Würzburg

Volle Konzentration: Wie ein Fantasy-Roman entsteht

"Es fordert alle Gehirnzellen, um eine in sich stimmige Welt zu schaffen": Julia Dessalles und Christian Handel lasen in Würzburg. Vor allem verrieten sie, wie sie arbeiten.
Julia Dessalles und Christian Handel schreiben beide Fantasy mit märchenhaften Zügen. Dabei gehen sie allerdings vollkommen unterschiedlich vor. Foto: Joachim Fildhaut

Zwei Autoren sitzen in der Würzburger Buchhandlung Hugendubel und erzählen, was der Titel des Nachmittags versprach: "Wie ein Roman entsteht". Die Chancen für eine klare Antwort stehen gut: Die Wahl-Saarländerin Julia Dessalles und der gebürtige Lohrer Christian Handel veröffentlichen beide Fantasy im Leverkusener Drachenmond-Verlag. Die Reihen "Rubinsplitter" (Dessalles) und "Rosen & Knochen" (Handel) haben – für das Genre nicht selbstverständlich – märchenhafte Züge und taugen zudem als Mädchen-Mutmach-Bücher. Außerdem begannen beide schon als Kinder zu schreiben, müssen aber bis heute nicht davon leben, können also, so Handel, "marktunabhängig" dichten.

"Wir waren alle Freunde", sagt Dessalles über die Zeit vor vier, fünf Jahren, als der Drachenmond-Verlag noch klein war und nur rund 20 Autoren hatte. Ein bisschen von dieser Atmosphäre hat sich in Würzburg auf das Podium gerettet. Schließlich hart Christian Handel grade eine Geschichtensammlung herausgegeben, zu der auch Julia Dessalles beigetragen hat.

Das Duo stellt zur eigenen Überraschung fest, dass seine Bücher geradezu gegensätzlich entstehen

Aber nun, bei allen Gemeinsamkeiten: So unterschiedlich ihre Bücher bereits vom Format her sind, so abwechslungsreich fällt auch die Unterhaltung vor gut drei Dutzend interessierten Besuchern aus. Die erleben keine Veranstaltung von der Stange, wie sie entstehen kann, wenn Agenturen Schriftsteller auf Lesereise schicken. Der Live-Erfahrungsaustausch ist zustande gekommen als Azubi-Projekt der angehenden Buchhändlerin im dritten Lehrjahr Charlotte Reuter, die denn auch mit echter persönlicher Neigung zum Thema Fragen stellt und moderiert. Da hat denn der Titel "Wie ein Roman entsteht" so gar nichts von der naiven Erkundigung: Wie kommt ihr bloß immer auf eure Ideen?

Das Duo stellt zur eigenen Überraschung fest, dass seine Bücher geradezu gegensätzlich entstehen. Während der gelernte Bürokaufmann Handel an jedem Schreib-Arbeitstag beim Frühstück schon weiß, welche Szene er – laut einem 30-seitigen Plan – heute ausformulieren wird, kennt die Ex-Kinderärztin Dessalles von ihren dreimal so dicken Büchern beim Start grade mal Anfang und Ende und schreibt sich jedesmal auf die Katastrophe des "Dreiviertel-Plot-Lochs" zu, wenn sie nicht mehr aus noch ein weiß, Kapitel umstellt und die irrwitzigsten Rettungsversuche unternimmt. Die gelingen ihr zwar, aber die Lektorin erkennt trotzdem immer die verräterischen Spuren: "Ah, da hast du dein Dreiviertel-Plot-Loch gehabt", gehe es dann gemeinsam ans Ausfeilen. Ihr Fazit: "Es fordert alle Gehirnzellen, um eine in sich stimmige Welt zu schaffen."

Fantasy als emotionales Genre, als eine Bühne für charakterorientierte Figuren

Speziell an Fantasy fasziniert ihren Verlagsgenossen, "dass es ein sehr emotionales Genre ist, eine Bühne für charakterorientierte Figuren". Mit denen geht er beim Schaffen sehr mit, gesteht Handel auf Charlotte Reuters Nachhaken, wie man es schaffe, Gefühle per Schrift zu transportieren: "Als ich zwei, drei Tage lang eine Szene schrieb, in der der Held krank ist, bin ich jeden Abend völlig fertig ins Bett gekippt." Auch Dessalles verfährt wie eine Schauspielerin beim Method Acting: "Ich gehe dann in mich und spüre dem nach, wie sich ein Herzschmerz wirklich angefühlt hat." Dazu kommen zwei schriftstellerische Techniken: "Keine Floskeln, und jedes sprachliche Bild muss passen."

Buchentstehung kann viele Formen haben. Julia Dessalles hatte ihren ersten "Rubinsplitter"-Band zunächst selbst verlegt, bis ein Blogger den Drachenmond-Verlag auf die Autorin aufmerksam machte. Christian Handel hatte einen unfertigen dicken Roman mit vielen Figuren in einer mittelalterlichen Welt angesiedelt, die er als Schauplatz für das kürzere "Rosen & Knochen" mit seinem kleinen Personalstamm übernahm.

Wenn das Buch erschienen ist: "Ein kleiner Verlag kann nicht viel für die Promotion leisten", sind sich die beiden einig. Also netzwerken sie digital und auf Buchmessen, empfehlen Kollegenbücher, wenn sie dazu stehen können, in ihren Blogs und hoffen darauf, dass ihnen Gleichgutes widerfährt. Und man muss den Kontakt zu den Lesern halten – was, nach zwei Vorlese-Happen, die lange Schlange zur Signierstunde bestätigt.

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