstrieren beim Kissinger Sommer, wieviel Schaden der abgrundtiefe Hass eines Einzelnen anrichten kann.
Ulrich Tukur
Ulrich Tukur Foto: Katharina John

"Moby Dick": Generationen von Lesern hat der Seefahrerroman von Herman Melville in den Bann gezogen, zahlreiche Verfilmungen trugen zur Legendenbildung bei. Beim Kissinger Sommer braucht es kein Kino, denn was der Schauspieler Ulrich Tukur auf die Bühne des Kurtheaters bringt, vereint alle Elemente lebendiger, intensiver Dramatik.

Der 900-Seiten-Roman über den Rachefeldzug des Kapitän Ahab, dem der weiße Wal einst das Bein abgerissen hat, ist an diesem Abend auf den Kern der Handlung reduziert. Tukur liest nicht nur; er spielt und nimmt den Hörer mit auf die Reise über die Meere: Dabei erweckt er die handelnden Personen zum Leben, zieht als Matrose Ismael fröhlich in die Welt hinaus, ist mal zahnloser Alter, mal resoluter Wirt, mal unerschrockener Steuermann, mal Südseeinsulaner.

Ulrich Tukur zieht den Hörer in einen magischen Strudel

Phänomenal wandelbare Stimme, wirkungsvolle Pausen, Gestik und Mimik: Tukurs Kunst fesselt, macht atemlos. Schaurig die Szene, in der Ahab die Golddublone als Preis für den aussetzt, der den Wal als Erster sichtet. Ulrich Tukur geifert den Hass nur so hinaus, zieht den Hörer in einen magischen Strudel, ein Schicksal auf Leben und Tod hinein – meisterhaft!

Der Pianist Sebastian Knauer ist nicht nur "der Mann am Klavier". Als zweite Hälfte des Gesamtkunstwerks verdichtet er die Atmosphäre durch eine sehr stimmige Musikauswahl. Die Ruhe in der Seefahrerherberge:  ein Chopin-Prélude. Die Freundschaft zwischen Ismael und dem Insulaner Queequeg: Gershwins "The Man I love".

Immer wieder auch Teile aus Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung", "Gnomus" etwa für die zwei Seiten des Ahab, "Das alte Schloss" beim Untergang des Schiffs. Faszinierend nahtlos zaubert Knauer ein Ineinanderfließen eines Bach-Largos in den zweiten Satz aus Dvoráks Sinfonie "Aus der Neuen Welt", ein Brückenschlag über Jahrhunderte und Welten. Dann der Kampf mit dem Wal: Chopins Revolutionsetüde.

Der Abend ist auch ein Statement zu Aktuellem

Doch der Abend liefert nicht nur beste Unterhaltung. Er ist auch ein Statement zu Aktuellem, ein Hinweis auf die zeitlose Gültigkeit von Themen. Herman Melvilles tätowierter "Wilder" Queequeg ist ein Fremder unter Fremden – doch hinter dem Äußeren verbirgt sich ein guter Mensch. In der internationalen Schiffsmannschaft steuern die Amerikaner das Gehirn, der Rest der Welt die Muskeln bei: Tukur zögert wirkungsvoll, schmunzelt und wagt einen beißenden Seitenhieb in Richtung Heute.

Eigentlich ist alles aktuell an diesem Abend. Zentral sind die Fragen, was abgrundtiefer Hass aus einem Menschen machen, was das egoistische Handeln eines einzigen Besessenen für den Rest der Welt bedeuten kann: grausamen Untergang, bei Melville poetisch verklärend vom "Bahrtuch des Meeres" bedeckt. Ein Abend wie das weite Meer: Glänzend!

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