Würzburg

Wie die Romantiker Mozart zum Romantiker machten

Kein Komponist hat die Fantasie von Dichtern so beflügelt wie Mozart. Der Literaturwissenschaftler Dieter Brochmeyer rechnet beim Mozartfest mit etlichen Verzerrungen ab.
Intendantin Evelyn Meining und Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer in der Vinothek des Staatlichen Hofkellers
Intendantin Evelyn Meining und Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer in der Vinothek des Staatlichen Hofkellers Foto: Mathias Wiedemann

Kein Komponist hat die Fantasie von Dichtern und Schriftstellern so beflügelt wie Wolfgang Amadé Mozart. Keiner wurde so oft "literarisiert", wie Dieter Borchmeyer sagt. Weswegen wir – zumindest im deutschsprachigen Raum – bis heute ein hochgradig romantisch verzerrtes Bild Mozarts haben. Der Literaturwissenschaftler Borchmeyer, Jahrgang 1941, Präsident a. D. der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Professor emeritus für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Heidelberg, hat dafür zwei Hauptverantwortliche ausgemacht: E.T.A. Hoffmann (1776-1822) und  Eduard Mörike (1804-1875). 

Dieter Borchmeyer, der zuletzt "Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst" veröffentlichte, ist Gast der Mozartfest-Vortragsreihe "Allzeit..." in der Vinothek des Staatlichen Hofkellers. Thema des Abends, diesmal umrahmt vom Saxofonduo Saxannah mit Hannah Karlstetter und Annalena Neu: "Allzeit ... ein gewisses Sehnen, welches nie befriediget wird", ein Zitat aus einem Brief Mozarts an seine Frau Konstanze, in dem er, auf Reisen, die Leere beklagt, die ihn in ihrer Abwesenheit umgibt.

Mozart als "Musterfall des naiven, vorsentimentalischen Künstlers"

Allein das Stichwort "Sehnen" deutet  in Richtung Romantik, weswegen der Abend eine spannende Gratwanderung wird zwischen dem diesjährigen Motto des Festivals – "Mozart, ein Romantiker?" –und des Referenten wortgewaltiger und süffisanter Abrechnung mit vor allem Hoffmanns rücksichtsloser Um- und Missdeutung des "Don Giovanni". Borchmeyers Vortrag ist ein brillanter Rundumschlag voller Querverweise von Nietzsche, Kant, Kierkegaard bis Hanns-Josef Ortheil, dessen Roman „Die Nacht des Don Juan“ das von E.T.A. Hoffmann begründete Mozartbild ins 21. Jahrhundert getragen habe, indem er die Idee durchspiele, dass nicht da Ponte, sondern Casanova das Libretto des "Don Giovanni" geschrieben habe.

Früher Tod, vermeintliche Lebensuntüchtigkeit, sich seines Genies selbst kaum bewusst: Ausgangspunkt für all die dichterischen Bemühungen ist für Borchmeyer Mozarts optimale Eignung als "Musterfall des naiven, vorsentimentalischen Künstlers". So zumindest die Sicht der Literatur.

E.T.A. Hoffmann reduzierte den "Don Giovanni" vollkommen auf dämonische Erotik

Bei E.T.A. Hoffmann schlägt sich diese Sicht nieder in der bis heute enorm einflussreichen Künstlernovelle "Don Juan", in der ein "reisender Enthusiast" von einem einschneidenden Erlebnis mit dem "Don Giovanni" berichtet. Borchmeyer nennt die Novelle einen "Extremfall der Rezeptionsgeschichte", weil sie, ungeachtet unzähliger weiterer Aspekte des Stücks, alles auf die "Darstellung erotischer Genialität" reduziere. Don Giovanni, der auf der Suche nach der Transzendenz der Liebe der teuflischen Versuchung der Erotik erliege, werde darin rigoros dämonisiert. Dieter Borchmeyer entlarvt diese folgenreiche Verkürzung mit einem Bonmot: "Don Giovanni transzendiert eine Frau nach der anderen."

Und Mörike? Eduard Mörikes Novelle "Mozart auf der Reise nach Prag" hält Borchmeyer für "eine der sublimsten Musikdichtungen der Weltliteratur überhaupt". Authentisch im Sinne biografischer Korrektheit ist freilich auch sie nicht. Es reicht ein Beispiel, um das nachzuweisen. Mozart, ständig auf Reisen, komponierte immer in der Kutsche. Bei zugezogenen Vorhängen. "Die Aussicht interessierte ihn nicht", sagt Borchmeyer. Die sinnlich aufgeladenen Waldspaziergänge, die ihm Mörike andichtet, wären undenkbar gewesen. "Mit Natur hatte er nichts im Sinne."

Gegen all den Ballast hilft laut Borchmeyer am besten ein Blick ins Ausland

Dennoch: Dem kulturgeschichtlichen Phänomen Mozart kommt Mörike durchaus nahe, etwa, wenn er den Komponisten als Genie einer geschichtlichen Wende würdigt. Als Künstler des Ancien Régime, den zwar die französische Revolution vollkommen unberührt ließ, dessen Werk dennoch weit über diese Alte Welt hinausweist, ja, diese gleichsam zerstört. 

Verklärung, Dämonisierung, Verzerrung: Wie also werden wir dieses Mozartbild endlich los? Borchmeyer hält nicht viel von "historisch informierter" Arroganz. Moderatorin und Intendantin Evelyn Meining schlägt daraufhin das Label "historisierend" vor: "Wir waren ja alle nicht dabei." Borchmeyer verweist lieber auf das Ausland. Dort kenne man all den Ballast nicht. Jüngst saß er in der New Yorker Met in einem "Don Giovanni", und neben ihn lachten sich Besucher, "ungetrübt von jeglicher Vorkenntnis", ob der Handlung "kringelig". "Völlig zu Recht! Das ist eine Oper mit starker komischer Grundierung. Ein Dramma Giocoso im eigentlichen Sinne."

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