NÜRNBERG

Was Wanderer mit sich herumtragen

Caspar David Friedrich lässt grüßen: Lennart Pagels Fotografie „Über dem Nebelmeer“ entstand im Pfälzer Wald. Zu sehen im Germanischen Nationalmuseum. Foto: Lennart Pagel

Ein bisschen Taugenichts, ein bisschen Caspar David Friedrich, ein bisschen moderne Gipsfigur. Wer wandert, bewegt sich nicht nur physisch durch Wald und Flur. Er bewegt sich auch durch die weite Welt der Symbole. Begleiten wir ihn auf seiner Tagesreise.

Aufbruch: Morgen

„Mir war es wie ein ewiger Sonntag im Gemüte“, freut sich der Taugenichts, Der Frühlingstag ist jung und Eichendorffs famoser Held bester Laune. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen“, singt er und schlendert „durch das lange Dorf hinaus“.

Fröhlich und unbeschwert: So muss eine Wanderung beginnen. Bittersüßer Abschiedsstimmung ist freilich auch immer dabei: „Mir war gar seltsam zumute, so traurig und auch wieder so überaus fröhlich.“ Wer wandert, muss raus aus seiner bürgerlichen Bequemlichkeit.

Er lässt aber auch Stechuhr, Stress und Zwang zum Geldverdienen hinter sich und läuft, einigermaßen zweckfrei, durch Feld, Wald und Wiese. Jeder, der wandert – laut Statistik sind das 40 Millionen Deutsche – ist ein bisschen Taugenichts.

Schon die Hippies freuten sich Ende der 1960er Jahre über den unbürgerlichen Ansatz der Novelle von Joseph von Eichendorff. „Aus dem Leben eines Taugenichts“ wurde rund 150 Jahre nach seinem Erscheinen zu ihrem Kultbuch. Es passte so gut zu ihrer Lebenseinstellung.

Unterwegs: Mittag

Unser Wanderer ist nun schon ein paar Stunden unterwegs. Neben dem Rucksack – mit Butterbrot, Müsliriegel und Wasserflasche für die Mittagspause – hat er auch einen Totenschädel.

Totenschädel? Wer bitte läuft denn mit sowas unterm Arm herum? Die vier Figuren der Schwäbisch Haller Künstlerin Felicitas Franck tun's. Am Beginn der Ausstellung „Wanderland“ im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg postiert, stellen sie so etwas wie die Quintessenz des Wanderns dar. Soll heißen: Jeder, der wandert, ist nicht bloß ein bisschen Taugenichts. Er hat auch etwas von diesen Figuren in sich.

Die drei Herren und die Dame aus Alabastermodellgips machen deutlich: Der Wanderer schleppt nicht nur einen Rucksack mit Verpflegung, sondern auch mehr als 1000 Jahre Kulturgeschichte. Die Schädel sind Symbole. Symbole sind eine uralte Art, Wahrheiten über das Leben zu erzählen. Die Figuren mit den Totenköpfen erzählen zum Beispiel, dass Wanderer vor etwas davonlaufen: vor der Gewissheit des eigenen Todes.

Wandern wird seit frühester Zeit mit Tod und Leben verbunden. Schon Kirchenvater Augustinus (354 bis 430) riet seinen Mitmenschen, sich als Wanderer „in der Herberge des Lebens“ zu begreifen. Im Barock sah man Wandern als Sinnbild für den Lebensweg, als „stetige, unumkehrbare Reise zu Gott“, heißt es in der Nürnberger Schau. Im ausgehenden 18. und 19. Jahrhundert übernahmen Literaten, Maler und Philosophen diese Vorstellung.

Noch heute arbeiten Künstler damit, siehe die vier Alabastermodellgipswanderer. Die symbolisieren zudem, dass es niemandem gelingt, dem Tod davonzulaufen. Weil jeder ihn stets dabeihat. In diesem Fall in der Form der symbolischen Schädel.

Einer aus dem Figurenquartett trägt zwei blaue Blumen vor sich her, als laufe er ihnen nach wie ein Esel, dem man ein Heubündel vorhält. Seit 1802 Novalis' Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ erschien, stehen blaue Blumen für das Unerreichbare, für die unstillbare Sehnsucht. Der Wanderer, das ist irgendwie auch der ewig Unruhige. Auf der Suche nach der blauen Blume läuft und läuft und läuft er.

Bergauf: Nachmittag

Gerne steigt der Wanderer Berge empor. Vordergründig tut er das der Aussicht wegen, die ihn erwartet. Hintergründig ist er auch da getrieben von Sehnsucht. Er möchte über die Wolken hinaus kommen, die bekanntlich „alle Ängste, alle Sorgen“ verbergen, wie Reinhard Mey textete („Über den Wolken“).

Dann ist er oben auf Alpen, Alb oder Apennin und steht wie Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ auf einem Gipfel. Unter ihm wabern weiße Wolken. In der Ferne erblickt er Bergspitzen, die – als Symbole – eine Ahnung von etwas Größerem und Jenseitigen vermitteln. Der Gipfelblick sei „die möglichste Überschreitung“ der „irdischen Möglichkeiten und Bindungen“, schreibt Frank Matthias Kammel, Generaldirektor des Bayerischen Nationalmuseums im Ausstellungskatalog.

Im Tal aber hängt der Nebel. Und dort hinab, zurück ins undurchsichtige Leben, muss der Wanderer wieder. Vorwärts geht's ja nicht mehr: Er steht zwar auf einem Gipfel, aber halt auch am Abgrund.

Ruhe: Abend

Die Schritte des Wanderers sind schwerer geworden. Von der Unbekümmertheit des Morgens ist fast nichts mehr übrig. Ob's an all der, eher schwermütigen, Kulturgeschichte liegt? Die wiegt aber doch eigentlich nichts. Jedenfalls im physikalischen Sinn.

Wie auch immer: Tröstliches für den müden Leib und die matte Seele des Wanderers hält Goethe bereit: „Über allen Gipfeln / ist Ruh / In allen Wipfeln / Spürest Du / Kaum einen Hauch. / Die Vögelein schweigen im Walde. / Warte nur! Balde / Ruhest Du auch.“

Der Dichterfürst schnitzte „Wanderers Nachtlied“ in die Bretterwand einer Hütte am Kickelhahn oberhalb des Thüringischen Städtchens Ilmenau. Goethe, der selbst gerne wanderte, wusste, wie man sich am Ende eines langen Weges fühlt. Und wonach man sich sehnt: nach Ruhe. Auch nach Ruhe vor Hippies, Taugenichtsen und sonstigen Symbolfiguren.

„Wanderland“ in Nürnberg

Das Germanische Nationalmuseum Nürnberg bietet in der Ausstellung „Wanderland“ einen Überblick über 200 Jahre Kulturgeschichte des Wanderns.

Zu sehen sind rund 400 Ausstellungsstücke, neben Werken der Kunstgeschichte – etwa von Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus und Max Slevogt – auch Equipment in Form von Wanderschuhen, Stöcken, Rucksäcken oder Wanderkarten. Beleuchtet wird zudem die Rolle der Eisenbahn für die Wander-Bewegung.

Spektakulär ist ein virtueller Baumwipfelpfad. Der Besucher stülpt sich einen Datenhelm über und fühlt sich auf den Baumwipfelpfad Saarschleife bei Mettlach versetzt. Er läuft den Holzweg entlang, hat jederzeit Sicht nach allen Seiten und findet sich schließlich auf dem Aussichtsturm hoch über dem Fluss wieder. Im Tal liegt der Nebel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10–18, Mittwoch 10–21 Uhr. Die Sonderausstellung „Wanderland“ läuft bis 28. April

Quintessenz des Wanderns: Die Figuren (2010 bis 2012) von Felicitas Franck sind am Beginn der Ausstellung „Wanderland“ postiert. Foto: Studio Dirk Messberger
Hans Thoma„Der Wanderer“ (1906). Foto: Hans-Thoma Kunstmuseum Bernau

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