Würzburg

Wie Mozart im digitalen Zeitalter klingen könnte

"Eine große, assoziative, sinnliche, ekstatische Erfahrung", verspricht der Videokünstler Lillevan für die "Don Giovanni Metamorphosen", eine Auftragsarbeit des Mozartfests.
Der Videokünstler Lillevan
Der Videokünstler Lillevan Foto: Martin Eberle

Wie es wird, weiß noch niemand. Außer den Künstlern natürlich, die am Freitag im Rahmen des Mozartfests im Würzburger Kino Central die "Don Giovanni Metamorphosen" präsentieren. Einer von ihnen ist der 1965 in Schweden geborene, in Irland aufgewachsene und heute in Berlin lebende Videokünstler Lillevan. Er ist für die visuelle Seite des Projekts zuständig. Eins allerdings steht fest: Eine Verfilmung der Mozartoper werden die "Don Giovanni Metamorphosen" nicht werden. 

Frage: Viele Ihrer Projekte haben mit rhythmischer Musik zu tun – wie gehen Sie da an die Musik von Mozart heran?

Lillevan: Ich mache Film und Animation seit dem 13. Lebensjahr, habe aber tatsächlich mit Live-Film im Berliner Techno-Bereich angefangen. Aber das hat mich bald unterfordert. Deshalb mache ich schon seit 20 Jahren parallel dazu Klassik, etwa Beethoven-Remixe. Ich mache auch Video für ganz normale Opern oder Theaterstücke und Ballett. Das hat alles weniger mit Rhythmus zu tun. Aber ich weiß schon, was Sie meinen, meine Biografie sieht aus, als ob ich aus dem Umfeld komme. Aber Ihre Frage war, wie ich da rangehe: Bei vielen meiner Klassikprojekte – immer in Kollaboration mit anderen, in diesem Fall mit Paolo Bragaglia, der ein Festival für experimentelle Musik in Ancona leitet – steht die Frage im Vordergrund, was würde dieser Komponist tun, wenn er heute komponieren würde? Mit den heutigen Möglichkeiten, im heutigen sozialen Umfeld. Ich denke, die würden ganz andere Musik machen als das, was wir überliefert bekommen haben.

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Wie nähern Sie sich da einer Antwort?

Lillevan: Alle meine Projekte sind erst einmal Experimente. Ich habe kein Ziel vor Augen, wenn ich anfange. Außer den Prozess, den ich da angehe. Und dann sehe ich, wo uns das hinführt. Da ist natürlich auch ein Scheitern möglich, aber dieses Risiko gehe ich gerne ein. Zum Glück kann ich berichten, dass es meistens ganz gut geht. Diesmal war der Ausgangspunkt eine Auseinandersetzung mit dem Charakter von Don Giovanni im Stück, aber auch mit der Rezeption von Mozart generell, von allen möglichen Philosophen, Dichtern, Musikern.

Wie wird das aussehen und klingen?

Lillevan: Wir sampeln das Stück und verändern es ein bisschen, und wir haben ganz viel Elektronik, die fast in Richtung Techno geht. Jedes Stück beschäftigt sich mit unterschiedlichen Facetten von Don Giovanni.

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Haben sie Sich ein Bild gemacht, wie Don Giovanni heute handeln würde, was heute seine Motivation wäre?

Lillevan: Das ist eine gute Frage, die ich leider mit Nein beantworten muss. Wir haben eher ein Psychogramm von Mozart gemacht als vom Charakter Don Giovanni. Ich habe mich auch damit beschäftigt, wie andere Leute sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben, E.T.A. Hofmann zum Beispiel, Molière, Baudelaire. Aber auch welche Spuren der Mythos Mozart in der Musik hinterlassen hat. Von der Klassik bis zum Experimentellen.

Was verstehen Sie unter dem Mythos Mozart?

Lillevan: Der Mythos sagt, Mozart war fantastisch, er konnte alles. Aber viele Leute denken, eine Auseinandersetzung steht ihnen nicht zu, weil sie aus einer anderen Gesellschaftsschicht kommen – Mozart, dieses ganze Klassik-Zeugs. Da wollten wir zeigen, wie groß die Spuren sind, die der Mythos hinterlassen hat, und wie wenige Leute dennoch mehr als nur ein paar Brocken Mozart kennen.

Lernen wir dann bei Ihnen den Menschen Mozart kennen?

Lillevan: Ja, in gewisser Weise. Aber wir sollten eher uns selber kennenlernen. Wie wir Musik hören, wie wir Musik spielen. Eben vor der Frage, was Mozart heute machen würde. Mit meinem früheren Projekt Rechenzentrum wurden wir einmal beauftragt, Beethovens fünftes Klavierkonzert aufzuführen. Der Klavierpart sollte unverändert bleiben, der Rest, also der Orchesterpart, wurde von uns mit Elektronik ersetzt. Beethoven hat sich damals sehr mit Napoleon und dem Motiv marschierender Soldaten beschäftigt. Dafür würde man heute eine Software schreiben und nicht etwa auf leeren Kisten trommeln. Mozart würde sich heute höchstwahrscheinlich auch mit den elektronischen Möglichkeiten beschäftigen, Emotionen auszudrücken. 

Sie sind für die visuelle Seite zuständig. Bei Ihrer bisherigen Arbeit könnte man den Eindruck gewinnen, Sie seien ein Synästhetiker, der Klängen Farben zuordnet.

Lillevan: Ich sehe, Sie haben recherchiert. Ich komme von der abstrakten Kunst, meine Mutter war Malerin, die vor allem abstrakt gearbeitet hat. Ich bin in Irland aufgewachsen und habe angefangen, Film zu studieren. Aber ich habe gemerkt, meine Motivation ist es nicht, in einem Film eine Geschichte zu erzählen. Sondern ich war bei bewegten Bildern viel mehr interessiert an Farblichkeit, an Textur, an Intensität, an Bewegung. Ich wehre mich immer dagegen, dass das Video die Erzählebene sein soll. Und: Ich wollte eigentlich Musik machen. Ich habe aufgehört, mein Instrument zu spielen, das Schlagzeug. Meine Musik ist zu sehen. Für die Klänge arbeite ich mit Musikern zusammen.

Was bleibt, wenn die Erzählebene wegfällt?

Lillevan: Ich beziehe mich schon sehr auf das Thema. Es sind viele Sachen zu erkennen. Ich habe mir Mozarts Tagebuch vom British Museum geholt, seine Handschrift wird zu sehen sein. Es gibt auch viele winzige Ausschnitte aus verschiedenen "Don Giovanni"-Aufführungen, die ich mir auf DVD gekauft hatte. Es ist nicht nur Bildgeflimmer, wie die Leute gerne sagen. Aber am Narrativen oder am Dekorativen bin ich viel weniger interessiert.

Was lösen Sie beim Zuschauer im Idealfall aus? Geht es da um eine Empfindungsebene jenseits kognitiver Prozesse?

Lillevan: Empfindungsebene ist gut, das muss ich mir aufschreiben. Meine Kunst ist ja eine Live-Aufführung mit fest definierten und mit improvisierten Teilen. Sie ist ein Angebot, aus tausend Schnipseln, die ich in Echtzeit zusammen mit den Musikern zu einer großen Collage füge. Für eine Stunde soll eine Welt entstehen, in der die Zuschauer sich alles heraussaugen können, was sie wollen. Im Bestfall sind das extrem viele assoziative Gedanken zu unserem Thema. Wir erzählen sehr wenig – wer etwas über die Biografie von Mozart wissen will, sollte Wikipedia lesen oder ein Buch. Das war nicht unser Auftrag. Hier geht es vielmehr um eine sinnliche Stimmung. Es ist eine große, assoziative, sinnliche, ekstatische Erfahrung.

Sehr schönes Schlusswort. Aber noch eine praktische Frage: Wie viele Leute werden auf der Bühne stehen?

Lillevan: Wir sind zu dritt vor der Leinwand im Kino: Paolo Bragaglia, elektronische Musik, Leonardo Francesconi am Klavier und ich. Es ist keine Aufführung von etwas, was vorher entstanden ist. Oder gar ein vorgefertigter Film, zu dem Musiker ein bisschen Musikbegleitung machen. Sonst könnte man ja einfach eine DVD einlegen. Es entsteht alles in Echtzeit miteinander, und wir werfen uns mit Kopfbewegungen die Clues, also die Einsätze zu. Es wird auch nie wieder identisch so aufführbar sein. Bei unseren Projekten ist es oft so, dass etwa die Hälfte des Publikums die Anspielungen auf das Thema versteht, die andere nicht. Die kommen dann und fragen nach. Das gefällt mir. Bei Don Giovanni jedenfalls werden die Zuschauer am meisten Spaß haben, die das Stück kennen oder sich die Oper vielleicht am Tag vorher nochmal auf Youtube anschauen.

Don Giovanni Metamorphosen, Mozartfest, Freitag, 21. Juni, 20 Uhr, Kino Central im Bürgerbräu, Paolo F. Bragaglia Elektronik und Leitung, Lillevan Live-Film

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