WÜRZBURG

Wie ein Ensemble entsteht, Teil 2: „Es endet immer in Chansons“

Über die Verletzungen, die Paare einander zufügen: ein Duett mit Viola Daus und Tyrel Larson.
Über die Verletzungen, die Paare einander zufügen: ein Duett mit Viola Daus und Tyrel Larson. Foto: Thomas Obermeier

Drei Minuten, um maximales Chaos zu produzieren. Aber nicht einfach so. „Es muss sich aufbauen“, fordert Dominique Dumais, neue Ballettchefin am Mainfranken Theater Würzburg. „Ihr habt nur wenig Zeigt, aber es muss sich entwickeln. Und dann muss mehr passieren. Da müssen zum Beispiel mehr Jacken fliegen.“

Zweite Bühnenprobe für „Chansons“, das Stück, das am 29. September die neue Saison eröffnen wird und das gleichzeitig Premiere der komplett neuen zwölfköpfigen Tanzcompagnie ist. An diesem Vormittag Mitte September arbeitet die Truppe an einem – oft unterbrochenen – Durchlauf des ersten Akts. Szene für Szene, Chanson für Chanson, Überleitung für Überleitung tasten sich alle gemeinsam in die Dramaturgie des Stücks hinein.

Chansons sind Auslöser und Motor einer Abfolge von Begebenheiten

Auf der Homepage des Theaters heißt es über die Choreografie, die Dumais während ihrer Mannheimer Zeit geschaffen hat und jetzt für Würzburg neu einstudiert: „[Dumais] spürt ... der Atmosphäre und den Erzählungen des Chansons nach. Ausgehend von den Beziehungen zwischen Menschen entsteht ein ganzes Panorama – und: ,Ça finit toujours en chansons', wie eine französische Redensart sagt. Es endet immer in Chansons.“

Debora Di Biagi und Anna Jirmanova tanzen zu Carla Brunis „La derniere minute“ .
Debora Di Biagi und Anna Jirmanova tanzen zu Carla Brunis „La derniere minute“ . Foto: Thomas Obermeier

Vor allem aber beginnt es mit Chansons. Sie sind Auslöser und Motor einer Abfolge von zwischenmenschlichen Begebenheiten. Unter anderem Jeanne Moreau, Jeff Buckley, Carla Bruni, Léo Ferré, Grace Jones (mit „La vie en rose“ von Edith Piaf), Francis Cabrel, Nina Simone, Barbara, Leonard Cohen und natürlich Jacques Brel stehen auf der Songliste. Womit die große lyrische, musikalische und emotionale Bandbreite benannt ist, die das Stück offensichtlich prägt.

Während der Bühnenprobe wir auch das Licht immer wieder nachjustiert

Das Ensemble ist ständig anwesend auf der Bühne, Tänzerinnen und Tänzer bilden im Hintergrund eine Art Tableau irgendwo zwischen Letztem Abendmahl und Edward Hoppers „Nighthawks“. Immer wieder lösen sich Individuen, Paarungen oder Grüppchen aus der Gruppe und treten ins Licht. Dieses Licht wird bei der Bühnenprobe auch geprobt beziehungsweise immer wieder korrigiert. Dominique Dumais weiß genau, wann welcher Spot wo, wie schnell und wie hell aufleuchten muss. Probensprache ist Englisch, also ist etwa die Rede von „the Verfolger“.

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"Chansons": zweite Bühnenprobe

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Im vorderen Drittel des Zuschauerraums hat sich das Regieteam einquartiert, mit Pulten, Leselampen und Computer. Ballettmeister Marius Krisan ist da, Stellwerksbeleuchter Johannes Echternach und Inspizientin Kathrin Kreutzmann. Echternach gibt jede Korrektur und Ergänzung zum Licht per Sprechanlage an die Kollegen hinten am Beleuchtungspult, vor allem aber an Stefan Wolz, der jede Einstellung am Computer programmiert, so dass sie während der Vorstellungen per Knopfdruck abgerufen werden kann. Kathrin Kreutzmann wiederum notiert sich genau die Cues, also alle Eckpunkte, die szenische Wechsel oder Übergänge markieren. Sie wird später die Vorstellungen vom Inspizientenpult aus steuern.

Marcel nutzt die Zeit, bis er wieder dran ist, mit Liegestützen

Eine Linie ist längst erkennbar, jetzt geht es um Details. Wie zum Beispiel die Hände von Marcel Casablanca, die er weit in die Höhe reckt, als er in Stilettos zu Pauline Crozes „T'es beau“ („Du bist schön“) tanzt. Sie sollen auch noch Licht abbekommen, aber ohne dass dabei gleich der Hintergrund hell wird. Oder wie es klingen soll, wenn Clara Thierry ihm zuruft „t'es beau“ und „t'es belle“, also die männliche wie die weibliche Form von schön. „Ich weiß, Tänzer sprechen sonst nicht auf der Bühne“, sagt Dominique Dumais. Als das geklärt ist, treten andere in den Vordergrund, und Marcel nutzt die Zeit, bis er wieder dran ist, mit Liegestützen im Halbschatten.

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Neue Ballettcompagnie

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Oft bremst Dominique Dumais in den Übergangsphasen zwischen den Chansons, wenn neue Konstellationen aus der Stille oder aus der Musik erwachsen. Sie ermutigt die Tänzer, natürliche Abläufe zu entwickeln, bevor ein neues Chanson wieder den Rhythmus vorgibt. „Les cornichons“ von Nino Ferrer etwa, eine witzige Nummer, die von einem missglückten Picknick (inklusive Gürkchen) erzählt. Getanzt wird sie, passend zur hemdsärmeligen Musik, als turbulentes und ein wenig grobmotorisches Männerquartett. Gefeilt werden muss hier noch ein-, zweimal an „the second Bretzel“, so der interne Arbeitsbegriff, also eine Stelle, an der alle vier Tänzer sich an den Händen haltend kunstvoll ineinander verschlingen.

Ein durch und durch vitales Lied von Carla Bruni über den Tod

Sichtlich Spaß haben Debora Di Biagi und Anna Jirmanova an ihrem Duett zu Carla Brunis „La derniere minute“ („Die letzte Minute“), das die schnell und präzise gesungenen Textzeilen in ebenso schnelle und präzise, verspielte und verblüffend ineinandergreifende Bewegungen umsetzt. Es ist ein durch und durch vitales Lied über den Tod, der unweigerlich kommen wird. Und den letzten Moment, in dem die Sängerin noch eine letzte Minute fordert – für eine letzte Zigarette, eine letzte Geste, ein letztes Schaudern.

Vor „La chanson des vieux amants“ („Das Lied von den alten Liebenden“) von Jacques Brel fliegen rechts am Bühnenrand die Stühle. Auch das muss sitzen: Die Stühle brauchen Licht, ebenso wie Tyrel Larson, der in sie hineinfährt wie eine Sturmböe, um dann vor seinem Duett mit Viola Daus zusammenzubrechen. Wie in dem Lied, das von einer Liebe handelt, die alle Verletzungen übersteht, die Paare sich im Laufe der Jahrzehnte zufügen, geht es oft ums Fallen und ums wieder Aufstehen. Und um die Hoffnung (und die Weigerung, sie aufzugeben), ein Gefühl und eine Haltung, die kaum jemand so anrührend dargestellt hat wie Jacques Brel.

Die Tänzer fallen, stehen auf, halten, stützen, tragen und trösten einander

„Voir un ami pleurer“ („Einen Freund weinen sehen“) ist ein solches Lied – Marcel Casablanca und Dávid Kristóf tanzen das Duett dazu – fallen, stehen auf, halten, stützen, tragen und trösten einander, bevor die Compagnie zu Leonard Cohens „Dance me to the end of love“ nach und nach die Bühne verlässt.

„Gut, das war jetzt eine sehr große Portion“, sagt Dominique Dumais, immer noch in der Probenkonzentration aber offenbar recht zufrieden, „aber jetzt haben wir eine erste Version des ersten Akts.“ 45 Minuten Pause, dann geht es weiter mit Akt zwei. Szene für Szene, Chanson für Chanson, Überleitung für Überleitung.

"Chansons": Ballett von Dominique Dumais, Mainfranken Theater Würzburg, Premiere am Samstag, 29. September, 19.30 Uhr. Karten: Tel. (0931) 3908-124 oder karten@mainfrankentheater.de

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