WÜRZBURG

Windsbacher holten Luther in die Jetztzeit

Das feiste Gesicht Martin Luthers, der kleinäugig vom Werbeflyer des Windsbacher Knabenchors blinzelte, konnte Interessierte durchaus in die Irre führen: Unter dem etwas trockenen Titel „Musik der Reformation in Franken“ gab der renommierte Knabenchor in der halb gefüllten Johanniskirche ein gar nicht altbackenes, vielmehr atmosphärisch-zauberisches Konzert, das die Sinnlichkeit fränkischer Vokalmusik um 1600 – genauer gesagt: verschiedener Luthervertonungen – hör- und spürbar machte. In der Musikszene scheint es damals regelrecht gebrodelt zu haben: Die harmonische und rhythmische Vielfalt der ausgewählten Motetten und Choräle, etwa von Erasmus Kindermann, Johann Staden, Caspar Othmayr, Johann Pachelbel und Melchior Franck, berauschte ebenso wie ihr emotionaler Reichtum.

Raumeffekte

Im Handumdrehen schaffte es der unter Martin Lehmann kristallklar intonierende, rund 45-köpfige Knabenchor, diese fast 500 Jahre alte Musik ins Hier und Jetzt zu katapultieren.

Weitere musikalische Wunderwaffen hatte man mit dem superben Solistenquartett – Isabel Jantschek (Sopran), Yosemeh Adjei (Altus), Tobias Mäthger (Tenor), Felix Schwandtke (Bass) und dem Barockensemble „Wunderkammer“ aufgefahren (Andreas Pfaff, Tristan Braun: Violine, Sarah Perl: Gambe, Ercole Nisini: Posaune, Stefan Maas: Theorbe, Sebastian Knebel: Orgelpositiv). Das Ensemble machte seinem Namen alle Ehre.

Häufige Besetzungswechsel – oft von einer Strophe zur nächsten – und geschmeidige Übergänge zwischen den Stücken sorgten für einen homogenen wie abwechslungsreichen Fluss der Musik. Da auch die Solisten häufig ihren Platz wechselten, konnten überraschende Raumwirkungen entstehen – etwa die Echoeffekte in Stadens „Wenn mein Stündlein vorhanden ist“, wo vier Knaben ihrem Chor durch die ganze Kirche antworteten. Auch das Publikum band Chorleiter Lehmann als singenden Klangkörper ins Konzert mit ein.

Ebenmäßig fließend sang der Chor „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ in Sätzen von Haßler, Franck und Lechner, luftig tänzelte Kindermanns „Du sollst lieben Gott, deinen Herren“ dahin, innig und zärtlich gelang dessen Abendmahlshymnus „O salutaris hostia“ sowie Jakob Meilands „Beati omnies, qui timent Dominum“.

Die kurzen Instrumentalnummern gerieten den sechs „Wunderkammer“-Musikern, die den Chor sonst mit nobler Zurückhaltung begleiteten, zu kleinen Feuerwerken – kurvig, sinnlich und dynamisch, fein ausgehört und mit aus der Tiefe heraufleuchtenden Klangfarben.

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