Bad Kissingen

Wenn die Zeile"Freunde, das Leben ist lebenswert" voll zutrifft

Die Operngala beim Kissinger Sommer zeigte vor allem eins: Man kann unterschiedlichste Stücke in ein Programm packen - wenn so kundig und mitreißend musiziert wird.
Simona Šaturová
Simona Šaturová Foto: Thomas Houda

Mozart und Lehár, Verdi und Johann Strauss im gleichen Konzert, geht das? Wenn so gesungen und musiziert wird wie bei dieser mitreißenden Operngala des Kissinger Sommers, dann ja. Manfred Honeck führt die Bamberger Symphoniker über alle Klippen der unterschiedlichen Musikstile, achtet auf Durchsichtigkeit des Klangs, übertönt nicht die Solisten, lässt die Musik atmen, macht Ruhepausen, um nachher umso mehr an Feuer zu entfachen. So wird seine Interpretation der "Fledermaus"-Ouvertüre zum mitreißenden orchestralen Glanzstück des Abends.

Mit viel Kraft und witzigen schauspielerischen Einlagen gestaltet der Bayreuth-erfahrene Tenor Benjamin Bruns seine Arien und Duette, etwa wenn er als Nemorino in Donizettis "L'elisir d'amore" den Rotwein-Liebestrank leert. Auch wenn man sich gelegentlich, vor allem bei den Duetten, etwas weniger Kraftmeierei gewünscht hätte, kann er durchaus auch lyrisch wie in der Nemorinos Romanze "Una furtiva lagrima" (eine flüchtige Träne). Mit seiner baritonal gefärbten Stimme verführt er als Don Giovanni Zerlina, verströmt aber auch jugendliche Glut in Verdis „La traviata”.

Diffizile Koloraturen, berückendes Pianissimo und leuchtkräftige Ausbrüche

"Freunde, das Leben ist lebenswert" verkündet Octavio in Lehárs Operette "Guiditta". Das stimmt, vor allem wenn man eine Sopranistin wie die Slowakin Simona Šaturová hören kann. Nicht nur, dass sie mit den filigranen, höchst diffizilen Koloraturen, einem berückenden Pianissimo und leuchtkräftigen Ausbrüchen glänzen kann, sie spielt ihre Partien nicht, sondern sie ist im "Don Giovanni" die betrogene, rachsüchtige Donna Anna, sie ist die vom Liebesblitz getroffene Violetta, die in sinnlose Schwärmerei ausbricht, sie ist die zur Ungarin mutierte Rosalinde bei ihrem Csárdás in der "Fledermaus".

Ihre natürliche Art, ihre psychologische Rollenzeichnung rühren an. Beim Vilja-Lied aus Lehárs "Lustiger Witwe" lässt sie mit ihrer Zurückname, ihrem stimmlichen Schmelz das Publikum den Atem anhalten und macht das Stück so zu einem der Höhepunkte in einem an solchen durchaus nicht armen Abend.

Kein Wunder, dass Bruns als Su Chong im "Land des Lächelns" nicht nur für sich, sondern auch dem Publikum bezüglich dieser faszinierenden Sopranistin aus dem Herzen spricht, wenn er singt "Dein ist mein ganzes Herz". Bravorufe und Trampeln im nicht ausverkauften Max-Littmann-Saal wurden mit dem Trinklied "Brindisi" aus "La traviata" belohnt.

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