GRASSAU

Wolfgang Sawallisch: Zum Tod eines großen Dirigenten

Es war still geworden in den letzten Jahren um Wolfgang Sawallisch. Der große Operndirigent mied die Öffentlichkeit und lebte zurückgezogen im oberbayerischen Grassau nahe dem Chiemsee. Am Freitag starb er dort in seinem Haus im Alter von 89 Jahren.
Filmreif: Aus einem Live-Mitschnitt von Mozarts „Zauberflöte“ in der Bayerischen Staatsoper 1983 (Szenenfoto) entstand ein heute noch auf DVD erhältlicher Film. August Everding inszenierte, Wolfgang Sawallisch dirigierte, die Filmregie hatte Peter Windgassen. Foto: CINETEXT
Seine letzte Oper hatte Sawallisch vor mehr als 20 Jahren dirigiert. Dennoch sind seine Interpretationen der Bühnenwerke etwa von Richard Wagner oder Richard Strauss bei Musikliebhabern präsent wie eh und je.

Sawallisch, der sich später auch als Pianist einen Namen machte, begann seine Laufbahn 1947 als Kapellmeister am Augsburger Stadttheater. Er war Dirigent in Salzburg, dann Generalmusikdirektor in Aachen. Als er mit gerade einmal 30 Jahren am Pult der Berliner Philharmoniker stand, wurde er zum ersten Mal international wahrgenommen. Von da an ging seine Karriere noch steiler bergauf. Er wirkte bei den Bayreuther Festspielen, am Hessischen Staatstheater, am Philharmonischen Staatsorchester in Hamburg und leitete die Wiener Symphoniker. In Köln hatte er eine Professur für Dirigieren inne.

1971 holte ihn die Bayerische Staatsoper als Chef nach München. Das bayerische Publikum schätzte Sawallisch vor allem für seine Interpretationen der Bühnenwerke von Wagner. Bei den Festspielen 1988 dirigierte er sämtliche Opern von Strauss. Sawallisch zählte anfangs zu den Vorreitern der gemäßigten Moderne, bekannte sich dann aber als Opernchef eher zur Tradition des deutschen Ensemble- und Repertoire-Theaters. Allzu moderne Interpretationen seien ihm zuwider, sagte er anlässlich seines 85. Geburtstags.

Mit 70 nahm Sawallisch noch einmal eine neue Herausforderung an und wurde Musikdirektor des Philadelphia Orchestra in den USA. Er erfüllte sich damit den Wunsch, nach so viel Oper auch noch alle großen sinfonischen Werke aufzuführen. Über seine Musiker in Philadelphia schwärmte er: „Es ist eines der hinreißendsten Orchester. Es erfüllt im Hinblick auf die klangliche Qualität, die Werkauffassung und die Schnelligkeit des musikalischen Verstehens die höchsten Ansprüche.“ Das New Yorker Publikum feierte den in Deutschland oft als konservativ bezeichneten Dirigenten. US-Medien bezeichneten Sawallisch vielfach als Bereicherung der amerikanischen Musiklandschaft.

Nach jahrelanger Abwesenheit kehrte er 1998 zu den Osterfestspielen für ein Symphoniekonzert an das Pult seines ehemaligen Orchesters der Bayerischen Staatsoper zurück, nachdem er bereits im Juli 1997 als Star des Klassik-Open-Air-Konzerts auf dem Münchner Königsplatz aufgetreten war. 2003 trat er als musikalischer Leiter des Philadelphia Orchestra zurück. Nach seinem Rückzug aus der internationalen Öffentlichkeit gründete Sawallisch eine Stiftung, die nach eigenen Angaben das Ziel hat, „möglichst viele Kinder an den Umgang mit der Musik, an das gemeinsame Musizieren, Musikhören und -erleben heranzuführen“.

Sawallischs Beerdigung soll im engsten Kreis und unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Später ist ein Requiem in der Münchner Heilig-Geist-Kirche geplant. Der Intendant der Bayerischen Staatsoper, Nikolaus Bachler, sagte „tief betroffen“ vom Tode Sawallischs: „Mit seiner großen Persönlichkeit und seiner unverwechselbaren Kunst hat er über Jahrzehnte die Bayerische Staatsoper geprägt.“ Bis heute sei sein Wirken für Orchestermitglieder und Publikum spürbar.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) würdigte die Lebensleistung des gebürtigen Münchners: „Mit Wolfgang Sawallisch hat unser Land eine große Persönlichkeit, einen genialen Musiker, einen international renommierten Dirigenten und einen großen Bürger Bayerns verloren.“ Sawallisch habe den Ruf Bayerns als herausragenden Kulturstandort in die Welt getragen. „Ich verneige mich vor seiner Lebensleistung“, erklärte Seehofer in einer Mitteilung. Auch die Wiener Symphoniker erinnerten an den großen Dirigenten. „Bei Sawallisch klang Musik immer überraschend einfach, klar, schnörkellos, formal durchsichtig in den Proportionen“, schrieben die Wiener Symphoniker in ihrem Nachruf. Um seine Kritiker habe er sich zeitlebens kaum gesorgt: „In seiner bisweilen burschikos-bayrischen Art war es ihm vermutlich ,wurscht', in Zeiten eventsüchtiger Sensationsgeilheit altmodisch zu wirken.“ Text: dpa

Wolfgang Sawallisch Foto: dpa

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