Wenn Dietmar Bär das Monster in sich weckt

Dietmar Bär, Dortmund-Anhänger: „Ich bin kein Fan, ich bin Teil der Borussia!“
Dietmar Bär, Dortmund-Anhänger: „Ich bin kein Fan, ich bin Teil der Borussia!“ Foto: dpa

Ein Kumpeltyp mit einer Schwäche für Currywurst und Kölsch: Seit 1997 ermittelt Dietmar Bär als „Tatort“-Kommissar Freddy Schenk in Köln, ein echter Sympathieträger. Doch der 50-jährige Schauspieler kann auch anders – und das zeigt er in dem sensiblen Drama „Kehrtwende“ (Mittwoch, 13.4., 20.15 Uhr, ARD) über das Thema häusliche Gewalt. Bär verkörpert den Mathelehrer Thomas Schäfer, der mit dem alltäglichen Frust nicht fertig wird, seine Frau und seinen Sohn prügelt. Bär, der mit seiner Ehefrau in Berlin lebt, spielt die ungewohnte Rolle mit großer Überzeugungskraft. Im Herbst ist er dann an der Seite von Klaus J. Behrendt wieder als Kommissar zu sehen – im 50. gemeinsamen „Tatort“.

Frage: Die Zuschauer kennen Sie vor allem als „Tatort“-Kommissar, in Ihrem neuen Film spielen Sie einen prügelnden Familienvater. Wollen Sie vom Image als Kumpeltyp abrücken?

Dietmar Bär: Also wenn ich morgens aufwache weiß ich immer noch, dass mein Beruf Schauspieler ist und nicht „Tatort“-Kommissar. Natürlich will ich ab und zu andere Filme drehen, und ein oder zweimal im Jahr kann man mich ja auch auf anderen Baustellen sehen. Der „Tatort“ ist einer der besten Jobs, die man im Fernsehen kriegen kann, aber er ist zum Glück kein goldener Käfig.

Ähnlich wie viele Ihrer „Tatort“-Krimis fasst „Kehrtwende“ ein heißes Eisen an: Es geht um Gewalt in der Familie.

Bär: Ich freue mich, dass der Film in der Tradition des sozialkritischen Fernsehspiels steht, das leider rar geworden ist. Nichts gegen gut gemachte Unterhaltungsfilme, aber es muss auch Stoffe mit einer Message geben. Natürlich können wir mit dem Film nicht die Welt verändern. Aber vielleicht bekommt der ein oder andere Zuschauer den nötigen Impuls, einzuschreiten, wenn er in der Nachbarschaft oder im familiären Umfeld Gewalt beobachtet, statt das stillschweigend hinzunehmen.

Waren Sie selber schon einmal in einer solchen Lage?

Bär: Ich war noch nie in dieser Situation, aber ich bin mir sicher, dass ich immer eingegriffen hätte, wenn ich auch nur ein kleines Anzeichen bemerkt hätte. Diese Zivilcourage sollte jeder mitbringen, nicht Wegzugucken ist das Allerwichtigste.

Der von Ihnen gespielte Familienvater ist Lehrer und Schöngeist, er entspricht also nicht unbedingt dem Klischeebild vom gewalttätigen Ehemann.

Bär: Das ist ja eigentlich der wichtige, der spannende Punkt unseres Films – zu zeigen, dass es in allen Schichten Menschen mit diesem Problem gibt, die Hilfe nötig haben. Wir hatten bei den Dreharbeiten einen Fachberater, der Anti-Gewalt-Seminare anbietet. Da kommen zwar auch Freigänger aus dem Knast, aber auch Männer aus anderen Bereichen der Gesellschaft, die freiwillig auftauchen und einfach versuchen wollen, ihre Gewalttätigkeit in den Griff zu kriegen.

Wie spielt man so einen Kerl, der seine Frustration an Frau und Kind auslässt?

Bär: Wichtig ist sich klarzumachen: Was passiert mit diesem Menschen? Der wird ja nicht morgens wach und sagt sich, dass er heute mal wieder zuschlagen will. Wir versuchen zu zeigen, wie sich das in Wellen entwickelt. Jeder hat doch solche Triggerpunkte, wo er seine Wut nicht mehr hundertprozentig im Griff hat, Emotionen sind eine kritische Masse. Wir alle kennen starke Gefühle, wir sind doch alle Menschen. Das Monster wohnt in jedem. Deshalb kann sich auch jeder von dem Film betroffen fühlen.

Und vor den Gewaltszenen mussten Sie versuchen, in sich selber Wut zu wecken, um in die richtige Stimmung zu kommen?

Bär: Natürlich, vor solchen Szenen muss ich das Monster in mir wecken. Das sind die wunderbaren und auch unheimlichen Abgründe der Schauspielerei, man begibt sich auf eine innere Reise, die ja für manche sogar im Wahnsinn enden kann – da sehe ich mich nun allerdings gar nicht gefährdet.

Also hat es Sie schon Überwindung gekostet?

Bär: Nein, denn wie gesagt, so etwas ist einfach Teil der Faszination meines Berufs. Ich müsste jetzt wirklich lügen, wenn ich behaupten wollte, dass mich das Überwindung gekostet hat. Rein handwerklich betrachtet ist das im Grunde genauso nüchtern wie bei einer Sexszene oder einer Kneipenschlägerei in anderen Filmen. Man setzt sich gemeinsam mit dem Regisseur mit der Sache auseinander, choreografiert die Szenen, schaut, was in dem Raum möglich ist, spricht es mit dem Kameramann ab, probt und versucht, es so echt wie möglich aussehen zu lassen.

Was machen Sie, wenn Sie selber mal richtig Wut im Bauch haben? Einmal um den Block gehen oder mit dem Auto durch die Gegend fahren?

Bär: Dafür ist das Leben viel zu kompliziert, so einfach ist es nicht. Ich würde übrigens auch niemandem raten, sich in so einer Stimmung ins Auto zu setzen – ich würde eher sagen, dass es Situationen im Straßenverkehr gibt, die mich in Rage bringen können. Auf der Autobahnfahrt vom Ruhrgebiet nach Berlin kann ich mir fest vornehmen, zu allen nett zu sein, aber nach einer Stunde habe ich schon wieder drei Leute verflucht. Da würde ich mir vielleicht manchmal wünschen, gelassener zu reagieren. Aber das Ganze ist bei mir ja zum Glück nicht pathologisch, und ich muss mir keine bestimmten Verhaltensmuster antrainieren wie der Mann im Film. Ich kann mit meinen ganz normalen Emotionen leben, und es gibt genug Ventile, sie auch mal rauszulassen, unter anderem die kathartischen Momente im Fußballstadion.

Sie sind Fan von Borussia Dortmund.

Bär: Ich bin kein Fan, ich bin Teil der Borussia! Ich bin da aufgewachsen, da kann man kein Fan sein, da ist man mittendrin. Im Stadion denke ich mir oft, dass viele der 80 000 gar nicht wissen, dass sich da auch ihr ganz normaler Ärger entlädt. Da kann es noch so viele rauchfreie Familyblocks geben, viele Männer können bei einem Fußballspiel einfach den Frust der Woche abbauen, in der Freude über den Sieg oder dem Schmerz der Niederlage. Aber dafür sind Brot und Spiele ja auch da.

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