Wie Jürgen von der Lippe sein Talent entdeckte

„Das Rezept für den idealen Joke habe ich nicht“: Jürgen von der Lippe, am 12. Mai in Würzburg. Foto: dpa

Meist trägt er Hawaii-Hemden und spricht über die Ehe, die Beziehung zwischen Mann und Frau, das seltsame Verhalten von Menschen und, als autobiografisch dargebotene Erlebnisse, über Kinder- und Jugendzeiten: Der Entertainer Hans-Jürgen Dohrenkamp, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Jürgen von der Lippe, gastiert am Mittwoch, 12. Mai, um 20 Uhr im Congress Centrum Würzburg. Ein Gespräch über das Pflegen des Publikums und den Renteneintritt.

Frage: Ihre Tour heißt „Das Beste aus 30 Jahren“. Was war denn für Sie das Allerbeste in den letzten 30 Jahren?

Jürgen von der Lippe: Ich hab' alles gerne gemacht, weil ich a) sehr neugierig bin und mich b) sehr schnell langweile. Ich würde keine von diesen Tätigkeiten, die ich allesamt sehr liebe, ausschließlich machen wollen. Wenn ich einen Monat auf Tour bin, reicht mir das. Die Bühnensituation ist immer schön, aber die Routine geht einem nach einem Monat auf den Zeiger. Dann möchte ich etwas anderes machen.

„Irgendwann ist jedes Format ausgereizt, und dann kommt etwas anderes.“

Jürgen von der Lippe

Eins haben Sie ziemlich lange gemacht: Zwölf Jahre lang haben Sie „Geld oder Liebe“ moderiert, eine der letzten erfolgreichen Samstagabendshows.

von der Lippe: Man täte den Kollegen von RTL unrecht, wenn man das behauptete. Günter Jauch hat mit „Wer wird Millionär?“ allerdings auch gezeigt, dass der Samstag als das Hochamt der Fernsehunterhaltung tot ist, indem er an jedem Wochentag acht, neun Millionen Zuschauer hatte. Aber das ist ein völlig normaler Vorgang. Die Zeiten ändern sich, irgendwann ist jedes Format ausgereizt, und dann kommt etwas anderes. Das ist nichts, was einen traurig machen müsste.

Scheinbar haben Sie sich gut mit den Zeiten verändert: Sie sind nach wie vor im Geschäft.

von der Lippe: Das liegt daran, dass mein Beruf die Bühne ist. Ich habe alle anderen Tätigkeiten dem immer untergeordnet, weil mir klar war, dass ich das Publikum pflegen muss, wenn ich es halten will. Die Tour-Abstände müssen immer gleich sein, und man muss dem Publikum einen Grund geben zu denken: Mensch, beim nächsten Mal brauchen wir Karten weiter vorne. Man muss jedes Mal mit einem Programm kommen, das qualitativ noch eine Schippe drauflegt. Wenn man denkt: Ich mach' jetzt mal ein paar Jahre keine Tourneen, ich bin ja so viel im Fernsehen, ist das tödlich, das ist falsch.

Sie sind einer der großen deutschen Komiker. Wann ist für Sie etwas komisch?

von der Lippe: Das Rezept für den idealen Joke habe ich nicht. Man kann das hinterher immer gut beschreiben. Aber das nützt einem nichts, weil man auf den Genieblitz angewiesen ist. Natürlich kann man Dinge auch mit Routine erledigen, indem man so lange rumprokelt, bis man etwas halbwegs Komisches gefunden hat. Aber eigentlich läuft das anders. Eigentlich hat man den Einfall im Café, im Bett, auf dem Klo. Man muss immer etwas zu schreiben dabei haben, sonst ist es weg. Man läuft immer mit ausgefahrenen Antennen durch die Gegend, das ist manchmal qualvoll. Ich kann nichts mehr nur zu meinem Privatvergnügen lesen, weil ich immer darauf schiele: Wo könnte hier etwas Verwertbares sein?

Wie haben Sie Ihr Talent als Unterhalter entdeckt?

von der Lippe: Ich habe zum ersten Mal bei einer Schulaufführung auf der Bühne gestanden. Als ich dort rausging und merkte, die Leute mögen das, was du da treibst, war das ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Aber da bin ich nicht auf den Gedanken gekommen, das zu meinem Lebensinhalt zu machen. Ich komme aus kleinen Verhältnissen, mein Vater war Barkeeper. Ich durfte auch nicht Geige lernen, weil er Angst hatte, dass ich wie er im Nachtberuf lande. Hätte ich zu meinen Eltern gesagt, dass ich auf die Bühne will, hätten die mir was erzählt.

„Wir haben immer noch nicht so eine Szene, wie es sie in Amerika gibt.“

Jürgen von der Lippe

Sie haben es dann trotzdem gemacht.

von der Lippe: Irgendwann brach der Wunsch sich Bahn, aufzutreten. Ich habe beim Bund Gitarre gelernt, bin nach Berlin zum Studieren gegangen, weil ich mich bei einem Kurzurlaub in die Stadt und ihre Auftrittsmöglichkeiten verliebt hatte. Parallel habe ich dann das Studium und die Singerei betrieben, fing an, im Hörfunk aufzutreten, Sketche zu schreiben. Als ich Examen machen wollte, stellte ich fest, dass meine Fächerkombination, anders als in Nordrhein-Westfalen, wo ich herkam, in Berlin nicht lehramtsfähig war. Ich hätte also höchstens zurückgehen können. Aber ich habe mir gesagt: Wunderbar, du kannst ja vom Singen schon leben, also ist es das.

Wo sehen Sie sich heute zwischen jungen Kollegen wie Michael Mittermeier oder Mario Barth?

von der Lippe: An der Spitze der Alterspyramide. Wir sind immer noch dabei, uns von dem humoristischen Kahlschlag, den die Nazis uns durch die Verjagung der komischen jüdischen Intelligenz beschert haben, personell zu erholen. Wir haben immer noch nicht so eine Szene, wie es sie in Amerika oder England gibt. In der Comedy ist – anders als im Samstagabendfernsehen – auch für höhere Semester Platz, was man an Jopi Heesters sieht.

Sie könnten sich also vorstellen, auch die nächsten 30 Jahre auf der Bühne zu verbringen?

von der Lippe: Natürlich. Solange Körper und Geist mitmachen, müssen Sie uns von der Bühne bomben. Ich kenne niemanden, der einem Pensionsdatum entgegenfiebert.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten morgen trotz allem in Rente gehen: Mit welchem Witz würden Sie sich von Ihrem Publikum verabschieden?

von der Lippe: Wenn ich das müsste, da würde mir nicht nach Witzen sein, weil das eine ausgesprochen unerfreuliche Aussicht wäre.

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