Würzburg

Was Kleist an Würzburg hasste und Wagner am Mozartfest stinkt

Wald und Wandern sind zentrale Motive der Romantik. Nur schlüssig also, dass sich das Mozartfest auf seiner ersten Musikalisch-Literarischen Wanderung nach draußen begab.
Puppenspiel hoch über der Stadt. Thomas Glasmeyer mit (von links) Mozart, Richard Wagner und Goethe.
Puppenspiel hoch über der Stadt. Thomas Glasmeyer mit (von links) Mozart, Richard Wagner und Goethe. Foto: Johannes Kiefer

Die Arbeit eines Kulturredakteurs findet in der Regel, sieht man von gelegentlichen Freilicht- oder Freiluft-Ereignissen ab, in geschlossenen Räumen statt. Im Theater, in der Oper, im Museum. Wanderungen, so er denn ein Wanderer ist, unternimmt er höchstens privat. Nun sind Wald und Wandern zentrale Motive der Romantik, weswegen das Mozartfest, dessen Motto heuer "Mozart, ein Romantiker?" lautet, erstmals zu einer Musikalisch-Literarischen-Wanderung im Wald des Würzburger Nikolausbergs unterhalb der Frankenwarte lud. 

Alle drei Termine (Christi Himmelfahrt, Pfingstmontag und Fronleichnam) mit je 90 Plätzen sind seit Wochen ausverkauft. Tatsächlich leuchtet die Idee einer Wanderung mit mehreren Haltepunkten, an denen Rezitation, Musik, Puppentheater oder Schauspiel stattfinden, auf Anhieb ein, und die Premiere bei idealem Wetter (auch über das Wetter schreibt der Kulturredakteur eher selten) ist denn auch rundum gelungen.

Clara Schumanns Rückert-Vertonung in der Natur:  Hiltrud Kuhlmann (Sopran) und Marko Sevarlic  (Akkordeon). 
Clara Schumanns Rückert-Vertonung in der Natur:  Hiltrud Kuhlmann (Sopran) und Marko Sevarlic  (Akkordeon).  Foto: Johannes Kiefer

Sie hätte auch als gelungen gelten dürfen, hätte sich der gut dreistündige Spaziergang unter alten Laubbäumen mit gelegentlichen spektakulären Ausblicken auf Stadt und Festung als angenehme Abwechslung vom Büro mit ein paar kulturellen Einsprengseln entpuppt. Denn es hat ja seinen Grund, dass fragile Darbietungen von Kunstlied oder Lyrik sonst in Schutzräumen stattfinden, in denen weder Krach noch Passanten noch die unberechenbare Natur das Erleben trüben können.

Route und Inhalte hat der Würzburger Antiquar Daniel Osthoff zusammengestellt

Doch hier, im Wald, tritt schon bei der ersten von sieben Stationen ein Effekt ein, wie ihn mancher vielleicht von unverhofft großartigen Straßenmusikern in irgendeiner ansonsten reizlosen Fußgängerzone kennt: Trotz aller möglicher Ablenkungen, in diesem Fall allerhand Waldgeräusche plus knirschender Kies unter den Füßen eines Auditoriums, das sich erst zurechtfinden muss, wirken die Darbietungen von ersten Moment an beglückend intensiv.

Rezitator Stefan Müller-Ruppert findet genau die richtige Mischung aus Jovialität und Empfindsamkeit
Rezitator Stefan Müller-Ruppert findet genau die richtige Mischung aus Jovialität und Empfindsamkeit Foto: Johannes Kiefer

Route und Inhalte hat der Würzburger Antiquar Daniel Osthoff zusammengestellt, es kommen ausschließlich Künstlerinnen und Künstler mit Bezug zur Region zu Wort. Max Dauthendey etwa, der viel Zeit im Gut zur Neuen Welt verbrachte, oberhalb dessen die Wanderung nach einer Passage auf der "Kniebreche" endet. Oder Leonhard Frank, dessen lakonische Worte zur Zerstörung Würzburgs am 16. März 1945 noch heute herzzerreißend sind: "Den folgenden Morgen floß der Main, in dem sich die schönste Stadt des Landes gespiegelt hatte, langsam und gelassen durch Schutt und Asche, hinaus in die Zeit." 

Heinrich von Kleist gefällt Würzburg zunächst kein bisschen

Oder Friedrich Rückert, der in Schweinfurt geborene Dichter und Sprachgelehrte. Goethe natürlich, sein Steinwein-Zitat ist wohl unumgänglich. Richard Wagner, der hier "Die Feen" komponiert hat und sich auf der Puppentheater-Bühne von Thomas Glasmeyer oberhalb des Käppeles ärgert, dass er damals nicht selbst auf die Idee kam, ein Mozartfest zu veranstalten.

August von Platen, Jurastudent im Würzburg des Jahres 1818, Dichter, einsam und sehr empfindsam. Unglücklich verliebt in einen Jüngling, dem er in seinen Elegien das Pseudonym "Adrast" gibt.  Nachdem ihn Heinrich Heine als homosexuell outet, wird er 1826 Deutschland für immer verlassen. Oder Heinrich von Kleist, der – wie auch von Platen – im Jahr 1800 keinen besonders günstigen ersten Eindruck von Würzburg hat. Auch er bemängelt kahle Höhen um die Stadt, "denen das Laub ganz fehlt" (erst der 1874 gegründete Verschönerungsverein wird dem mit Aufforstungen Abhilfe schaffen). Ebenso wenig hat von Kleist für die Würzburger übrig: "Denn Heere von Pfaffen und Mönchen, buntscheckig montiert, wie die Reichstruppen, laufen uns unaufhörlich entgegen und erinnern uns an die gemeinste Erde."

Salieri verteilt auf Geheiß Goethes Schokolade an die Wanderer

Zwischendurch läuft der Wandergruppe auch noch jemand ganz anderes entgegen: Salieri in vollem Kostüm (Rainer Appel), der eine leicht veränderte Version der Bildnis-Arie aus Mozarts "Zauberflöte" trällert und auf Geheiß seines Freundes Goethe Schokolade an die Wanderer verteilt. 

Rezitator Stefan Müller-Ruppert, dezent unterstützt von einem tragbaren Lautsprecher, findet genau die richtige Mischung aus Jovialität und Empfindsamkeit, seine Pointen setzt er mit routiniertem Timing, den lyrischen Passagen wie etwa Rückerts "Liebst du um Schönheit" gibt er Zeit und Tiefe. Clara Schumanns Vertonung des Gedichts aus dem Zyklus "Liebesfrühling", direkt danach vorgetragen von Hiltrud Kuhlmann (Sopran) und Marko Sevarlic (Akkordeon) ist ein Moment intimster Schönheit, wie er in keinem Konzertsaal anrührender sein könnte.

Als Hiltrud Kuhlmann, wiederum wunderbar sensibel begleitet von Marko Sevarlic, unter einem großen Baum im Garten des Käppele die Arie der Pamina "Ach, ich fühl's, es ist entschwunden" singt, gelingt ihr die so ergreifend, dass einer der mitwandernden Hunde nicht umhin kann, ein ganz klein wenig mitzusingen. Auch dies ein Genuss, der dem Kulturredakteur im Konzertsaal eher selten zuteil wird.

Rückblick

  1. Würzburg: Was das Mozartfest im Jubiläumsjahr zu bieten hat
  2. Live-Konzerte trotz Corona: Das Mozartfest hält Wort
  3. Mozartfest-Intendantin: "Dieses Virus, das zaubern wir weg"
  4. Das Mozartfest zeigt, worum es bei Musik eigentlich geht
  5. "Ironie der Geschichte": Reinhard Goebel und der Tanzende Schäfer
  6. Warum Beethoven trotz seiner Taubheit komponieren konnte
  7. Mozartfest im Live-Stream: Hinter den Kulissen im Kaisersaal
  8. Mozartfest-Auftakt live aus dem Kaisersaal im Internet
  9. Standpunkt: Mozartfest 2020 - eine enorm wichtige Geste!
  10. Corona-Auflagen: Das Würzburger Mozartfest 2020 gibt nicht auf
  11. Mozartfest 2020: Zum Schluss sind vier Live-Konzerte geplant
  12. Corona: Es gibt noch Hoffnung für Mozartfest und Hafensommer
  13. Zwei Widerständige: Mozart und Beethoven beim Mozartfest 2020
  14. Die Jupiternacht des Mozartfests zaubert ein U in die E-Musik
  15. Auslastung 93 Prozent: Das Mozartfest 2019 ist Geschichte
  16. Mozartfest: Dramatik im Freien und Bravorufe im Treppenhaus
  17. Mozartfest im Kino: Im Mythos der Tiefe
  18. Kleine Nachtmusik: Romantik im Hofgarten der Residenz
  19. Mozartfest: Virtuose Eskapaden beim Hummel-Konzert
  20. 25 Jahre Freundschaft mit dem Mozartfest
  21. Wie Mozart im digitalen Zeitalter klingen könnte
  22. Musikalisches Plädoyer gegen den Brexit beim Mozartfest
  23. Mozartfest: Magische Klänge und das Eigenleben des Kaisersaals
  24. Dramatische Kammeroper beim Mozartfest
  25. Ein moderner Blick auf Clara Schumann
  26. Wie Mozart Strauss zu einer Oper inspirierte
  27. Was passiert, wenn sich fünf Musiker optimal verstehen
  28. Wenn aus Laborergebnissen Musik wird
  29. Was Kritiker über die "Winterreise" zu sagen haben
  30. Das lauteste Wiegenlied aller Zeiten
  31. Unsuk Chin: Wut und Träume als Quelle der Kreativität
  32. Mozartfest: Leidenschaft und hinreißende Anmut aus Finnland
  33. Residenzgala: Die Kunst der Kellermeister und der Komponisten
  34. Mozartfest: Don Giovanni als selbstgefälliger Gute-Laune-Bär
  35. Kurzweil im Kaisersaal
  36. Eine Mission: Wie Jugendliche für Klassik motiviert werden
  37. Armstrong und Prégardien verzahnen Schubert und Mozart
  38. Isabelle Faust beim Mozartfest: Schumann aus dem Schatten geholt
  39. Julian Prégardien: "Ich mache mir jetzt nicht ins Hemd"
  40. Mozarts Messen: Kurz und genial
  41. Mozartfest im Dom: Wo Klänge und Farben funkelten
  42. Mozartfest: Eine Nachtmusik voller Beziehungszauber
  43. Romantik pur bei der Nachtmusik im Hofgarten
  44. Lise de la Salle als virtuose Nachfolgerin Clara Schumanns
  45. Was Kleist an Würzburg hasste und Wagner am Mozartfest stinkt
  46. Wie die Romantiker Mozart zum Romantiker machten
  47. Mozartische Fröhlichkeit nicht nur bei Mozart
  48. Mozartfest: Erste Nachtmusik im Hofgarten
  49. Das Quintett, das Mozart für das beste seiner Werke hielt
  50. Ein Mozart-Openair in der ganzen Innenstadt

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Würzburg
  • Mathias Wiedemann
  • August von Platen
  • Autor
  • Clara Schumann
  • Friedrich Rückert
  • Heinrich
  • Heinrich Heine
  • Heinrich von Kleist
  • Jesus Christus
  • Johann Wolfgang von Goethe
  • Künstlerinnen und Künstler
  • Leonhard Frank
  • Max Dauthendey
  • Mozartfest Würzburg
  • Oper
  • Rezitatoren
  • Richard Wagner
  • Schauspiel
  • Wandern
  • Wolfgang Amadeus Mozart
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!