LONDON

Was für Mark Knopfler Bullshit ist

Reflexionen: Er ist der berühmte Musiker, der eigentlich nicht berühmt sein will. Mark Knopfler hat's lieber ruhig. Ein Gespräch über Castingshows und die Entdeckung der Langsamkeit mit zunehmendem Alter.

Die „British Grove Studios“ in West London sind Mark Knopflers Stolz. Dort arbeitet der einstige Kopf der Dire Straits an seinen Alben, zuletzt an „Tracker“. Dort hat der Meister, der im Juli in Bad Kissingen spielt, alles, was er braucht. Entspannt liegt der 65-Jährige beim Gespräch auf dem Sofa seiner kleinen Arbeitswohnung im Obergeschoss, Er trägt sehr lässig Jeanshose, Jeansjacke und braune Lederstiefel, auf dem Esstisch im Nebenraum wartet eine stattliche Portion Sushi auf ihn.

Frage: Mark Knopfer, Ihr neues Album beginnt mit dem Kneipensong „Laughs and Smokes and Drinks and Jokes“. In dem keltisch geprägten Shanty-Lied wimmelt es von Instrumenten wie Harfe und Dudelsack, musikalisch ist da richtig was los. Wie entscheiden Sie, welcher Song welches klangliche Kleid angezogen bekommt?

Mark Knopfler: Das ist eine sehr knifflige Sache. Und vielleicht gerade deshalb eine der Lieblingsbeschäftigungen für meinen Co-Produzenten Guy Fletcher und mich. Die Frage, welche Instrumente, welches Mikrofon, welches Mischpult du benutzt, ist für einen Song so wichtig, wie die Frage der richtigen Schulwahl wichtig für deine Kinder ist.

Und? Richtig gelegen?

Knopfler: Ich finde schon. Wenn ich mir „Tracker“ anhöre, fühle ich mich zu jeder Sekunde überaus wohl. Ich denke, wir haben alles so gut hinbekommen, wie wir konnten.

Ich meinte eigentlich, ob die Schulwahl die passende war.

Knopfler (lacht): Och, doch. Die Zwillingsjungs, Benji und Joseph, sind 26, erwachsen und gehen ihrer Wege. Isabella ist 17, Katya Ruby ist 12, und beide sind auf einer wirklich hervorragenden Schule.

Machen die Mädels auch Musik?

Knopfler: Bisschen Gitarre und Flöte. Keine Ahnung, was die mal treiben werden, Hauptsache, sie wollen in keiner dieser abartigen Talentshows im Fernsehen auftreten. Diese Sendungen sind die Seuche.

Finden Sie?

Knopfler: Natürlich. Das ist nichts weiter als demütigender Bullshit. Und die Kids bekommen eingetrichtert, dass es nichts Wichtigeres gäbe, als berühmt zu sein. Was für ein Riesenschwachsinn!

Sie selbst haben Ihre Karriere damit verbracht, darauf achtzugeben, dass Sie nicht zu berühmt werden. Wäre das eine zutreffende Beschreibung?

Knopfler (denkt nach): Ja. Selbstverständlich. Ruhm ist für mich rein gar nicht positiv besetzt. Wenn ich daran denke, schüttelt es mich. Ruhm ist eine Nebenwirkung meiner Arbeit, und er ist ein Abfallprodukt des Erfolgs.

Erfolg ist aber doch nicht unangenehm.

Knopfler: Okay, das stimmt. Gucken Sie sich dieses Studio, dieses Haus an. Das ist teuer gewesen, und es ist herrlich. Ohne den Erfolg hätte ich mir so eine wundervolle Arbeitsstätte niemals leisten können. Also gut, diese indirekte Folge des Ruhmes ist wohl nicht zu verdammen. Und mein Buchhalter hat mir versichert, dass ich mir wegen meiner Finanzen ein Leben lang keine Sorgen mehr machen muss.

Sie sind wahrscheinlich einer der wohlhabendsten Musiker Großbritanniens, besitzen ein Topstudio und ein schönes Anwesen in Notting Hill und können hier nebenan ins Café gehen, ohne einmal blöd angelabert zu werden.

Knopfler: Absolut. So mache ich das auch, ich gehe hier gern Kaffee trinken. Ich finde das wichtig, es ist ein Schatz, in Ruhe leben zu können. Ich weiß noch, als meine inzwischen erwachsenen Söhne Teenager waren, sagten sie mir dauernd „Papa, mach doch mal diese oder jene coole Sendung im Fernsehen“. Die wollten immer, dass ich in dieser Auto-Show namens „Top Gear“ auftrete. Aber warum? Finde ich nicht cool.

Hat Ruhm auch andere Vorteile als bloß finanzielle?

Knopfler: Nein, ich wüsste keinen. Entscheidend ist es vielmehr, seine Kreativität ausleben zu können. Die Bekanntheit und das Materielle sind nur Ableitungen dessen, was ich geleistet habe und noch leiste. Ich finde es bis heute immer wieder faszinierend, Songs zu schreiben und Songs hinauszubegleiten in die Welt. Sobald ein Lied veröffentlicht wird, bekommt es sein eigenes Leben, ein Leben unabhängig von mir selbst. Auch da gibt es diese enge Parallele zu deinen Kindern.

Lesen Sie viel?

Knopfler: Nein, nein. Ich verbringe sicher mehr Zeit vor dem Fernseher beim Fußballgucken als mit Lesen. Am meisten lese ich auf Tour. Aber früher war das auch mehr. Heute sind wir ja alle so digital drauf . . .

Selbst Mark Knopfler!

Knopfler: Ja, sorry. Selbst ich. Früher schrieb ich Briefe und Songtexte seitenweise per Hand. Das ist vorbei. Heute benutze ich meinen Apple-Rechner wie alle anderen auch.

Das wird einige Fans schockieren.

Knopfler: Ich weiß, ich weiß. Aber ganz so schlimm bin ich nicht. Ich höre Musik zum Beispiel noch immer am liebsten auf Vinyl. Dieses Klischee vom alten Mann im Sessel, der sich Musik über eine teure Anlage anhört, vielleicht mit einem guten Gläschen Wein, das trifft auf mich zu. Das will ich auch nicht missen. Es ist nur so, dass ich heute weniger Papier brauche als früher.

Werden die sogenannten physikalischen Tonträger bald aussterben?

Knopfler: Auf keinen Fall! Ich unterhalte mich häufig mit jungen Musikern und staune, wie enthusiastisch die sind, wenn es um Vinylplatten geht. Die Jugend liebt wieder Vinyl. Gut möglich, dass die CD ausstirbt, aber Vinyl schafft gerade ein spektakuläres Comeback und wird bleiben. Und auch das Internet sehe ich keinesfalls als Totengräber der Musik an.

Sondern?

Knopfler: Das Internet ist toll. Du kannst dort viel schneller und viel effektiver neue Musik oder für dich spannende Musik finden als früher im Radio. Du musst nicht warten, bis sie den neuen Song deiner Lieblingsband spielen, sondern du kannst ihn zielgerichtet suchen und finden. Hätte ich als Jugendlicher schon das Internet gehabt, wäre ich Tag und Nacht darin versunken, immer auf der Jagd nach neuer Musik.

Handelt „Broken Bones“, einer der Songs auf „Tracker“, von Ihrem schweren Motorradunfall vor einigen Jahren?

Knopfler (lacht): Nicht direkt. Aber indirekt und teilweise dann doch. Wenn du älter wirst, trägst du deine Verletzungen und Narben herum, die seelischen wie die körperlichen, davon handelt dieser Song. Diese ganze Älterwerden-Scheiße ist nichts für Feiglinge, das kann ich dir sagen. Du musst halt einfach immer weitermachen, dich nicht klein kriegen lassen vom Alter.

Bekommen Sie das hin?

Knopfler: Ja, sehr gut sogar. Ich liebe es. Na ja, lieben wäre vielleicht übertrieben. Ich stelle mich dem Alter. Aktiv. Ich gehe ins Fitnessstudio, mehrmals die Woche, ich mache Pilates, ich versuche, fit und gesund zu bleiben.

Sie machen Pilates? Ist das nicht voll der Frauensport?

Knopfler: Mir egal (lacht). Ich bin nicht gut darin, aber ich mache es total gerne, und das ist die Hauptsache. Sport muss Spaß machen, sonst bringt er nichts. Auch wenn ich nicht gerade besonders biegsam bin.

Sie sagen immer, dass Sie das Leben eher langsam angehen lassen . . .

Knopfler: . . . besonders beim Pilates, wo ich sehr, sehr langsam bin.

Führt das Älterwerden dazu, dass Sie manche Dinge auch schneller machen? Weil Sie Angst haben, dass ihnen die Zeit wegläuft?

Knopfler: Nein, ich werde eher noch langsamer! Beim Denken, beim Songschreiben, beim Spielen. Auch meine Songs werden ja jetzt nicht plötzlich irre schnell. Nein, ich bin ein gemächlicher Mensch, und das wird auch so bleiben.

Mark Knopfler in Bad Kissingen

Der britische Musiker, geboren am 12. August 1949 in Glasgow, war Kopf und Gründer der Dire Straits, mit denen er weltweite Bekanntheit erlangte. Mit insgesamt etwa 120 Millionen verkauften Tonträgern (Dire Straits und solo zusammen) zählt Mark Knopfler zu den Musikern mit dem größten kommerziellen Erfolg. Allein das Dire-Straits-Album „Brothers in Arms“ wurde bislang über 30 Millionen Mal verkauft. Die Ära der Dire Straits endete 1995. Knopfler sieht keinen Anlass für eine Wiedervereinigung.

In Bad Kissingen gibt Mark Knopfler am 4. Juli ein Open-Air-Konzert im Luitpoldpark. Vorverkauf: Tel. (0 18 05) 60 70 70 oder www.argo-konzerte.de

Mark Knopfler: „Ich bin ein gemächlicher Mensch, und das wird auch so bleiben.“ Foto: dpa

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