Würzburg

Wolfgang Gurlitt: Der Zauberprinz zu Gast in Würzburg

Das Museum im Kulturspeicher Würzburg präsentiert den schillernden Kunsthändler Wolfgang Gurlitt. Eine Schau über Leidenschaft, Schlitzohrigkeit und Nazi-Verstrickungen.
Die österreichische Kunsthistorikerin Elisabeth Nowak-Thaller, Vizedirektorin des Lentos Kunstmuseums in Linz, neben dem Porträt von Wolfgang Gurlitt, gemalt von Lovis Corinth 1917. Es ist das Titelbild der Ausstellung im Würzburger Museum im Kulturspeicher, eine Kooperation mit Linz.
Foto: Patty Varasano

Eine besondere Ausstellung sei es  "für uns", sagt Henrike Holsing. Die stellvertretende Direktorin des Museums im Kulturspeicher Würzburg verweist auf den "klingenden Namen" von Wolfgang Gurlitt (1888-1965). Gurlitt? Da klingelt es auch in den Ohren.

Wolfgang Gurlitt war Kunsthändler wie sein Cousin Hildebrand, dessen Sammlung als "Münchener Kunstfund" ab November 2013 weltweit Aufmerksamkeit erregte. Aber "unser Gurlitt" sei ziemlich im Dunkeln geblieben, so Holsing. Zunächst.

Beide Gurlitts haben jüdische Wurzeln. Sie haben Galerien geleitet und mit den Nazis Geschäfte gemacht. Sie profitierten in der NS-Zeit vom Handel mit Werken aus jüdischem Sammlungen, die ihre Besitzer zurücklassen oder zwangsweise und weit unter Wert verkaufen mussten. Wolfgang Gurlitt wollte zudem wie Hildebrand Ankäufe für das "Führermuseum" in Linz tätigen. Sein Cousin war diesbezüglich jedoch erfolgreicher, so Holsing.

Wolfgang Gurlitt im Arbeitszimmer seiner Galerie in der Potsdamer Straße, Berlin, um 1925. Foto: Privatarchiv, Lentos Kunstmuseum Linz

Wolfgang Gurlitt erscheint durch die jüngsten Forschungen schillernder als sein Cousin. Glamouröser. Eine imposante Erscheinung. Manchmal war er ein Hasardeur, der alles riskierte und oft genug auf zu großem Fuß lebte. Dann wieder ein sehr genau kalkulierender, Netzwerke knüpfender Händler, der durch geschicktes Agieren seinen Besitz rettete. Er zog die Fäden, war ein Schlitzohr, wenn er kaufen und verkaufen wollte, gab nicht auf, wenn er Verluste hinnehmen musste. Er war ein Mensch voller Leidenschaft - für die Kunst, für seine Frauen, seine Familie - und ein eitler Prinz, aber nicht immer zauberhaft.

Diese Sonderausstellung bietet nicht nur viele Gemälde und Grafiken, Mappen und Kunstlerbücher, nicht nur Kunstgenuss und Kunstentdeckungen. Sie stellt auch den Mann, der mit diesen Werken verbunden ist, in den Mittelpunkt. Sein Leben, seine Licht- und Schattenseiten als Kunsthändler, Kunstförderer, Verleger, Galerieleiter -und Freund von Heiner Dikreiter, dem umstrittenen Gründungsdirektor der Städtischen Galerie. Diese Schau ist somit nicht nur "besonders", wie Holsing sagt. Sie ist auch spannend. Die Wandtexte und der opulente Katalog geben viele Informationen und Hintergründe.

Die Bezeichnung "Zauberprinz", die als Ausstellungstitel erkoren wurde, verweist nicht nur auf seine Persönlichkeit. Sie schafft auch direkt eine Verbindung zu Würzburg. Der österreichische Künstler Oskar Kokoschka (1886-1980), ein Freund Gurlitts, stellte ihn 1923 in einer Lithografie als Zauberprinz dar. Sie zeigt ihn in einem orientalischen Faschingskostüm mit Turban auf dem Kopf. "Ich war als Kind ein Zauberprinz. Nie werde ich sterben können", schrieb Kokoschka als Widmung dazu.

Lithografie "Wolfgang Gurlitt als Zauberprinz", 1923, von Oskar Kokoschka - eine Schenkung von Wolfgang Gurlitt aus dem Jahr 1957. Foto: Patty Varasano

Diese Lithographie gehört zu einem Konvolut von neun Grafiken, die der Kunsthändler einst Heiner Dikreiter, dem Gründungsdirektor der Städtischen Sammlung in Würzburg, schenkte. Als im November 2013 die Entdeckung des "Münchner Kunstfunds" für Schlagzeilen sorgte, tauchten sie aus der Versenkung auf.

Damals recherchierte auch diese Redaktion intensiv zu Hildebrand Gurlitt - und stieß dabei auf Wolfgang Gurlitt. Im Zeitungsarchiv befindet sich ein Faltblatt zu einer Ausstellung sowie ein Zeitungsartikel vom 2. Juli 1957 zu einer Ausstellung in der Würzburger Otto-Richter-Halle zu Ehren Wolfgang Gurlitts. Darin ist von einer "großartigen Schenkung" die Rede. Gurlitt hat der Städtischen Galerie neun Grafiken überreicht, auf denen meist er dargestellt ist. Sie stammen von Lovis Corinth, Alfred Kubin, Edvard Munch, Max Pechstein, René Sintenis - und Kokoschka. Eine Nachfrage damals im Museum im Kulturspeicher, wo die Städtische Sammlung heute beheimatet ist, und eine kurze Suche im dortigen Depot brachten schnell Gewissheit: die Grafiken sind alle noch vorhanden. Sie wurden kurz darauf präsentiert - und nun, über sechs Jahre, erneut. Doch nicht nur.

Die Ausstellung ist in Kooperation mit dem Lentos Kunstmuseum in Linz entstanden. Dort war sie zuerst zu sehen und nun in abgespeckter Form in Würzburg; darunter das von Lovis Corinth gemalte Porträt von Gurlitt. Die Kuratorin der Linzer Schau, Elisabeth Nowak-Thaller, hat intensiv über den Kunsthändler geforscht. Er war Gründer der Neuen Galerie, aus der später das Lentos hervorging, und ehrenamtlicher Direktor. Er hinterließ ein glanzvolles wie problematisches Erbe. Seine Sammlung enthielt NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter. Seit über zwanzig Jahren wird die Herkunft der Werke im Lentos erforscht, erzählt Elisabeth Nowak-Thaller beim Ausstellungsrundgang in Würzburg. Zwölf Werke seien bislang restituiert, das heißt, an die Erben zurückgegeben worden.

Henrike Holsing, stellvertretende Direktorin des Museums im Kulturspeicher, neben zwei Werken, die in der NS-Zeit von Wolfgang Gurlitt erworben wurden: "Schottisches Hochmoor" von Karl Heffner (links) und "Bildnis eines bärtigen Mannes von Max Slevogt (rechts).
Foto: Patty Varasano

Auch in der Würzburger Sammlung tauchte NS-Raubkunst auf. Henrike Holsing und die vor wenigen Monaten gestorbene Provenienzforscherin Beatrix Piezonka haben sie erstmals ab September 2018 in der Ausstellung "Herkunft & Verdacht. Provenienzforschung am Museum im Kulturspeicher – Die Zugangsjahre 1941 bis 1945" vorgestellt. Dazu gehört beispielsweise das "Bildnis eines bärtigen Mannes" von Max Slevogt. Es stammt aus der Sammlung des jüdischen Berliner Verlegers und Kunsthändlers Bruno Cassirer. Er floh vor den Nazis, verlor sein Vermögen. Heiner Dikreiter kaufte das Bild 1944 von Wolfgang Gurlitt. Es kann in Würzburg bleiben, weil die Erben laut Holsing keinen Anspruch erheben.

Heiner Dikreiter hat viel von Gurlitt erworben, "so viel wie bei keinem anderen Kunsthändler", sagt Holsing. Nicht nur Werke, die heute als "belastet" identifiziert wurden. Sondern auch Bilder, die der Kunsthändler für Originale ausgab, etwa von Wilhelm Leibl. Es seien jedoch Werke unbekannter Künstler aus der Münchener Schule, so Holsing. Auch sie sind in der Ausstellung zu sehen.

Die Ausstellung "Wolfgang Gurlitt - Zauberprinz ist" noch bis 3. Mai zu sehen: Dienstag 13 bis 18 Uhr, Mittwoch 11 bis 18 Uhr, Donnerstag 11 bis 19 Uhr, Freitag/Samstag/Sonntag 11 bis 18 Uhr. Das Begleitprogramm startet am 26. Februar um 18.30 Uhr mit der Lesung von Alexandra Cedrino. Die Enkelin Wolfgang Gurlitts stellt ihren Roman "Die Galerie am Postdamer Platz" vor.

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