WÜRZBURG

Würzburger Werkstattbühne gegen das Universelle Leben

Wolfgang Schulz Foto: Frank Kupke

Fürwahr ein spannendes Unterfangen für einen Theaterleiter – ein Wagnis gar? Wolfgang Schulz ist dabei, eine tragische Burleske über eine Frau zu inszenieren, die ihren Anhängern als Botschafterin Gottes gilt. Am 12. Mai hat das Stück auf seiner Werkstattbühne in Würzburg Premiere, es trägt den Titel „Die letzten Worte der Prophetin am Kreuz“. Im Zentrum stehen die heute 78-jährige Gabriele Wittek und die Gemeinschaft ihrer Anhänger, das Universelle Leben (UL), das zuvor als „Heimholungswerk Jesu Christi“ von sich reden machte.

Vielen ehemaligen Wittek-Anhängern sind die Begriffe UL und Heimholungswerk Sinnbild für Wut, Schweiß und Tränen. Folglich war es nur logisch, der Burleske, die begrifflich eine derbe Komödie für einfache Leute ist und sich durch groteske Komik und zotigen Spott auszeichnet, das Attribut „tragisch“ zur Seite zu stellen. Fast vier Jahrzehnte sorgt die Gemeinschaft um „Schwester Gabriele“ für Aufruhr – bei denen, die sich mit schönen Worten hinters Licht geführt und um ihr Hab und Gut gebracht sehen, bei den Amtskirchen, die ihre Schäfchen abgeworben und ihre Pfründe bedroht sehen, bei Behörden und Gerichten, die sich mit den streitlustigen Anwälten des UL herumschlagen.

Zwar tragen die „Christusfreunde“ vom UL die Friedensbotschaft der Bergpredigt wie ein Banner vor sich her. Sie sind aber schnell mit Juristen zur Stelle, wenn sie sich durch Text oder Bild be- und getroffen sehen. Wer immer von Ausbeutung, Gehirnwäsche und Entmündigung im UL spricht oder berichtet, läuft Gefahr, in langwierige Rechtsstreitigkeiten verwickelt zu werden.

Taugt ein dermaßen mit Emotionen und Paragrafen befrachteter Stoff überhaupt zur Burleske? Dem Grundgesetz und dem Bundesverfassungsgericht zufolge ist Kunst so frei, beißenden Spott über die „klebrige Wohlfühlwelt“ in einem „Einkaufsland“ der universellen Gemeinschaft auszuschütten, ebenso über „Offenbarungen“ einer vermeintlichen Prophetin und ihre Meditationsanweisungen zur Heilung der menschlichen Eingeweide. Ein Stück zum Lachen und Weinen kündigt das Programm des kleinen Privattheaters an, Figuren sind u. a. ein Außerirdischer, der vor dem Weltuntergang warnt, die Prophetin, Sektenanhänger als Schafe, Advokaten – und es gibt „eine wilde Kuss- und Kopulationsszene nach UL-Art“. Burlesk eben, geprägt durch die anarchische Freude, Herrschende mit Hohn und Spott vom hohen Ross zu stoßen.

Klingt irgendwie spaßig, dürfte aber die Besucher ebenso wenig zu ausgelassenem Schenkelklopfen verleiten wie eine Lesung des Theaterleiters Schulz Anfang November unter dem Titel „Die Posaune Gottes oder: Hat die Prophetin noch alle beisammen?“. Als Schulz damals den Persönlichkeitsverlust beschrieb, den jemand erleidet, der durch den „urchristlichen Fleischwolf“ gedreht wurde, da sei auch er – Satire hin, Burleske her – sehr ernst geworden, wurde berichtet.

Warum sollte es Schulz anders ergehen als denjenigen, denen die Erinnerung an ihre Zeit bei der „urchristlichen“ Gemeinschaft in den Gliedern steckt. Die „Christusfreunde“ finden Schulz' Theaterprojekt ganz und gar nicht vergnüglich. 14 Aussagen im Programmheft wollten die UL-Anhänger verbieten lassen. Das Landgericht Würzburg aber lehnte den Antrag des Vereins „Das Universelle Leben Aller Kulturen Weltweit“ ab. Der Verein sei nicht berechtigt, für alle Anhänger der Gemeinschaft zu sprechen.

Das Recht zu Stellungnahmen in der Angelegenheit hat der UL-Verein natürlich weiterhin und nutzt sie zu Angriffen gegen den Theaterleiter. Schulz gehe es „um eine rein persönliche Abrechnung“ mit einer jungen UL-Anhängerin, die seine „aufdringlichen“ Heiratsanträge nicht angenommen habe. Er handle aus verschmähter Liebe. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es in der Angelegenheit unterschiedliche Interpretationen gibt, ein gerichtlich vereinbartes Kontaktverbot und nach Angaben des UL-Vereins eine Strafanzeige der Frau, weil sich Schulz nicht an die Vereinbarung gehalten habe.

Das Schreiben des UL-Vereinsvorstands gipfelt in dem Vorwurf, Schulz dichte „unter dem Deckmantel von Kunst und Satire“ mit Spott einen lebenden Menschen ans Kreuz (gemeint ist die betagte UL-Prophetin). Damit überschreite der Theaterleiter Grenzen, heißt es.

Paragraf 166 des Strafgesetzbuches schützt vor der „Verletzung religiöser Gefühle“. Ihn haben Medienvertreter auch dann zu beachten, wenn sie über autoritätsfixierte, apokalyptische Wahnvorstellungen schreiben, die nicht nur den islamistischen Fundamentalismus bestimmen, sondern in ähnlicher Ausprägung auch bei strenggläubigen Christen und Juden zu finden sind.

Trotz Vorstößen aus Kirchen und „christlichen“ Parteien, die Meinungs-, Kunst- und Pressefreiheit mit Rücksicht auf religiöse Gefühle respektive Borniertheit einzuschränken, stellen sich höchste deutsche Gerichte nach wie vor hinter die Werte von Humanismus und Aufklärung – Satire inbegriffen. Das hat auch Journalisten und Buchautoren vor Ungemach bewahrt, die sich Kirchen und Sekten kritisch näherten.

Die Giordano-Bruno-Stiftung warnt vor der „Schere im Kopf“ und davor, den Gotteslästerungsparagrafen im deutschen Strafrecht zu verschärfen und so „fundamentale Freiheitsrechte“ zu opfern.

„Die letzten Worte der Prophetin am Kreuz“ wird nach der Premiere (12. Mai, 20 Uhr) bis Ende Juni noch 26 Mal aufgeführt. Kartenvorverkauf unter: Tel. (09 31) 5 94 00

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