WÜRZBURG

Wie die Simpsons der Wissenschaft dienen

Gelb regiert die Welt: „Die Simpsons“ sind längst ein massenkulturelles Phänomen. Foto: dpa

Gelb regiert die Welt: Seit mehr als 20 Jahren begeistert die schräge US-Zeichentrickserie „Die Simpsons“ Fernsehzuschauer in zahlreichen Ländern und hat auch in Deutschland ihre treue Fangemeinde. Doch die intelligenten und oftmals sarkastischen Geschichten um den verfressenen Familienvater Homer Simpson, seinen anarchischen Sohn Bart und die anderen gelben Mitglieder der Sippe kommen nicht nur bei ganz normalen Zuschauern hervorragend an, sondern sind auch für Wissenschaftler hochinteressant – und das über alle Disziplinen hinweg.

Mit der Kultserie beschäftigen sich Soziologen und Semantiker, Physiker und Philosophen, sie ist Gegenstand von Vorlesungen, Seminaren, Doktorarbeiten und wissenschaftlichen Wälzern.

Ausgeklügelter Mikrokosmos

Der ausgeklügelte Mikrokosmos der amerikanischen Kleinstadt Springfield, in der die Simpsons ihr Unwesen treiben, bietet für jeden Forscher etwas und eignet sich wie keine andere TV-Serie für die wissenschaftliche Betrachtung. Das gilt in erster Linie für amerikanische Universitäten, doch auch an mancher deutschen Hochschule steht die gelbe Sippe mittlerweile im Vorlesungsverzeichnis.

Da „Die Simpsons“ ein massenkulturelles Phänomen sind und Springfield ein (bitterböses) Spiegelbild der amerikanischen, westlichen Lebensweise abgibt, ist die in Deutschland bei ProSieben laufende Kultserie natürlich in erster Linie für Geisteswissenschaftler interessant. So lockt ein Proseminar der Universität Passau in diesem Sommersemester mit dem Thema „Die Serie ,The Simpsons' aus politikwissenschaftlicher Perspektive“. Einer der Aspekte dabei: Wie sieht der unterbelichtete US-Bürger Homer Simpson den Rest der Welt? An der Uni Köln beschäftigten sich Studenten der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft mit dem Seminarthema „Die Simpsons – Anatomie einer Fernsehserie“, in dem es unter anderem darum ging, warum sich Frauen in Springfield so schwer mit einer beruflichen Karriere tun und Homer so versessen aufs Fernsehen ist. Dissertationen und Hausarbeiten drehen sich um die Funktion der „Intertextualität und Intermedialität“ in der Serie (Uni Passau) oder um „politische Satire im Unterricht am Beispiel der Simpsons“ (Uni Kassel). Journalistische Lehrbücher beschäftigen sich mit den medienwissenschaftlichen Aspekten der Simpsons.

Das pädagogische Sachbuch „Philosophieren mit den Simpsons“ von Christian Klager setzt sich damit auseinander, wie man Schülern den Philosophie- und Ethikunterricht mit Hilfe der Serie schmackhaft machen kann. Gerade für philosophische Fragen sind „Die Simpsons“ eine wahre Fundgrube, wie mehrere einschlägige Abhandlungen beweisen. So sinnieren in dem Essayband „Die Simpsons und die Philosophie“ amerikanische Denker unter anderem darüber, ob der Genussmensch Homer aristotelische Tugenden hat oder sich sein chaotischer Sohnemann Bart möglicherweise zum Übermenschen im Sinne Friedrich Nietzsches entwickelt.

Doch auch für Naturwissenschaftler erweist sich die Kultserie, in der Zeichentrickausgaben von Stephen Hawking und Albert Einstein schon Gastauftritte hatten, als wahre Fundgrube. So veröffentlichte die renommierte US-Zeitschrift „Nature“ eine Liste mit den „Top 10 der Wissenschaftsmomente bei den „Simpsons“. Dazu zählte die legendäre Folge, in der Bart einen Kometen entdeckt, der Kurs auf Springfield nimmt, was Barkeeper Moe mit dem Satz kommentiert: „Lasst uns das Observatorium zerstören, damit so etwas nie wieder passiert.“ Oder die Episode, in der die blitzgescheite Tochter Lisa ein Perpetuum mobile erfindet, was der liebenswerte Prolet Homer gar nicht gerne sieht. Sein trotziger Kommentar: „In diesem Haus gehorchen wir den Gesetzen der Thermodynamik!“

Das typische Gelb

In seinem Buch „Schule ist was für Versager“ zeigt US-Physiker Paul Halpern auf amüsante Weise, welche Rolle Naturwissenschaft und Technik im Alltag der gelben Sippe spielen – und beschäftigt sich mit der Frage, wie es zu Mutationen wie dem dreiäugigen Fisch Blinky kommen kann, der im Kühlwasser des Atomkraftwerks von Springfield schwimmt.

Paul Halpern und andere Professoren haben längst entdeckt, dass sich der oft staubtrockene Wissenschaftsstoff mit Hilfe der lustigen Serie besonders gut an den Mann bringen lässt – Seminare und Vorlesungen haben regen Zulauf, Bücher verkaufen sich gleich viel besser, wenn sie auf Homer und die Seinen Bezug nehmen. Kritiker bemängeln in diesem Zusammenhang zwar eine unzulässige Trivialisierung wissenschaftlicher Themen, doch die Befürworter verteidigen die Nutzbarmachung der Simpsons für die Wissenschaft als lobenswerte Popularisierung. Ob die gleich so weit gehen muss wie an der Uni Köln, muss jeder für sich entscheiden – dort wurde im Rahmen eines Seminars über Informationstechnologie sogar das typische Gelb der Simpsons analysiert.

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