Wo die Deutschlehrer aufhören

Wolf Schneider
Wolf Schneider Foto: dpa

„Levitenleser der Nation“, „Sprachpapst“, „Deutschlands Deutschlehrer“ – Spitznamen hat Wolf Schneider, Journalist, Sprachkritiker und langjährige Leiter der Hamburger Journalistenschule, der am 7. Mai 85 Jahre alt wird, viele bekommen. Im Interview spricht er über zunehmende Geschwätzigkeit im Internet, das Ringen um gute Texte und eine Verarmung des Deutschen.

Frage: Henri Nannen, mit dem Sie fünf Jahre beim „Stern“ zusammengearbeitet haben, hat über Sie gesagt: „Er ist ein Arschloch, aber er ist der Einzige, der's kann.“

Wolf Schneider: Was die Journalistenschule angeht.

Nur darauf bezogen?

Schneider: Ja. Ich habe ja 1971 den „Stern“ verlassen, und 1978 stand die Frage an: Wer soll die Schule führen, die wir auf dem Papier schon gegründet haben? Da sagte Nannen im Vorstand diesen Satz über mich, und mit dem kann ich sehr gut leben. Das war überhaupt die Art, wie wir miteinander umgingen: sehr dreist und sehr respektvoll. Wir haben uns im „Stern“ halt immer gehakelt. Er war ein gewaltiger Rhetor. Ich habe ihm heftiger und böser, als er es gewohnt war, widersprochen. Eigentlich machte das auch ihm Spaß. Ich wurde in der Redaktion populär, weil man so viel Widerspruch gegen den Urvater Nannen nicht gewöhnt war.

Sie gelten als der „Levitenleser der Nation“, als „Sprachpapst“, „Deutschlands bester Deutschlehrer“. Sind Sie stolz auf diese Titel?

Schneider: Ja, insofern, als sich in ihnen ein gewisser Respekt für meine Rolle äußert, die Wortwahl ist nicht besonders angenehm. Mit Päpsten habe ich überhaupt nichts am Hut, und „Deutschlehrer“ ist auch nicht ganz richtig. Der Deutschlehrer lehrt korrekte Grammatik. Mein Hauptthema ist, Berufsschreibern, nämlich Journalistenschülern und Öffentlichkeitsarbeitern, klarzumachen, was für grauenvolle, unlesbare, langweilige, abstoßende, unverständliche Sätze man mit völlig korrekter Grammatik produzieren kann. Ich fange dort an, wo die Deutschlehrer aufhören und wo übrigens auch Bastian Sick aufgehört hat.

Sie sollen sehr streng mit Ihren Schülern sein. Sind Sie auch streng mit sich?

Schneider: Ja, insofern, als ich den von mir mal in der Journalistenschule in Umlauf gesetzten Spruch „Qualität kommt von Qual“ auch auf mich selber anwende. Ich plage mich mit allem, was ich tue. Ich habe mir vor Jahrzehnten abgewöhnt, etwas gut zu finden, bloß weil es von mir ist und schon da steht. Nein, ich schreibe sehr schnell, und dann arbeite ich eisenhart. Meine Frau ist meine erste Gegenleserin. Wenn sie über ein Stück sagt, das soll ich nicht abschicken, das ist nicht gut genug von dir, dann bin ich drei Stunden schlechter Laune, und dann schreibe ich es neu.

Sie haben 26 Bücher veröffentlicht. Darunter, neben den Stil-Bibeln, für die Sie bekannt sind, auch Sachbücher über den Kölner Dom, die Alpen, Gewinner und Verlierer und das Glück. Was treibt Sie, so viel zu schreiben, über so unterschiedliche Themen?

Schneider: Man sollte Mozart nicht fragen, warum er komponiert hat. Ich bin kein Mozart, aber ich bin ein Schreiber von Geblüt. Es ist etwas, das sich nicht rational begründen lässt. Ich habe ja einige Anerkennung und Erfolge damit. Es ist mein Lebenselixier.

Sie sagen, dass nur ein paar sprachliche Grundsätze zu berücksichtigen sind, um so zu schreiben, dass man gelesen wird . . .

Schneider: Nein, das ist nicht ganz richtig. Für die Verständlichkeit eines Textes gibt es ein paar eiserne Grundregeln, die kann man an den Fingern einer Hand abzählen. Aber die Verständlichkeit ist nicht alles. Die kulminiert ja vernünftigerweise in der Gebrauchsanleitung für einen Feuerlöscher, und die liest sich, wenn es nicht brennt, nicht interessant genug. Man muss also über die Verständlichkeit, die immer dazugehört, wenn man viele Leser haben möchte, hinaus attraktiv sein. Man muss die treffendsten Wörter wählen, die hübschesten Beispiele und Vergleiche, den schönsten Anfang – alle möglichen Elemente, die sich nicht messen lassen, über die sich aber die Stil-Lehrer alle einig sind. Ich habe alle Stil-Lehren gelesen, die in englischer und deutscher Sprache je erschienen sind, dies kombiniert mit meiner sehr ausführlichen Berufserfahrung und dem grandiosen Lehrer Henri Nannen ermutigt mich, auch über das schwerer messbare Element des attraktiven Deutsch ein paar Faustregeln aufzustellen.

Ihre Lektoren/innen dürften zu den glücklichsten der Branche gehören, wenn man davon ausgeht, dass Sie all das, was Sie in Ihren sprachkritischen Büchern propagieren, auch in den eigenen anwenden. Werden Ihre Manuskripte so gedruckt, wie Sie sie abgeben, oder trauen sich Ihre Lektoren doch auch zu kritisieren und zu korrigieren?

Schneider: Natürlich trauen sie sich. Aber ich habe erfreulicherweise das überwiegende Echo, dass meine Bücher ihnen weniger Arbeit machen als die anderer Autoren, weil ich eben sehr diszipliniert schreibe und sehr hart gearbeitet habe, ehe ich abliefere. Einwände oder vernünftige Ergänzungsratschläge haben Lektoren immer. Bei einem Drittel dieser Einwände fühle ich mich vielleicht ertappt und denke: Mensch, das hätte dir auch einfallen können. Bei einem weiteren Drittel denke ich: Mir ist es wurscht, aber wenn es der Lektor will, dann mache ich es eben. Und bei einem Drittel sage ich: Nee, das mache ich nicht, und dann sind sie auch zufrieden.

Von 1979 bis 1995 waren Sie Leiter der Hamburger Journalistenschule. Haben Sie Veränderungen im Sprach- und Schreibstil Ihrer Schüler beobachtet?

Schneider: Ja, und nicht nur dann. Ich bin ja weiter an Journalistenschulen tätig. Ich kann also seit 31 Jahren überblicken, was mit der deutschen Sprache geschieht. Eindeutig ist: Die Kenntnis der Grammatik lässt nach, zum Beispiel die Benutzung korrekter Konjunktive, die korrekte Zeichensetzung lässt nach, und die neue Rechtschreibung produziert genauso viele Fehler wie die alte. Außerdem gibt es eine gewisse Verarmung des Deutschen, indem nämlich auch Journalisten Unterscheidungen nicht mehr vornehmen. So liest man häufig schon in der Zeitung das Wort „wähnen“ als Synonym für „glauben“. Ich finde das schrecklich. „Wähnen“ heißt ja „fälschlich glauben“, „sich einer Wahnvorstellung hingeben“. Die Passagiere der Titanic wähnten sich in Sicherheit – was für ein schönes, kraftvolles Wort. Stattdessen liest man es einfach als Austauschwort für „glauben“.

Beeinflussen Computer und Internet unsere Sprache?

Schneider: Sehr lebhaft. Einerseits schon im Schreiben, weil eine große Sorglosigkeit um sich gegriffen hat. Der typische Mail-Absender produziert ja dreimal so viel wie früher. Es ist auch gar nicht üblich, dass er eine Kontrolllektüre vornimmt. Häufig wird die Großschreibung unterlassen, Grammatik ist auch nicht so wichtig. Die Texte der Mails sind also drastisch lockerer, weniger korrekt und geschwätziger. Das Ganze bei den Blogs erst recht. Natürlich gibt es hochinteressante und sehr wichtige. Aber das meiste, was bei einem Zufallsgriff in den Computer herauskommt, ist ein merkwürdiges, vollkommen hemmungsloses und entbehrliches Wortprodukt.

Sie unterrichten immer noch in fünf Journalistenschulen, halten Seminare. Langweilt es Sie nach über 30 Jahren als Sprachlehrer nicht, immer wieder dieselben Dinge zu erzählen?

Schneider: Nein, im Gegenteil, es ist richtig spannend. Schon von daher, weil ich auf immer neues Material stoße. Vor jedem Seminar lasse ich mir von sämtlichen Teilnehmern jeweils ein Dutzend Texte schicken. Und diese ein-, zweihundert Seiten habe ich vorher durchgearbeitet und beginne sie nun zu ertappen, sie festzunageln und ihnen alles unter die Nase zu reiben, was sie an Sünden gegen die Verständlichkeit oder die Attraktivität begangen haben.

Wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken: Auf was sind Sie besonders stolz?

Schneider: Hm. Ich habe vier Kinder großgezogen. Die sind ganz wohl geraten. Stolz bin ich auf meine 26 Bücher – vor allem auf diese drei: „Wörter machen Leute – Macht und Magie der Sprache“, schon 17 Mal neu aufgelegt und seit 34 Jahren im Handel. Meine Weltgeschichte des Ruhms: „Die Sieger“. Und meinen Roman der Menschheit: „Der Mensch – eine Karriere“, der „Neuen Zürcher Zeitung“ zufolge „ein grandioses, mit gewaltigem Wissen geschriebenes historisches Panorama“. Ich habe 330 Journalistenschüler hauptberuflich, mehr als 1000 insgesamt ausgebildet. Ich habe auf 27 Viertausendern der Alpen gestanden, was mir nicht in die Wiege gelegt war. Ich bin kein großer Sportler. Tja, mein Gott, stolz ist nicht das Wort, das mir einfällt. Sondern ich habe den Eindruck: Alles in allem hat mich der liebe Gott auf der Sonnenseite des Lebens angesiedelt, und ich habe immer was draus gemacht.

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