WÜRZBURG

Warum Wolfgang Niedecken nicht aufgibt

Engagiert: Er denkt nach. Und er sagt, was er denkt. Ein Gespräch mit dem Kopf der Kölschrock-Band BAP über Flüchtlinge, demokratische Werte, die AfD und – natürlich – über Musik.
Ein Konzert solle ein Gemeinschaftserlebnis erzeugen, meint Wolfgang Niedecken. Am 20. November spielt er mit BAP in der Würzburger Posthalle. Foto: Tina Niedecken

Wolfgang Niedecken, Gründer und Vordenker von BAP, hat den Kölner Dialekt mit aussagestarken Texten hoffähig gemacht – über Deutschland hinaus. „Wenn ich Kölsch singe, kommt das direkt aus meiner Seele auf die Zunge“, sagt der 65-jährige Musiker, der auch Malerei studiert hat. Am 20. November kommt Niedecken mit BAP in die Würzburger Posthalle.

Frage: Das erste „Arsch huh, Zäng ussenander“–Konzert war vor beinahe 25 Jahren. Die Fremdenfeindlichkeit hat seither aber eher zugenommen. Sind alle Bemühungen vergebens?

Wolfgang Niedecken: Ich bin mir gar nicht sicher, ob die Fremdenfeindlichkeit zugenommen hat. Zugenommen hat die Xenophobie, also die Angst vor Fremden. Aber seit 1992, als zum ersten Mal Asylantenheime brannten, hat sich einiges getan – vor allen Dingen auch in der Weltpolitik. Jetzt stehen Flüchtlinge aus dem syrischen Bürgerkrieg bei uns in unglaublichen Mengen auf der Matte. Damals ging's um den Balkankrieg, die Flüchtlingszahlen waren nicht so hoch. Jetzt kommen auch noch Flüchtlinge dazu, die aus Afrika nach Europa wollen. Das ist schon eine Situation, in der – sagen wir mal – der Normalbürger, der sich nicht unbedingt mit politischen Zusammenhängen auseinandersetzt, Ängste entwickelt. Das kann ich sogar nachvollziehen.

Wo hört das Nachvollziehenkönnen auf?

Niedecken: Das hört natürlich auf, wenn Brandsätze fliegen oder rassistische Reden gehalten werden. Aber so weit muss man gar nicht gehen: Mein Verständnis hört schon auf, wenn in Mecklenburg-Vorpommern 20 Prozent die AfD wählen. Das macht mich zornig. Ich finde, man kann sich ja auch mal informieren, bevor man irgendwo sein Kreuzchen macht!

Fremdenfeindlichkeit scheint fast salonfähig zu sein. Man kann sich offen zu Rechtspopulisten bekennen, kann bei Pegida mitmarschieren . . .

Niedecken: Laut Seehofer hat erst Merkels „wir schaffen das“ die Leute in Syrien ermuntert, loszuziehen. Aber das ist Quatsch. Das sind Menschen, die Angst um sich und ihre Familie hatten, deren Leib und Leben bedroht waren! Man muss sich ja nur die Bilder aus Syrien ansehen. Da wär' ich mit meiner Familie auch längst geflohen. Aber zur Frage: Man kann das auch ambivalent sehen. Ich finde es prinzipiell immer gut, wenn Leute mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg halten.

Stimmt auch wieder . . .

Niedecken: Tabus nützen ja keinem. Es ist besser, wenn man offen diskutieren kann. Vielleicht lässt sich dann das eine oder andere Vorurteil ausräumen. Auf der anderen Seite: Ich bin ja in den 60er Jahren aufgewachsen. Damals konnte man davon ausgehen, dass junge Menschen auf jeden Fall mindestens liberal sind oder friedensbewegt oder was immer. Der Vietnamkrieg hatte uns gezeigt, dass es eine Fehlentwicklung gab. Man hat sich an großen Vorbildern von Martin Luther King bis Bob Dylan orientiert. Das war fast eine Art Lifestyle. Das ist heute komplett vorbei. Die Werte, die gerade von diesen beiden hochgehalten wurden, sagen vielen jungen Menschen heute nichts mehr. Die sehen nur: „Oh, da kommen ganz viele, die nicht so aussehen wie wir, die werden womöglich unser Sozialsystem ausbeuten und für uns bleibt dann nichts mehr übrig.“ Da wird das Eis der Zivilisation dann schon immer dünner. Denn die kulturelle Leistung liegt doch gerade darin, dass man empathiefähig ist, dass man solidarisch ist.

Was kann man denn tun – „Zäng ussenander“, also den Mund aufmachen?

Niedecken: Man darf einfach nicht nachlassen. Man darf nicht resignieren. Das ist oft sehr, sehr schwer. Aber bei unserer Tournee sehe ich jeden Abend die Menschen vor der Bühne – unser Publikum. Das sind Leute, die eigentlich nur miteinander in Verbindung gebracht werden, die bestätigt werden müssen, denen man sagen muss: „Lasst nicht nach! Was wir allein nicht schaffen, das schaffen wir zusammen.“ Das ist überhaupt das Wichtigste, was ein Künstler, was ein Songwriter tun kann: Dafür zu sorgen, dass die Leute nicht abstumpfen, dass sie empathiefähig bleiben.

Sie haben bei Ihren Konzerten also durchaus eine Mission?

Niedecken (überlegt): Also . . . Ich geh' nicht auf Tour, um die Leute zu missionieren. Aber ich schreibe nur Songs zu Themen, die mir durch den Kopf gehen und ich stelle die zur Diskussion. Ich möchte keinen übertölpeln. Ich mach' ja keinen Politrock, bin nicht weisungsgebunden von einer Partei oder einer Gewerkschaft.

Gut, von mir aus kann man „Arsch huh, Zäng ussenander“ als Politrock sehen, aber ich habe die Geschichte ja selbst erlebt: Ich war der junge Kerl in der Bäckerei, der nicht widersprochen hat, und deswegen ist dieser Song entstanden.

Ein Konzert ist wohl in erster Linie dazu da, Spaß zu haben.

Niedecken: Ein Konzert ist dazu da ein Gemeinschaftserlebnis zu erzeugen und die Emotionen, die zu den Songs geführt haben, zu vermitteln. Bei Musik geht's immer um Emotionen, das kann Liebe sein, Angst, Hoffnungslosigkeit – alles Mögliche. Als Menschen sind wir in der Lage, Emotionen zu haben. Im Gegensatz zum Tier wissen wir, dass wir endlich sind und das sorgt schon mal für 'ne große Melancholie. Allein der Gedanke.

Haben Sie, nach all den Jahrzehnten, noch immer Spaß an Konzerten?

Niedecken: Ich hab' immer noch Spaß und ich bin dankbar dafür, dass ich mein Leben so verbringen darf. Am 21. Dezember findet das letzte Konzert dieser Tour statt. Ich werde dann auch einen sehr traurigen Moment durchleben, weil ich weiß, wir werden im nächsten Jahr nicht mit BAP spielen. Ich spiele unglaublich gerne mit dieser Band. Aber irgendwann muss man mal den Mut zur Lücke haben und sagen: Dieses Jahr ist jetzt dafür da, dass wir uns erneuern.

Ihre Tour umfasst 70 Konzerte. Das ist ja auch körperlich anstrengend.

Niedecken: Ja. Aber da muss man halt Profi sein und danach leben. Versumpfen geht nicht. Aber ich meine, ich bin in meinen jungen Jahren oft genug versumpft. Ich kann also nicht behaupten, dass ich diesbezüglich irgendwas versäumt hätte.

Man wird ja nicht jünger. Das merkt man schon, oder?

Niedecken: Klar. Ich hab' an meinem Körper einige Sollbruchstellen festgestellt. Ich habe den Schlaganfall gehabt, den ich Gott sei Dank hervorragend weggesteckt habe. Viele haben gedacht: „Der kommt nie wieder zurück.“ Ich wusste von Anfang an: „Ich komme zurück, und es wird alles wieder gut.“ Ich wusst' es einfach. Vor anderthalb Jahren hatte ich einen Bandscheibenvorfall, der furchtbar wehgetan hat und ich weiß: Ich muss Sport treiben, ich muss meine Gymnastik machen. Wenn ich mich hängen lasse, kann es passieren, dass ich demnächst die Konzerte im Sitzen spielen muss. Ich werde mir alle Mühe geben, daran vorbeizukommen. Aber sollte es irgendwann doch so weit sein – dann singe ich halt im Sitzen.

Sie könnten sich auf die Malerei zurückziehen. Das wäre eine ruhigere Art von Kunst . . .

Niedecken: Ich kann zwar auch das Malen genießen und mich in mein Atelier zurückziehen, dann ist irgendwann eine Ausstellung und dann kommen Reaktionen. Musik macht mir allerdings deutlich mehr Spaß. Da sind die Publikumsreaktionen unmittelbarer. Am wichtigsten ist mir: Wie bewähren sich neue Songs live, in einem Konzert? Das ist das eigentliche Ding. Das ist das Sahnehäubchen.

Sie werden immer noch mit „Verdamp lang her“ identifiziert – der Song ist von 1981. Nervt das?

Niedecken: Nee, nicht unbedingt. Eigentlich muss man dankbar dafür sein, dass man eine Nummer hat, die jeder kennt. Es ist nicht besonders originell, wenn ich irgendwo über die Straße gehe und jemand singt mir „Verdamp lang her“ nach. Aber die Leute meinen's ja nicht böse. Gott sei Dank ist es ein gutes Lied, das wir auch gerne spielen – es darf bei keinem BAP-Konzert fehlen. Es könnte ja auch sein, dass das bekannteste Lied einer Band eins ist, für das die Band sich schämt. Für „Verdamp lang her“ hab' ich mich noch nie geschämt. Im Gegenteil.

„Arsch huh, Zäng ussenander“

Der BAP-Song „Arsch huh, Zäng ussenander“ (kölsch für: „Arsch hoch, Zähne auseinander“) erzählt die Geschichte eines Mannes, der in der Bäckerei mitkriegt, wie ein „Typ em Blaumann“ fremdenfeindliche Sprüche ablässt, „bei denne et dir nur kotzschlääsch“ (= speiübel) wird. Man müsste was dagegen tun, überlegt der Mann – hält dann aber doch den Mund. Die Aktion: Der Titel des BAP-Songs steht auch für eine Kölner Kampagne gegen rechte Gewalt. Ursprung ist ein Konzert „gegen Rassismus und Neonazis“ mit Wolfgang Niedecken und BAP, das am 9. November 1992 rund 100 000 Menschen auf den Kölner Chlodwigplatz lockte. Seitdem unterstützt die AG „Arsch huh“ Projekte gegen Rechts.

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