Würzburg

Wie Joe Krieg im Jazz zu seinem musikalischen Ich fand

Der Würzburger Gitarrist hat gelernt, sich von Erwartungen frei zu machen und so seine eigene Stimme gefunden. Und genau das ist es, was in der Welt des Jazz zählt.
"Ich kann ein Konzert nicht auf Sparflamme vorbereiten": Joe Krieg. Foto: Daniel Biscan

Ob das mit dem Auftritt am Freitag, 27. März, im Würzburger Bockshorn tatsächlich was wird (wegen Corona), das kann an diesem windigen Tag Mitte März noch niemand sagen. Joe Krieg probt und plant jedenfalls, als habe er Gewissheit, dass nichts mehr dazwischen kommt. "Ich kann ein Konzert nicht auf Sparflamme vorbereiten", sagt er, "das geht nur auch Hochtouren." Und wenn das Virus und die Versuche, es einzudämmen, den Termin doch noch vereiteln, dann ist das eben so. (Inzwischen wurde das Konzert abgesagt, Red.)

Der Würzburger Jazzgitarrist hat es mit seinem Quartett nicht nur endlich auf die Bühne des Kabarettkellers geschafft (was als Nicht-Kabarettist eher schwierig ist), sondern auch noch den Trompeter Joo Kraus dazu gebeten. Kraus gehört zu den gefragtesten und fantasievollsten Kräften im Post-Bebop-Mainstream-Jazz. Ein großer Name, wie man so sagt. "Inzwischen traue ich mich, große Namen zu fragen", sagt Joe Krieg. Und die großen Namen sagen zu – denn der Name Joe Krieg ist in der Branche seinerseits einiges wert.

Joe Krieg, geboren 1974 in Würzburg, wirkt nicht wie ein Hasenfuß. Sondern wie einer, der den Mut hat, über eigene Ängste zu sprechen. Zum Beispiel über den Schock, als er zu Beginn seines Studiums 1998 an der Würzburger Musikhochschule in einen Proberaum geriet, in dem gerade der junge Michael Wollny spielte.  Wollny, Jahrgang 1978, inzwischen international gefeierter Starpianist, beeindruckte Krieg so sehr, dass er gleich wieder aufhören wollte. "Ich dachte, wenn das der Standard ist... Aber dann haben sie mir gesagt, dass der außer Konkurrenz läuft, das hat mich etwas beruhigt."

"Ich bin eher schüchtern, und ich habe mir nie zugetraut, dass auch ich gut werden kann."
Joe Krieg über frühe Zweifel

Michael Wollny war dann, neben dem Gitarristen Torsten Goods, derjenige, der ihn "eingenordet" hat, erzählt Joe Krieg. "Das war am Anfang etwas schwer zu verkraften, aber so lernt man am schnellsten." Krieg, Späteinsteiger im Jazz, war immer wieder konfrontiert mit vermeintlichen Standards in Sachen Virtuosität. "Irgendwann muss man sich aber davon abgrenzen, und wenn man das dann verdaut hat, kann man sein eigenes Zeug weitermachen."

Ein BWL-Studium hatte er geschmissen, nachdem er begriffen hatte, warum er dauernd Prüfungen versemmelte: Weil er zwölf bis 13 Stunden am Tag Gitarre spielte. BWL fühlte sich also nicht wirklich nach Zukunft an. Da gab es zwar diese tiefe Leidenschaft für die Musik, aber da waren eben auch die Zweifel: "Ich bin eher schüchtern, und ich habe mir nie zugetraut, dass auch ich gut werden kann."

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Die Jahre an der Musikhochschule mit seinem Lehrer Michael Arlt, vor allem aber die Begegnungen mit so vielen anderen Musikern eröffneten ihm neue Welten. Doch die Zeit nach dem Studium wurde seine schwierigste. So hatte er mit enormem Lampenfieber zu kämpfen. Aufenthalte in New York und Wien zeigten ihm, wo die Suche nach einer musikalischen Daseinsberechtigung ansetzen musste: bei ihm selbst.

In New York begegnete er etlichen Größen des Jazz, genoss deren Kollegialität und völlige Unüberheblichkeit. In New York hatte er Unterricht bei Pat Martino. In Wien verbrachte er viel Zeit allein. "Das ist gut für einen wie mich, der über vieles lange und intensiv nachdenkt. Da habe ich mich selbst therapiert." In Wien fing er an zu komponieren. Der Jazz mit seinen komplexen Strukturen, aber auch seinen unendlichen Freiheiten ist ihm ideales Medium geworden. "Hier kann ich meine Stimme erheben auch ohne diese technische Potenz", sagt er.

"Es ist wie mit gutem Essen: Je mehr man weiß, desto mehr möchte man kennenlernen."
Joe Krieg über die Beschäftigung mit Musik

Tatsächlich lässt seine "technische Potenz" nichts zu wünschen übrig. Stilistisch hat er alles drauf, was angesagt ist, etwa die rockige Sologitarre in "Jesus Christ Superstar" am Mainfranken Theater. Oder die poppigen Riffs auf Daniel Biscans CD "Eine Frage von Raum und Zeit". All das hat er als "Sideman" gelernt, also als Auftragsgitarrist, der annahm, was angeboten wurde (außer Bierzelt), und dann eben spielte, was gefordert war.

Aber er liebt nunmal das Understatement. Seine eigenen Songs sind immer frei von Blendereien, Gimmicks, Effekten um ihrer selbst willen. Dafür sind sie voller Atmosphäre, Melodie, Wärme, Proportion und Weite. Joe Krieg ist keiner, der auf der Bühne herumzappelt. Auf den ersten Blick könnte er in sich gekehrt wirken, auf den zweiten wird deutlich, wie sehr er bei seiner Musik und seinen Mitspielern ist. 

Joe Krieg auf der Bühne mit Main-Post-Glossenautor Herbert Scheuring. Foto: Gerlinde Schlereth

Joe Krieg tut das, was er tut, möglichst richtig. Im Sinne von gekonnt, vor allem aber im Sinne von authentisch. Wenn er daheim guten Milchschaum auf dem Cappuccino haben will (neben Wein ist Kaffee die zweite nichtmusikalische Leidenschaft des Deutsch-Franzosen), dann macht er einen zweitägigen Barista-Workshop. Und wenn er sich für eine bestimmte Art von Musik interessiert, geht er ihr auf den Grund: "Es ist wie mit gutem Essen: Je mehr man weiß, desto mehr möchte man kennenlernen."

Inzwischen arbeitet Joe Krieg an seiner vierten Platte, wohl wissend, dass jede Aufnahme ihn von Neuem angreifbar macht. Von früheren Festlegungen, früheren Erwartungen, früheren Fremdbestimmungen hat er sich dennoch befreit: "So klinge ich, so klingt mein Stück. Ich find's schön, und ob euch das gefällt, ist nicht mein Problem."

Konzert Joe Krieg Quartet und Joo Kraus: Joo Kraus, Trompete, Joe Krieg, Gitarre, Uli Kleideiter, Drums, Joachim Werner, Keyboard, Simon Ort, Bass. Bockshorn Würzburg - inzwischen wurde das Konzert abgesagt

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