PARIS

Ziemlich beste Freunde - die wahre Geschichte

Ziemlich beste Freunde im Film: Omar Sy (l.) als Pfleger und François Cluzet. Foto: Senator, FOTO Abdel Sellou

Als Philippe Pozzo di Borgo zum ersten Mal Abdel Sellou gegenübersaß, blickte er den jungen Mann mit den Augen des erfahrenen Geschäftsmannes an, der er fast 20 Jahre lang war und der in dieser Zeit Hunderte Menschen eingestellt hat. Er brauchte jemanden mit Verantwortungsgefühl, Dienstbereitschaft und ordentlich Kraft in den Armen. Einen Pfleger ohne Mitleid und ohne Berührungsängste vor einem Behinderten wie ihm.

Pozzo di Borgo ist Tetraplegiker, seine vier Gliedmaßen sind gelähmt. Bewegen kann er lediglich den Kopf, und auch das nur eingeschränkt. Geboren als Sprössling einer Adelsfamilie aus Korsika „mit einem silbernen Löffel im Mund“, wie er sagt. Nach einem Leben auf der Überholspur als Manager des Champagner-Imperiums Pommery hatte er sich 1993 beim Gleitschirmfliegen das Rückgrat gebrochen. Seither ist er für jeden alltäglichen Handgriff auf andere angewiesen.

Völlig unterschiedliche Welten

Abdel erschien ihm ideal. „Er hat Persönlichkeit, und er hat vor nichts Angst. Die Entscheidung für ihn war eine pragmatische, keine soziale Tat“, sagt der 61-Jährige heute, fast 20 Jahre nach der ersten Begegnung. Damals wusste er noch nicht, dass ihm der junge Bewerber mit den schlechten Manieren schon bald weit mehr sein würde als nur Pflegekraft und Chauffeur. Abdel wurde zu Philippes „Schutzteufel“. Und Philippe so etwas wie Abdels „Hilfsengel“. „Ohne ihn wäre ich wahrscheinlich tot oder im Knast“, sagt Abdel über Philippe. „Ohne ihn säße ich zwar nicht im Gefängnis, aber tot könnte ich sein“, sagt Philippe über Abdel. Längst sind sie „ziemlich beste Freunde“.

So lautet der deutsche Titel des Films, der die ungewöhnliche Verbindung zwischen zwei Männern aus völlig unterschiedlichen Welten nacherzählt: Auf der einen Seite der steinreiche, gelähmte Ex-Manager, der seit dem Krebstod seiner Frau Béatrice drei Jahre nach seinem Unfall jede Lebensfreude verloren hat. Auf der anderen der ungehobelte Rowdy, der in einer Hochhaussiedlung bei Paris aufgewachsen ist und mit 21 Jahren auf eine beachtliche Karriere als Kleinkrimineller zurückblickt. Eigentlich kam er nur auf Pozzo di Borgos Anzeige hin zu dem Vorstellungsgespräch in seine Villa, um sich die vom Arbeitsamt geforderte Unterschrift abzuholen, um dann weiter staatliche Stütze zu erhalten und krumme Dinger zu drehen. „Unser privilegiertes Milieu ist für ihn eine Welt von Außerirdischen, die einzige Realität, die er kennt, ist die Gewalt der Straße“, schreibt Pozzo di Borgo über Abdel in seiner Autobiografie „Ziemlich beste Freunde“, die als Vorlage für den Film diente. Der französische Buchtitel lautet „Der zweite Atem“ – denn eine Art zweites Leben, eine neue Chance erhielt Philippe durch die Begegnung mit diesem „kleinen Teufel“. „Er ist unerträglich, eitel, stolz, brutal, unzuverlässig. Menschlich. Ohne ihn wäre ich zugrunde gegangen“, heißt es in dem Buch. Die Einstellungsszene wird im Film wiedergegeben, der zu einem der größten französischen Kinoerfolge überhaupt wurde, mit weltweit über 42 Millionen Zuschauern, in Deutschland ist er mit 8,6 Millionen Zuschauern mit Abstand der erfolgreichste Film des Jahres.

Wilde Fahrten im Maserati

Der Streifen erzählt, wie Abdel Philippe aus seinem schwarzen Loch der Verzweiflung und des Schmerzes holt – auch mit unkonventionellen Mitteln wie wilden Fahrten im Maserati, Haschischzigaretten gegen quälende Phantomschmerzen und durch das Anheuern von Prostituierten, die ihm die Ohren liebkosen – wenigstens dort spürt er noch etwas. Der echte Pfleger hat optisch wenig mit seinem filmischen Darsteller namens „Driss“ gemein, gespielt vom Franzosen Omar Sy. Er sei „ein kleiner Araber mit rundlichem Bäuchlein, vielleicht etwas weniger sympathisch als der große Schwarze mit den Diamantzähnen“, sagt der heute 40-Jährige, den seine Eltern als Kind aus Algerien zu seinem Onkel und seiner Tante nach Frankreich gaben, weil diese keinen Nachwuchs hatten. Bei Philippe Pozzo di Borgo sei er zum ersten Mal in seinem Leben mit Respekt behandelt worden, sagt er.

Auch Sellou hat ein Buch verfasst, „Einfach Freunde“, in dem er seine bewegte Kindheit und Jugend beschreibt. Der einstige Schürzenjäger lebt inzwischen mit seiner Frau und drei Kindern in Algerien, wo er eine industrielle Hühneraufzucht betreibt. „Nachdem er einen Teil seines Lebens damit verbracht hat, hinter ihnen herzulaufen, bringt er sie nun in Käfige“, sagt Pozzo di Borgo.

Es sind auch dieser kaltschnäuzige Humor und die Fähigkeit zur Selbstironie, die die beiden Männer vereint. Pozzo di Borgo hofft, am verklemmten Umgang mit Behinderten etwas geändert zu haben mit seiner Autobiografie, durch den Film und das neue Buch über seine 20-jährige Erfahrung eines Lebens im Rollstuhl, an dem er momentan arbeitet.

Der Sinn im Leben

Philippe Pozzo di Borgo ist ein nachdenklicher, lebenskluger Mann. Er suche keinen Sinn in seinem Unfall, erklärt er: „Man muss dem Leben immer einen Sinn geben, was auch passiert. Und der Sinn im Leben, das ist der andere.“ Bis zu 100 E-Mails erhält er angeblich jeden Tag, oft von verzweifelten Menschen, die Rat bei ihm suchen. Er sagt, dass er jede einzelne beantwortet.

Noch immer trifft er Abdel regelmäßig, zählt ihn zu seiner Familie, auch wenn ihn dieser nicht mehr pflegt. Das tut nun in erster Linie seine zweite Frau Khadija, mit der er zwei Töchter hat und auf dem Land in Marokko lebt, dem milderen Klima wegen. Seine Hoffnung auf eine zweite Chance scheint sich bestätigt zu haben: „Aus der Kluft zwischen meinem gegenwärtigen Leben und dem Glück, das ich noch erwarte, erwächst die Hoffnung. Richtig gebraucht, wird sie zum zweiten Atem.“

Philippe Pozzo di Borgo: „Ziemlich beste Freunde – Ein zweites Leben“ (Hanser, 256 Seiten, 14,90 Euro) Abdel Sellou: „Einfach Freunde. Die wahre Geschichte des Pflegers Driss aus ,Ziemlich beste Freunde'“ (Ullstein, 256 Seiten, 9,99 Euro)

Ziemlich beste Freunde in echt: Pfleger Abdel Sellou (links) und Philippe Pozzo di Borgo.

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