Würzburg

Wie Großkonzerne das Konzertgeschäft unter sich aufgeteilt haben

Der Autor Berthold Seliger prangert an, wie die großen Veranstalter die Pop-Kultur mit fragwürdigen Methoden zur Gewinnmaximierung nutzen. Er zeigt aber auch Auswege.
Berthold Seliger, Autor des Buches „Vom Imperiengeschäft – Wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören“, in der Würzburger Posthalle. Foto: Patty Varasano

Das Konzert- und Veranstaltungsgeschäft unterliegt einem rasanten Konzentrations- und Veränderungsprozess. Berthold Seliger, selbst seit über 30 Jahren als Tour- und Konzertveranstalter im Pop-Geschäft und inzwischen in Berlin lebend, stellte in der Würzburger Posthalle sein neues Buch „Vom Imperiengeschäft“ vor. In einer fesselnden und eloquent vorgetragenen „Lecture-Show“, wie das neudeutsch heißt, präsentierte er die wichtigsten Thesen seiner gleichermaßen faktenbasierten wie historisch und kulturtheoretisch fundierten Streitschrift.

„Deutschlands eloquentester Konzertagent“, wie ihn die Berliner Zeitung bezeichnete, kennt die Zahlen und nennt die Namen der weltweit größten Musikkonzerne, die das Konzert- und Festivalgeschäft beherrschen: Unternehmen wie „Live Nation“, „CTS Eventim“ und die "Anschutz Entertainment Group“ hätten nicht nur den Konzertmarkt unter sich aufgeteilt, sondern seien durch ihre für den zahlenden Kunden undurchschaubaren Ticketing-Systeme zu mächtigen Kulturimperien geworden, die die gesamte Wertschöpfungskette im Veranstaltungsgeschäft zur Gewinnmaximierung nutzen.

Alle Kritikpunkte sind durch akribische Zahlenrecherche belegt

Anschaulich und ausführlich erläutert Seliger die immer cleverer werdenden und zumeist auf Datenkrakentum beruhenden Methoden wie symbolische Verknappung von Vorverkaufstickets, fragwürdige Vorverkaufs- und Versandgebühren, Datengewinnung mittels Festivalbändchen oder Zweitmarkt-Verwertung von bestimmten Kartenkontingenten.

Alles ist durch akribische Zahlenrecherche belegt und mit Seligers über lange Jahre angesammeltem Insiderwissen unterfüttert. Engagiert im Vortrag, aber nahezu emotionslos in der Wertung entkleidet der Autor das heutige Festival- und Konzertgeschäft all der romantischen Mythen, die wir kleinen Kunden und großen Fans mit den Live-Auftritten „unserer Lieblinge“ verbinden. Eine Bestandsaufnahme, die einen gleichermaßen wütend, wie fassungs- und ratlos zurücklässt.

Seliger macht Vorschläge, die über eine reine Verweigerungshaltung hinausgehen

Was kann man tun, um die Situation zu ändern, um die Autonomie über die Musik zurückzugewinnen und die kulturelle Vielfalt zu erhalten? Im zweiten Teil des Abends (und ausführlich im Buch) liefert Seliger Vorschläge, die über eine wenig sinnvolle reine Verweigerungshaltung hinausgehen. So fordert er beispielsweise im Sinne des Verbraucherschutzes eine stärkere Regelung des Vorverkaufsmarktes, oder eine stärkere Organisation und Vernetzung der Musiker und die Wiedergewinnung ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung.

Oder auf kommunaler Ebene administrative oder gesetzliche Maßnahmen zum Schutz von „Kulturräumen“. Womit er unmittelbar den Bezug zum Veranstaltungsort seines Vortrags herstellt, ist doch das Ende der Posthalle am jetzigen Standort besiegelt und die Zukunft andernorts völlig ungewiss und Teil der politischen Auseinandersetzungen im beginnenden Kommunalwahlkampf.

Lesetipp: Berthold Seliger, "Vom Imperiengeschäft – Wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören". Edition Tiamat, Berlin. 342 Seiten, 20 Euro.
Veranstaltungstipp: Würzburger Kultur(T)Räume – ist die Vielfalt in Gefahr? Podiumsdiskussion mit den OB-Kanditaten in der Posthalle. 4. Dezember 2019, 19 Uhr. Eintritt frei.

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