Würzburg

Woher – Wohin? Geschichten übers Ankommen und Weggehen

Das Thema ist aktuell, das Phänomen uralt: Migration. Die dritte Wanderausstellung des Bezirks Unterfranken, die im Museum für Franken ihre erste Station hat, ist bewegend.
"Woher / Wohin" heißt die Wanderausstellung der Unterfränkischen Kulturstiftung des Bezirks Unterfranken in Zusammenarbeit mit dem Museum für Franken. 18 Thementafeln und mehrere Exponate erzählen vom Ankommen und Weggehen. Foto: Johannes Kiefer

Die Ausstellung sei ein wichtiger Beitrag zur Versachlichung einer angespannten Stimmungslage, meint Erwin Dotzel. Der unterfränkische Bezirkstagspräsident meint die Präsentation "Woher / Wohin. Eine Ausstellung vom Ankommen und Weggehen". Sie zeige, dass Migration etwas völlig Normales ist, schreibt er in der Begleitbroschüre. Ausstellungskuratorin Daniela Kühnel weist darauf hin, dass zu allen Zeiten Menschen aus unterschiedlichen Gründen ihre Heimat verlassen haben: "Auf der Suche nach Arbeit, Freiheit oder Sicherheit, aus wirtschaftlicher Not, aus Liebe oder Neugier, im Dienste des Glaubens, des Handels oder der Wissenschaft."

Beispielhafte Episoden ausgewählt

Die 18 Thementafeln der Wanderausstellung des Bezirks, die auf ihrer ersten Station im Museum für Franken zu sehen ist, ist nicht nur versachlichend, interessant und informativ. Sie  stellt vor allem Menschen in den Mittelpunkt. Und die Geschichte der Menschheit war schon immer eine "bewegende".  Wanderungen in neue Regionen gab es schon vor  vielen Tausend Jahren. Kulturhistorikerin Kühnel geht in der Ausstellung jedoch nicht so weit zurück. Sie hat beispielhafte Episoden ausgewählt, die vom Mittelalter bis zur Gegenwart reichen, und dafür mehrere Autorinnen und Autoren gefunden.

So erzählt der Altbürgermeister von Marktheidenfeld (Lkr. Main-Spessart), Leonhard Scherg, von Franz Daniel Pastorius, der am 26. September 1651 in Sommerhausen (Lkr. Würzburg) geboren wurde. Er siedelte im August 1683 nach Pennsylvania in Neuengland und gründete dort die erste deutsche Siedlung: Germantown. Mit ihm habe die deutsche Auswanderung nach Amerika eingesetzt, so Scherg.

Die Wanderausstellung des Bezirks Unterfranken "Woher / Wohin" bestehen aus insgesamt 18 Thementafeln, einigen Exponaten und Mitmach-Möglichkeiten. Erste Station der von Daniela Kühnel kuratieren Schau ist das Museum für Franken in Würzburg. Foto: Johannes Kiefer

Walter Kömpel, Ortschronist in Oberbacher (Lkr. Bad Kissingen), erinnert in seinem Beitrag an die Kannenbäcker in der Rhön. Sie kamen aus dem Westerwald und wurden im 18. Jahrhundert wegen ihres handwerklichen Könnens angeworben. Ihre salzglasierten Kannen waren in Brückenau und Kissingen heiß begehrt, als dort die Mineralwasserquellen entdeckt wurden. Sie ließen sich in Römershag und Oberbach nieder.

Migration nach Schweinfurt wegen Konfession

Glaubenskonflikte waren ebenso ein Auslöser wegzugehen – aber unfreiwillig. So wurde in der Gegenreformation die Reichsstadt Schweinfurt zum bevorzugten Zufluchtsort für Protestanten, schreibt Uwe Müller, Leiter des Schweinfurter Stadtarchivs. Sie kamen unter anderem aus den benachbarten Hochstiften Würzburg, wo Fürstbischof Julius Echter unerbittlich die Gegenreformation vorantrieb. Die Bevölkerung Schweinfurts stieg laut Müller zwischen 1585 und 1610 durch Exulanten um knapp 43 Prozent an.

Beispielhaft fürs Weggehen: Mit diesem Rucksack flüchtete Hella Strauß von Aschaffenburg nach New York. 1945 heiratete sie Leopold Feingold. Sie wohnt noch immer dort. Foto: Johannes Kiefer

Die Ausstellung erinnert auch an die erzwungene Flucht von Hella Strauß. Sie war eine der letzten jüdischen Bürgerinnen, die Aschaffenburg verlassen konnte. Anja Lippert, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei den Museen der Stadt Aschaffenburg, zeichnet den Lebensweg der 1924 in Würzburg geborenen Frau nach. Nicht nur ihr, auch ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester gelang die Flucht vor dem NS-Regime in die USA.

Arntrud Ahles stammt aus dem Sudetenland. Sie musste nach dem Zweiten Weltkrieg Haus und Hof hinter sich lassen. Bei ihrer Ankunft im Grenzdurchgangslager Furth im Wald war sie drei Jahre alt. Ein unbekannter Fotograf hielt die Ankunft fest. Das Foto wurde berühmt. Arntrud Ahles, geborene Flaschka, lebt heute in Sulzheim im Landkreis Schweinfurt.

Ankunft von Vertriebenen aus dem Sudentland im Juli 1946 im Grenzdurchgangslager Furth im Wald. Das kleine Mädchen am linken Bildrand ist die dreijährige Arntrud Flaschka. Foto: Repro: Ahles

Gastarbeiter und deren Leben in zwei Kulturen werden in der spannenden Ausstellung ebenfalls beleuchtet. Und ganz aktuell das der vor kurzem in Unterfranken angekommenen Menschen. Kerstin Brückner von der Koordinationsstelle Neubürger der Gemeindeallianz Hofheimer Land (GAHL) beschreibt die Geflüchteten als "Akteure des Wandels". Derzeit wohnen laut Brückner etwa 100 Menschen mit Fluchthintergrund im Gebiet der Gemeindeallianz. "Unser Lebensalltag würde durch Vielfältigkeit bereichert", wenn die Neuankömmlinge Fuß fassen würden, sagt sie.

Die Ausstellung "Woher / Wohin" zeigt auch Tiere oder Häuser auf Reisen. Und Erich Schneider, Direktor des Museums für Franken, zeigt an einem Beispiel, dass Kunst wandern kann.

Die Wanderausstellung "Woher / Wohin" ist im Museum für Franken bis 22. März 2020 zu sehen: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 16 Uhr. Informationen, auch zum Begleitprogramm, im Internet unter www.museum-franken.de oder www.bezirk-unterfranken.de

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