TÜBINGEN

Walter Jens starb mit 90: Einer der streitbarsten deutschen Geister ist tot

Walter Jens: „Ich habe gern und oft verloren und bin ein klein wenig zernarbt“ (Bild von 1979). Foto: dpa

Sein Abschied von der Welt hat viele Jahre gedauert. Zuletzt konnte Walter Jens nicht mehr reden und nicht mehr schreiben. Einer der größten Intellektuellen der deutschen Nachkriegsgeschichte war durch seine Demenz-Erkrankung noch zu Lebzeiten verstummt. Doch er hing an dieser Existenz: Der Mann, für den ein Leben ohne die Künste früher so unvorstellbar schien, dass er dann lieber durch eine tödliche Spritze sterben wollte, hat bis zuletzt am Leben festgehalten, wie seine Familie erzählt. Am Sonntagabend ist der Tübinger Professor und langjährige Präsident der Berliner Akademie der Künste im Alter von 90 Jahren gestorben.

Immer waren es die Künste, für die sich der Literaturliebhaber und -wissenschaftler zeitlebens einsetzte. Jens war einer der profiliertesten streitbaren Geister in Deutschland, der sich von keinem Kanzler, Präsidenten oder anderem Landesherrn einschüchtern ließ. „Ich habe gern und oft verloren und bin ein klein wenig zernarbt“, sagte er einmal. „Man muss auch eher verlieren können als sich anzupassen.“

Strafverteidiger oder Prediger

Viele sahen in Walter Jens eine moralische Instanz und einen engagierten Demokraten. Der sprachmächtige Aufklärer und Christ brillierte mit einem Bildungskanon des Universalwissens, der andere staunen ließ – vom Neuen Testament und altgriechischen Tragödien über Philosophie bis zur Mondlandung oder dem von ihm so geliebten Fußball („ein königliches Spiel mit allen Unberechenbarkeiten des Lebens“).

Eigentlich wollte der Hamburger Bankierssohn Strafverteidiger oder Prediger werden. 1947 begann er mit dem Schreiben – im Laufe der Jahrzehnte entstanden Romane, Dramen, Hörspiele und Essays. 1950 kam er als Dozent an die Universität Tübingen, wo er 38 Jahre lang lehrte und den bis heute bundesweit einzigen Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik aufbaute. 1950 stieß er auch zu der legendären Schriftstellervereinigung „Gruppe 47“. Im selben Jahr gelang ihm der Durchbruch als Erzähler mit dem utopischen Roman „Nein. Die Welt der Angeklagten“. Später übersetzte er Evangelien aus dem Neuen Testament, erzählte die Odyssee nach und widmete sich dem „Fall Judas“, den er ungerecht beurteilt sah. Vor allem aber prägte er wie nur wenige als gesellschaftspolitisch engagierter Moralist und Pazifist das geistige Nachkriegsdeutschland. Immer war Jens aneckend oder anregend, beides war ihm recht. Mit Emile Zolas Dreyfus-Parole „J'accuse!“ („Ich klage an“) meldete er sich zu Wort, wenn er das Recht mit Füßen getreten sah. Sein geschliffenes Wort war gefürchtet und hatte Gewicht in der Republik.

Gemeinsam mit seiner Frau Inge wurde er in den 1980er Jahren zu einer Galionsfigur der Friedensbewegung. 1984 beteiligte er sich an Sitzblockaden vor dem US-Atomwaffendepot Mutlangen, während des Golfkriegs 1990 versteckte er zwei desertierte US-Soldaten in seinem Tübinger Haus und kam dafür wegen Beihilfe zur Fahnenflucht vor Gericht.

Im Mai 1989 wählte die Berliner Akademie der Künste Walter Jens zu ihrem Präsidenten. Nach der deutschen Wiedervereinigung betrieb er nach anfänglicher Skepsis den Zusammenschluss mit der Akademie der Künste der DDR, was zu vielfältigen Protesten und Austritten prominenter Mitglieder führte. Im hohen Alter musste sich Jens dann auch kritisch nach seiner Moral befragen lassen, als seine NSDAP-Mitgliedschaft als junger Mann offenbar wurde.

Der Gelehrte verfiel in schwere Depressionen und wurde laut seiner Familie abhängig von Antidepressiva. „Kann ein 18-Jähriger nicht lernen?“, fragte er später. „Hätte ich mich anders verhalten können? Dazu fehlte mir der Mut.“

Zitate des Jens-Ehepaares

• „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich ein humanes Leben ohne die Künste vollziehen kann. Der Mensch lebt wirklich nicht vom Brot allein.“ (Walter Jens 2003.)

• „Er hat seinen Lebenswillen durch die Demenz nicht verloren. Sein Lebenswille bezieht sich nicht mehr auf sein geistiges Wirken. Er hat sich zu einem biologischen Leben in einem Maße verschoben, wie ich es selbst nicht für möglich gehalten hätte.“ (Inge Jens 2009)

• „Mein Asthma seit Kindheitstagen hat mich davor bewahrt, je auf einen Menschen schießen zu müssen.“ (Walter Jens 2003)

• „Ich weiß genau, und es steht Wort für Wort in unserer Patientenverfügung formuliert, dass mein Mann so, wie er jetzt leben muss – unfähig zu schreiben, zu sprechen, zu lesen, überhaupt noch zu verstehen –, niemals hat leben wollen. Sein Zustand ist schrecklicher als jede Vorstellung, die er sich wahrscheinlich irgendwann einmal ausgemalt hat.“ (Inge Jens 2009)

• „Für Außenstehende ist es ein trauriges Dasein. Ich kann nur hoffen, dass es für ihn selbst nicht so traurig ist. Er fällt aus der Realität, wie wir sie kennen, heraus. Aber ich habe den Eindruck, dass er in etwas hineinfällt, das ihm keinen Kummer bereitet.“ (Inge Jens 2013) Text: dpa

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