WÜRZBURG

Ulrike Schäfer: Porträt der Leonhard-Frank-Preisträgerin

Ulrike Schäfer
Ulrike Schäfer Foto: uls

Ach ja, die Künstlerseele. „Was ich bis dahin gemacht hatte, war zwar faszinierend“, sagt Ulrike Schäfer, die Frau, die in diesem Jahr den zwar undotierten, aber literarisch wertvollen Leonhard-Frank-Preis des Mainfranken Theaters und der Leonhard Frank Gesellschaft erhalten wird: „Doch irgendwann wurde für mich spürbar, dass mir im Leben etwas Entscheidendes fehlte.“

Selbstständige Software-Entwicklerin war sie gewesen, durch Referenzadressen wie Airbus und Daimler durchaus erfolgreich auf dem Markt der Informatik unterwegs. Aber eben fernab der Literatur, jener so sehr fehlenden, innerlich vermissten, der persönlich entscheidenderen Komponente ihres Daseins – die Sache mit den berühmten zwei Herzen in einer Brust, eben: „Mir war schon früh als Kind und Jugendliche klar: Ich will Schriftstellerin werden. Seit jeher hat mich eine Affinität zur Sprache, zum Schreiben und Lesen begleitet.“

Also begann Ulrike Schäfer tatsächlich nebenher mit dem Schreiben. Spät, nicht zu spät. Gerade noch 42 Jahre jung war sie, als die Literaturzeitschrift „Macondo“ im Jahre 2007 einen ersten Text von ihr publizierte: „Ekingg“, die siebenseitige Erzählung der Geschwister Lina und Paul. Die sehen sich nach langen Jahren wieder, und der Bruder entdeckt an seiner Schwester als erster Symptome der Krankheit, an denen der Vater starb.

Das Zauberwort Ekking

„Und doch ist da etwas Fremdes. Nein, etwas Altvertrautes, aber fremd an Lina. Etwas, das zu jemand anderem gehört hat. Etwas, das für immer begraben ist. Dachte ich.“ Mit diesen fünf kurzen, verdichteten Sätzen zieht die Autorin, mustergültig für ihre Art des Textens, die Premierenleserschaft in „Ekingg“ hinein, das Codewort, als die beiden noch Kinder waren: „Es kann immer noch gut gehen.“

Dem Einstieg folgten rasch allerhand weitere Geschichten und Anerkennungen: „Als ich aus der Großindustrie raus war, wurde meine schreiberische Arbeit immer ambitionierter“, blickt Ulrike Schäfer zurück. 2010 erhielt sie ihre erste höchst offizielle Form schriftstellerischer Wertschätzung, den Würth-Literaturpreis, für die Kurzgeschichte „Das Haus“.

Es ist eine stramme Sammlung an intensiver Kurzprosa, die sich seither angesammelt hat – Beiträge, die „Späte Tage“ heißen, „Pralinenmann“ und „Gelika entdeckt die Liebe“ oder „Inselsommer“, die von Zuspitzungen des Lebens handeln, meist von Brüchen in Lebensläufen. Ulrike Schäfer ist gerade dabei, diese Texte in einem Erzählband zu vereinen, der in größerem Rahmen erscheinen soll, Arbeitstitel „Stück Land“.

Das „Ekingg“-Motiv wird sie dabei weiter begleiten, dient es doch als Basis des ersten von ihr geplanten Romans. „Es gibt schon zwei Fassungen. Aber ich bin noch nicht zufrieden“, sagt sie in der Literaten so eigenen, introvertierten Skepsis. Bei den Großverlagen sei es halt einigermaßen schwer, mit „knapp unter 50“ ein Romandebüt unterzubringen: „Aber es wird schon gut werden.“

Mit ihrer Version, Leonhard Franks Roman „Die Jünger Jesu“ neu als Bühnenstück zu konzipieren, kann sie derweil zufrieden sein – es war der Auftrag für den ihr zugesprochenen Leonhard-Frank-Preis.

Wie die „Dreigroschenoper“

Am 11. Juni 2015 wird das Schäfer-Stück in den Kammerspielen des Würzburger Mainfranken Theaters uraufgeführt: „Ich freue mich extrem drauf, meine Vorlage nach Absprache mit den Theaterleuten zu Ende schreiben zu können“, sagt die auserwählte Autorin.

Franks originäre Jugendbande, die im zerstörten Würzburg von 1946 Diebesgut an die Bedürftigen der Stadt verteilt, gerät bei ihr zu einer Annäherung an Brechts „Dreigroschenoper“. Moritaten, Überzeichnungen und Ironie dienen als inhaltliches Transportmittel: „Ich wollte keine bräsig moralische, schwere Geschichte erzeugen, sondern eine mit erzählerischer Leichtigkeit.“

Dass „Die Jünger Jesu“ bereits das zweite Stück des 1882 in Würzburg geborenen Autors sein werden, das im eigenen Schäfer-Format dargeboten werden wird, hat ihr den Umgang damit womöglich vereinfacht: „Ruth“, ihre Bearbeitung seines Dramas über eine Jüdin, die traumatisiert in ihre Heimatstadt zurückkehrt und die Mörder der Eltern erschießt, kommt schon Ende des Jahres im Würzburger „theater ensemble“ auf die Bühne.

„Es gefällt mir gut, was zurzeit passiert, in Würzburg und mit meinem Leben“, freut sich Ulrike Schäfer: „Manchmal denke ich mir, ich hätte vielleicht schon früher das Schreiben beginnen sollen. Aber dann denke ich mir, dass mir die inzwischen gewonnene Lebenserfahrung dabei dient. Es hat wohl so sein sollen.“

Den „Brotberuf“ hat sie längst auch im eigenen Autorensinne umfunktioniert: Nachdem sie anno 1985 aus Schweinfurt zum Germanistik- und Philosophie-Studieren nach Würzburg gekommen und 1991 als klassische Vertreterin der Geisteswissenschaften ins Computerfach gerutscht war, indem sie alte „Brockhaus“-Bände ins zeitgemäße System überführte, betreibt sie auch hier wieder Kultur: Denn nun gestaltet sie Webdesigns für den Kulturbereich oder für Literaturfestivals. „Mal hier, mal da was, es ist ein weites Feld.“ Das Feld, auf dem sie sich am wohlsten fühlt.

Wie war das noch gleich mit Codewort „Ekingg“? Es kann immer noch gut gehen . . .

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