WÜRZBURG

Warum Priol und Pelzig ihre Anstalt schließen

Die unterfränkischen Kabarettisten erklären im Exklusiv-Interview mit der "Main-Post", warum sie die erfolgreichste Satiresendung im Fernsehen beenden.
Priol und Pelzig       -  Die unterfränkischen Kabarettisten erklären im Exklusiv-Interview mit der »Main-Post«, warum sie die erfolgreichste Satiresendung im Fernsehen beenden.
Die unterfränkischen Kabarettisten erklären im Exklusiv-Interview mit der »Main-Post«, warum sie die erfolgreichste Satiresendung im Fernsehen beenden. Foto: ZDF
Würzburg Finito: Die beiden unterfränkischen Kabarettisten Urban Priol (52) und Frank-Markus Barwasser (53) schließen ihre Anstalt zu. Die erfolgreichste Satiresendung im deutschen Fernsehen mit durchschnittlich drei Millionen Zuschauern, „Neues aus der Anstalt“, wird im Herbst eingestellt, bestätigte das ZDF am Mittwoch.

Nach der nächsten Sendung am 27. August wird nur noch das Finale nach der Bundestagswahl am 1. Oktober steigen. Im exklusiven Doppel-Interview (heute Abend auf mainpost.de bzw. Donnerstagmorgen in der gedruckten Ausgabe) erklären Barwasser und Priol in der „Main-Post“, warum sie aufhören und was sie in Zukunft vorhaben.

„Ich glaube, dass es klüger ist, lieber zu früh aufzuhören als zu spät. Die Fernsehgeschichte ist ja voller abschreckender Beispiele“, sagt der aus Würzburg stammende Barwasser, der in seiner Figur Erwin Pelzig Öffentlichkeitsarbeiter der Anstalt ist, in dem Interview. „Wir haben beide überlegt, dass irgendwann einmal ein Ende kommen muss“, erklärt Anstaltschef Priol aus Aschaffenburg. Die beiden Kabarettisten wetterten nun drei Jahre lang gemeinsam gegen den Finanzmarkt, manchmal auch die Gesellschaft, vor allem aber gegen die Politik und ihre Gestalter. „Wir haben uns überlegt: Wann wäre der richtige Zeitpunkt“, um aufzuhören, so Priol. „Da waren wir uns relativ schnell einig: direkt nach der Bundestagswahl.“

Laut ZDF soll es eine Nachfolgesendung geben, die „Die Anstalt“ heißen soll. Als mögliche Nachfolger der beiden Unterfranken sind Christine Prayon, Max Uthoff und Claus von Wagner im Gespräch. Bestätigen wollen dies Priol und Barwasser nicht: „Soweit ich weiß, ist darüber noch nicht entschieden“, sagt Priol, und Barwasser meint in der Donnerstagsausgabe der „Main-Post“: „Wir hoffen, dass die Sendung weiterhin Erfolg hat, und unsere Nachfolger haben unsere moralische Unterstützung.“

Es gab Gerüchte, das ZDF wollte die beiden Unterfranken rauswerfen. Priol bezeichnet das als „Quatsch“ und betont die „Rückendeckung", die der Sender ihnen immer gewährt habe. Barwasser erklärt in der „Main-Post“, dass das ZDF sie „mehrfach gebeten“ habe, doch weiterzumachen. Barwasser behält seine zweite ZDF-Sendung „Pelzig hält sich“, und Priol wird im kommenden Jahr eine neue Sendung im Zweiten bekommen.

Titel- und Zwischenmusik von „Neues aus der Anstalt“ ist der Song „Spinning Wheel“ der 1981 aufgelösten US-Jazzrockband Blood, Sweat & Tears. Darin heißt es: „What goes up, must come down, Spinnin' wheel got to go round“, sinngemäß: „Was hoch geht, muss auch wieder runterkommen, und das Spinnrad muss sich weiterdrehen.“ Vielleicht trifft das die aktuelle Situation der beiden unterfränkischen Kabarettisten ganz gut.

Barwasser hat mit seinem Pelzig einen Kinofilm gedreht („Vorne ist verdammt weit weg“), er hat ein Theaterstück geschrieben und mit sich in der Titelrolle im Münchner Residenztheater aufgeführt („Alkaid – Pelzig hat den Staat im Bett“), zwei Spielzeiten lang, und auf der Bühne begnügt er sich nicht mit dem Abwatschen von Politikern, sondern übt mittlerweile gesellschaftsrelevante Systemkritik. Barwasser sucht mit Pelzig immer wieder die Herausforderung.

Urban Priol ist ein Getriebener, das sagt er über sich, und was mal als Idee, als Versuch begann, ist offenbar zu einem Selbstläufer geworden: Seit geraumer Zeit macht Priol immer wieder den Eindruck, dass er sich als wichtiges, als einziges, als ultimatives Ziel auf die Fahnen geschrieben hat, die Kanzlerin irgendwie wegzubekommen. Es gibt Menschen, die meinen, sein Merkel-Bashing ist mittlerweile ein wenig langweilig geworden. Im „Main-Post“-Interview sagt er: „Es ist kein Merkel-Bashing. Ich stelle mich nur gegen diese Harmoniesoße, die von allen Seiten über diese Frau gegossen wird.“

Das ZDF hat „Neues aus der Anstalt“ nach 28 Jahren Satirefreiheit 2007 erstmals auf Sendung geschickt. Es war der Versuch, nach Dieter Hildebrandts „Notizen aus der Provinz“, die 1979 eingestellt worden waren, wieder lustig zu werden im Zweiten, damals gab es ein Format wie die „heute-show“ noch nicht, und die Anstalt hatte – für ein in der Nische beheimatetes Programm – einen phänomenalen Erfolg. Den Auftakt sahen 3,86 Millionen Zuschauer, eine Menge, von der die damalige Konkurrenz, der „Scheibenwischer“ in der ARD, der 2008 eingestellt wurde, nur noch träumen konnte. Die heutige Konkurrenz, Dieter Nuhrs ARD-„Satire Gipfel“, schauen etwa halb so viele Menschen wie die „Anstalt“.

Den Einstieg von Pelzig als festes Mitglied im Oktober 2010 verfolgten 3,60 Millionen. Laut ZDF hatte die Sendung 2012 im Schnitt knapp über drei Millionen Zuschauer, was dem Mittel der letzten drei Jahre entspreche. Barwassers Alter Ego trat 2010 die Nachfolge von Georg Schramm an, der in seiner Figur als Lothar Dombrowski Patientensprecher in der „Anstalt“ gewesen war und mit Priol die Sendung aus der Taufe hob. Die jüngste Ausgabe der "Anstalt" am Dienstagabend sahen sogar 3,61 Millionen Zuschauer - so viele wie seit Jahren nicht mehr.

2007 erhielten Priol und Schramm den Deutschen Fernsehpreis für die „Anstalt“, und 2008 waren sie damit für den Grimme-Preis nominiert, die renommierteste deutsche TV-Auszeichnung, den Preis bekamen dann die Serie „Dr. Psycho“ und Anke Engelke und Bastian Pastewka für „Fröhliche Weihnachten“.

In der Anstalt, in der neben den beiden Gastgebern auch immer wieder der Nachwuchs und vor allem sämtliche Großmeister der Satire, von Polt über Hader bis Hildebrandt, versucht haben, die Republik zu therapieren, gibt es einen Aufzug, den Anstaltschef Priol als Running Gag für sich alleine beansprucht. Die Frage bleibt momentan offen: Geht's nach dem Ende von „Neues aus der Anstalt“ hoch oder runter mit der Satire im deutschen Fernsehen?

Was Priol und Barwasser noch für Gründe haben, ihre Anstalt abzuschließen, was sie in Zukunft noch alles vorhaben, welche Sendungen ihnen in besonderer Erinnerung sind und warum sie mehrfach vom ZDF-Fernsehrat gerügt werden sollten, verraten sie im Exklusiv-Interview mit der „Main-Post“ (heute Abend auf mainpost.de bzw. morgen Vormittag in der gedruckten Ausgabe).

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