Meiningen

Wie ein Grand Hotel-Märchen in Meiningen  Operettenfans entzückt

Das Meininger Staatstheater inszeniert Paul Abrahams Operette „Märchen im Grand Hotel“. Hanebüchene Geschichte? Ja, aber ein Vergnügen dank der Musik und der Inszenierung.
Carolina Krogius (Mezzo) Märchen im Grand Hotel Theater meiningen Foto: Marie Liebig

In manchen von uns rumoren Operettenwichtel, doch halten wir sie meist verschämt versteckt, weil ihr Ruf - zurecht - gelitten hat. Aus aktuellem Anlass stellt sich nun die Frage: Lassen wir unsere Wichtel operettenselig und frei herumtollen? Oder rümpfen wir angesichts von Kitsch und Verlogenheit die Nase, wenn im Staatstheater Meiningen Paul Abrahams wiederentdecktes Werk  „Märchen im Grand Hotel“ aus dem Jahr 1934 aufgeführt wird?

Die Skepsis währt nicht lange. Zwar sehen wir in der Inszenierung von Roland Hüve (von dem auch die erweiterte Librettofassung stammt) ein hanebüchenes Märchen aus einem Grand Hotel in Cannes vor fantastisch-realistischer Kulisse von Christian Rinke. Aber bereits im ursprünglichen Libretto von Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda sind die Figuren nicht ernst zu nehmen. Es sind Karikaturen feudaler Geschöpfe, die sich verarmt aber voller Dünkel im Luxushotel niedergelassen haben und auf Pump leben. Und dass sich gerade Zimmerkellner Albert (der natürlich nicht der ist, der er zu sein vorgibt) unsterblich in die hochnäsige Infantin Isabella von Spananien verliebt . . . 

Charaktere mit allzu menschlichen Macken

Als Zuschauer kann man gut mit den allzu menschlichen Macken und mit Haarsträubendem leben. Denn Abrahams Musik präsentiert sich - im Vergleich zur Walzerseligkeit der Wiener Operette - ausgesprochen frisch und weltläufig: eine bunte Mischung aus English Waltz, Foxtrott, ja sogar Tango, aus folkloristischen Elementen und jazzigen Tönen, Blues und Swing, samt flotten Stepptanzeinlagen. Der Komponist war als ungarischer Jude für die Nazis nicht nur Unperson, sondern galt als Erneuerer der europäischen Operettenmusik als Vertreter einer verhassten Kunst der Offenheit.

Den Witz des Librettos und die musikalische Vielfalt wissen Roland Hüve und sein Team zu nutzen. Die Meininger Hofkapelle mit ihrem jungen Ersten Kapellmeister Harish Shankar agiert hingebungsvoll aus dem Untergrund, während sich oben Schritt für Schritt Spannung aufbaut. Dank der gewitzten Choreografie von Marie-Christin Zeisset, dank der elegant-bunten Kostümierung von Siegfried E. Mayer und kurzen Videoporträts der illustren Figuren.

Und dann gibt es den genialen Einfall, einen nahezu logischen Bogen aus dem Operettenmilieu der 1930er in die Hollywood-Gegenwart zu schlagen: In eine Zeit also, in der die „Scripted Reality“-Produktionen der Studios boomen und die Idee einer maroden Filmgesellschaft, das „wirklich wahre Leben“ abzufilmen, nicht von ungefähr kommt. So macht sich das pfiffige Produzententöchterchen Marylou mit einer Crew auf nach Cannes, um aus allen verborgenen Winkeln heraus das feudale Treiben live aufzunehmen. Das Ziel ist bereits im Ursprungslibretto formuliert: „Das Wichtigste, wofür man brennt: das happy, happy, happy End!“ Und wenn's hakt? Lässt man die erste Staffel mit einem Cliffhänger enden.

Ein Ensemble, dass die genialen Einfälle lebendig umsetzt

Was aber wären all die Einfälle ohne lustvoll aufeinander eingestimmtes Ensemble? Allein wie Nathalie Parsa als Marylou tanzt und singt und steppt ist eine Show. Und Carolina Krogius beherrscht als Isabella - gesanglich und mimisch umwerfend - ein breites Repertoire kunstvoll in Ohnmacht zu fallen. Jonas Böhm macht inbrünstig augenzwinkernd Alberts Liebesleid hörbar. Cordula Rochler verliert als Gräfin herrlich die Contenance. Und Matthias Herold glaubt man prompt, dass er als Großfürst einst 6000 Petersburger Kosaken befehligte. 

Eins jedenfalls ist gewiss: Wenn schon Operette, dann bitte eine, in der wir unsere Operettenwichtel so frei herumtollen lassen können wie im Grand Hotel zu Cannes. 

Nächste Vorstellungen: 8. und 12. Februar um 19.30 Uhr, 23. Februar um 15 Uhr. Karten: 03693-451 222. www.meininger-staatstheater.de

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