STOCKHOLM

Warum Michel in Lönneberga Emil heißt

Beliebter Lausebengel: Titelbilder von Michel-Büchern mit Zeichnungen von Björn Berg.
Beliebter Lausebengel: Titelbilder von Michel-Büchern mit Zeichnungen von Björn Berg. Foto: Dpa

Eigentlich wollte Astrid Lindgren ihren Enkel Karl-Johan nur vom Quengeln abbringen. „Willst du wissen, was Michel aus Lönneberga gemacht hat?“, fragte sie ihn, um ihn abzulenken. Die Episode, die sie im August 1962 in ihrem Tagebuch notierte, war die Geburt von Michel – oder Emil, wie er in Schweden, in Lönneberga heißt.

Ein knappes Jahr später, am 23. Mai 1963, begann Lindgren, die Lausbubengeschichten aufzuschreiben. Ganz Schweden feiert nun den 50. Geburtstag des blonden, Holzmännchen schnitzenden Schlingels, dem es gelang, ein kleines Dorf im südschwedischen Smaaland international bekannt zu machen.

Die Erinnerungen des Vaters

Den Hof Katthult – Michels Zuhause aus Lindgrens Fantasie – fanden die Macher des schwedisch-deutschen Spielfilms „Immer dieser Michel“ in den 70er Jahren in dem kleinen Dorf Gibberyd bei Vimmerby. Noch heute pilgern Touristen dorthin, um die Atmosphäre zu erleben, in der Michel aufgewachsen ist: „Wenn du irgendwann einmal an einem frühen Sonntagmorgen in einem Wald in Smaaland warst, dann erinnerst du dich sofort, wie sich das anfühlt“, schrieb Lindgren über ihre und Michels Heimat.

Als sie sich die Michel-Geschichten ausdachte, war Astrid Lindgren (1907-2002) bereits mit „Pippi Langstrumpf“, „Karlsson vom Dach“ oder „Madita“ etabliert. Noch bevor sie begann, Michels Streiche aufzuschreiben, bat sie den Zeichner Björn Berg um Illustrationen. Sie hatte eine von Bergs Zeichnungen eines kleinen Jungen in einer Zeitung gesehen und darin „ihren Michel“ erkannt.

Berg, der im bayerischen Unterwössen als Sohn eines schwedischen Paares zur Welt gekommen war, fand das Modell für Michel in seinem Sohn Thorbjörn. Am 23. Mai 1963 vermerkte Astrid Lindgren in ihrem Tagebuch: „Ich schrieb die ersten paar Worte zu Michel aus Lönneberga.“ Vieles von dem, was sie aufschrieb, geht auf Erinnerungen ihres Vaters Samuel August Ericsson zurück, der seinen Kindern Geschichten erzählte.

Am 1. Juli notiert sie auf Englisch: „Emil almost to an end“ („Michel fast beendet“). Es ist eine Erfolgsstory, die bis heute andauert: Bücher, CDs, Spiele, Filme fast überall auf der Welt. Michels Streiche sind in 30 Millionen Büchern erschienen und in 52 Sprachen übersetzt. Besonders groß ist die deutsche Fan- gemeinde des Jungen, der wegen seiner Streiche regelmäßig von seinem cholerischen Vater in den Tischlerschuppen des Hofes gesteckt wird. Dort schnitzt er im Lauf der Jahre 369 Holzmännchen.

Kopf in der Suppenschüssel

Um Verwechslungen mit Erich Kästners „Emil und die Detektive“ zu vermeiden, änderte der deutsche Verlag den schwedischen Namen Emil in Michel. Über Generationen lieben Kinder wie Erwachsene den frechen Blondschopf: Michel, der mit dem Kopf in der Suppenschüssel feststeckt, der seine kleine Schwester Ida am Fahnenmast nach oben zieht, seinem Freund Alfred das Leben rettet und – mit dem Herzen auf dem rechten Fleck – an Weihnachten die Armenhäusler bewirtet.

In Schweden ist Emil auch ohne Jubiläum allgegenwärtig. Lindgrens Bücher sind elf Jahre nach ihrem Tod in der Ausleihstatistik der schwedischen Bibliotheken konstant auf Platz zwei. Landauf, landab werden Eltern und Großeltern bei Schulabschlussfeiern sentimental, wenn „Idas Sommerlied“ aus dem Michel-Film wie eine zweite Nationalhymne gesungen wird. Auf einer Briefmarke, die auch in Deutschland erschien, wurde Michel zusammen mit Lindgren 2002 verewigt.

Jetzt stehen die Jubiläumsveranstaltungen bevor. Der Freilichtpark Skansen in Stockholm widmet dem Lausejungen am 25. Mai ein Geburtstagsfest, Buchhandel, Bibliotheken, Kindergärten und Schulen von Trelleborg bis Kiruna feiern ihn bereits am 23. Mai. Der auch bei deutschen Touristen beliebte Themenpark „Astrid Lindgrens Welt“ im smaaländischen Vimmerby eröffnet im Juni „Das neue Katthult“. Die Landschaft mit Michels Bauernhof im Zentrum hat sich der Park rund elf Millionen Euro kosten lassen.

Der schwedische Verlag Rabén & Sjögren wartet mit neuen Auflagen auf, auch Oetinger in Deutschland präsentiert Michel in speziellen Ausgaben zum Jubiläum. Ein Highlight sparen die Schweden bis Weihnachten auf: Dann kommt ein neuer animierter Michel-Film, basierend auf Björn Bergs Zeichnungen, in die Kinos, eine Koproduktion mit dem ZDF. Wann der Film „Michel und Ida“ in Deutschland zu sehen sein wird, ist laut ZDF noch unklar.

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