Würzburg

Zur Wiederaufnahme am Sonntag: Hänsel und Gretel, ein musikalisches Fest

Als Bühnenspektakel mit optischen Effekten in einer wunderbar bunten Kulisse feierte die Oper "Hänsel und Gretel" im Mainfranken Theater Premiere. Wie das Stück ankam?
Die Oper 'Hänsel und Gretel' feierte im Großen Haus des Mainfranken Theaters am Sonntagabend Premiere. Sie wird auch in der neuen Spielzeit 2019/20 wieder aufgenommen.
Die Oper "Hänsel und Gretel" feierte im Großen Haus des Mainfranken Theaters am Sonntagabend Premiere. Sie wird auch in der neuen Spielzeit 2019/20 wieder aufgenommen. Foto: Thomas Obermeier

Wer"Hänsel und Gretel" von Engelbert Humperdinck, uraufgeführt in Weimar 1893, heute auf die Bühne bringt, der kann kaum nur mit Knusperhäuschen-Putzigkeit hausieren gehen. Das tut auch Sigrid Herzog in ihrer Neuinszenierung nicht, die jetzt im fast ausverkauften Mainfranken Theater Premiere feierte. Die Regisseurin nutzt den Stoff für ein temporeiches, buntes Musikstück, inszeniert vor einem poppigen Bühnenbild (von Julia Katharina Berndt), einer überaus witzigen Knusperhexe (Mathew Habib) und grandios  aufeinander abgestimmten Hauptfiguren Hänsel (Marzia Marzo) und Gretel (Akiho Tsujii).

Die Wohnung von Hänsel und Gretel erinnert an eine aufklappbare Puppenstube. 
Die Wohnung von Hänsel und Gretel erinnert an eine aufklappbare Puppenstube.  Foto: Thomas Obermeier

Oper mit bekannten Volksliedern

Mit ruhigen, wohligen Klängen spielt das Orchester unter Leitung der Ersten Kapellmeisterin und stellvertretenden Chefdirigentin Marie Jacquot die rund achteinhalb Minuten dauernde Ouvertüre  noch vor geschlossenem Vorhang. Es dominieren Hörner, Trompeten, Posaunen, aber auch Flöten und Oboen. Doch in den fröhlichen Bläsersätzen schwingt schon etwas Unheimliches mit. Die Wohnung von Hänsel und Gretel erinnert an eine aufklappbare Puppenstube, im Regal stehen frisch polierte Töpfe, drei Besen hängen an der Wand. Dort vertreiben sich die Kinder singend und tanzend die Zeit: "Brüderchen, komm tanz mit mir" ist nur eine bekannte Melodie aus der Oper, die später zum Volkslied wurde, genau wie "Suse, liebe Suse, was raschelt im Stroh".

Hänsel (Marzia Marzo) und Gretel (Akiho Tsujii) finden von Anfang an gesanglich zu einem überzeugenden Neben- und Miteinander, wobei ihre Stimmen perfekt harmonieren. Dann kommt Tempo in das Stück: Müde und erschöpft kehrt die Mutter (Barbara Schöller) nach Hause. In ihrem Jähzorn über die beiden Faulpelze greift sie wütend zum Besen und stößt sie den Milchtopf vom Tisch. Außer sich vor Wut jagt sie Hänsel und Gretel in den Wald. Die eher schrillen Töne der Mezzosopranistin Schöller passen perfekt zum Fortgang und der Dramatik der Geschichte. 

Wenn die Gefriertruhe zum Backofen wird: Besenbinder Peter, gesungen von Kosma Ranuer. 
Wenn die Gefriertruhe zum Backofen wird: Besenbinder Peter, gesungen von Kosma Ranuer.  Foto: Thomas Obermeier

Wenn sich der Besenbinder in Rage singt

Wie wohl tut dann der angenehm tief gesungen Part des Vaters und Besenbinders (Bariton Kosma Ranuer), der zwar angetrunken nach Hause kommt, dafür aber eine ganze Tasche voller Lebensmittel mitbringt. Als er von dem Vorgefallenen hört, schlägt seine gute Laune in Besorgnis um. Was, wenn die Kinder sich im Wald verlaufen und der Knusperhexe in die Hände geraten? In Rage gesungen öffnet er die Gefriertruhe, die rot leuchtet - wie ein Backofen! 

Das moderne Häuschen der Knusperhexe gleicht einem Fahrgeschäft auf dem Rummel. Die Oper 'Hänsel und Gretel' feierte am Mainfranken Theater Premiere. 
Das moderne Häuschen der Knusperhexe gleicht einem Fahrgeschäft auf dem Rummel. Die Oper "Hänsel und Gretel" feierte am Mainfranken Theater Premiere.  Foto: Thomas Obermeier

Der Vorhang fällt und für die Zuchauer wird darauf eine Achterbahnfahrt projiziert. Es fühlt sich so an, als säße man tatsächlich selbst im Fahrgeschäft. Sehr flott und unglaublich präzise spielt das Orchester dazu. Die Achterbahn endet im zweiten Bühnenbild, dem Knusperhäuschen der Hexe, einem überdimensional großen Kopf mit weit aufgerissenem Mund. "Ich fürchte mich. O wär ich nur zuhaus, der Wald sieht so gespenstisch aus", singt Gretel. Da erscheint das Sandmännchen (Misun Kim), das spektakulär aus dem Boden der Bühne nach oben fährt. Der Kopf leuchtet und erinnert ein wenig an eine Trockenhaube aus den 1970er Jahren. Bevor sich Hänsel und Gretel niederlegen, beten sie ihren „Abendsegen“. Dieses als Duett gesungene Wiegenlied berührt zutiefst. 

Sehr eindrucksvoll: Das Sandmännchen (gesungen von Misun Kim) aus der Oper 'Hänsel und Gretel', hier im Bild mit Hänsel (Marizia Marzo, Mitte) und Gretel (Akiho Tsujii, rechts).
Sehr eindrucksvoll: Das Sandmännchen (gesungen von Misun Kim) aus der Oper "Hänsel und Gretel", hier im Bild mit Hänsel (Marizia Marzo, Mitte) und Gretel (Akiho Tsujii, rechts). Foto: Thomas Obermeier

Sorgt für Stimmung: Mathew Habib als Knusperhexe

Es folgt ein bunter poppiger "Hungertraum", voller Kuchen, Torten und Zuckerwerk. Doch als die Kinder die Leckereien naschen wollen, hat endlich die Hexe, grandios gesungen von Mathew Habib, ihren Auftritt. Als Knusperhexe agiert der Tenor bedrohlich, zum Teil aber auch sehr witzig. Allein die Kostüme der Hexe sind sehenswert: Zuerst mit knallgelber Perücke, Petticoat artigem Kleid mit Schürze und hochhackigen lila Schuhen und später dunkelhaarig mit Pagenkopf à la Mireille Mathieu und engem lila Glanzkleid – so wirbelt die Hexe über die Bühne. Das ist musikalisch wirklich ein Fest! Auch wenn sie zum Schluss im überdimensional großen Backofen endet.

Wunderbar witzig: Mathew Habib als Knusperhexe in der Oper 'Hänsel und Gretel'.
Wunderbar witzig: Mathew Habib als Knusperhexe in der Oper "Hänsel und Gretel". Foto: Thomas Obermeier

Macht "Hänsel und Gretel" auch Kindern Lust auf Oper? Das Mainfranken Theater schreibt, das Stück sei für junge Besucher ab sechs Jahren geeignet. Bei der Premiere war nur jeder zehnte Zuschauer ein Kind oder Jugendlicher, was vermutlich an der späten Uhrzeit (Beginn, 19.30 Uhr) gelegen haben könnte. Sicher zieht der Kinderchor, der zum Schluss einen wunderbaren Auftritt hat, noch einige jünger Zuschauer ins Theater. Die als Lebkuchen-Männchen verkleideten Sänger sind nicht nur niedlich anzusehen, sondern schaffen auch eine Nähe zur jüngeren Zielgruppe.  

Üppig, bunt und lebendig ist dieses Märchenspiel auf der Bühne: ein einziger großer Rausch aus Licht, kleinen Tricks und wunderbarer Musik und Gesang. Nach knapp zwei Stunden mit einer Pause gibt es viel Applaus für alle Mitwirkenden, natürlich auch für das spielfreudige Orchester.

"Hänsel und Gretel" läuft ab 29. September, 15 Uhr, wieder am Mainfranken Theater. Weitere Vorstellungen, wenn nicht anders angegeben 19.30 Uhr: 3., 31. Oktober; 9., 17. November (15 Uhr); 14., 19., 29. Dezember (17 Uhr); 11. Januar, 5. Februar. Karten: Tel. (09 31) 39 08-124 oder karten@mainfrankentheater.de

Rückblick

  1. Würzburg: Theatersanierung wird deutlich teurer
  2. Wie Enrico Calesso in der Toskana seine Landleute begeisterte
  3. Mainfranken Theater: Ist der Streit um Trabusch jetzt vom Tisch?
  4. Herr Calesso, macht musizieren unter Corona-Auflagen Spaß?
  5. Mainfranken Theater: Beschwerde bei OB in Causa Trabusch
  6. Mainfranken Theater: Neue Entscheidung zu Intendanten-Posten
  7. Mainfranken Theater: Erneute Hängepartie um Vertrag für Trabusch
  8. Mainfranken Theater lädt zur Abschiedswoche ins Große Haus
  9. Mainfranken Theater: Abschied vom Großen Haus
  10. Kommentar: Trabusch-Entscheidung ist eine Niederlage für den OB
  11. Mainfranken Theater: Neuer Vertrag für Trabusch wahrscheinlich
  12. Mainfranken Theater: Antrag für neuen Vertrag für Trabusch
  13. Mainfranken Theater: Rohbau ist fertig, Richtfest fällt aus
  14. Förderverein Mainfranken Theater: Trabusch-Debatte schnell beenden
  15. Trabusch-Vertrag: Würzburger Stadtrat berät doch noch einmal
  16. Trabusch-Debatte: Am Donnerstag wird es im Stadtrat spannend
  17. Mainfranken Theater: Stadt reagiert auf Vorstoß zu Trabusch-Vertrag
  18. Mainfranken Theater: Wird über Trabusch-Vertrag neu entschieden?
  19. Mainfranken Theater: Intendant Markus Trabusch muss 2021 gehen
  20. Dorian Brunz – Autor und Stipendiat am Mainfranken Theater
  21. Absagen und Verschiebungen: Corona erreicht die Kultur
  22. Corona-Vorsorge: Mainfranken Theater setzt Betrieb bis 19. April aus
  23. Otto Kukla: "Ich habe viel beim ollen Brecht gelernt"
  24. Vom Windhauch zum Orkan: Die Philharmoniker mit Mahler im Dom
  25. Das Mainfranken Theater entlarvt den Reaktionär Strindberg
  26. Berufung: Enrico Calesso wird ständiger Gastdirigent in Linz
  27. Oper im Mainfranken Theater: Nichts für Schmerzempfindliche
  28. Der Philosoph als Dirigent: Theaterpreis für Enrico Calesso
  29. Interview: Der Neue am Pult des Philharmonischen Orchesters
  30. Weihnachtskonzert: Glitzerndes Entertainment zum Mitschnipsen
  31. Paul Maar und die hohe Kunst des königlichen Vorlesers
  32. Zehn Minuten Applaus für "Evita" am Mainfranken Theater
  33. Spaß mit Opas Eskapaden: „5 Kilo Zucker“ in der Kammer
  34. Das Mainfranken Theater wird zu Hotzenplotz' Räuberhöhle
  35. Schwalbenkönig und die negativen Seiten des Profifußballs
  36. Kosma Ranuer als Rigoletto: Alles andere als zweite Wahl
  37. Trunkene Sinnlichkeit beim Sinfoniekonzert der Philharmoniker
  38. Wie man einem Dirigenten (s)ein Instrument verschafft
  39. Kleist – als Spion in Würzburg?
  40. Mainfranken Theater: Tänzer zwischen "Einst" und "Jetzt"
  41. Comedian Harmonists in Würzburg: Warum man sich beeilen muss
  42. Warum das Würzburger Musiktheater derzeit einen Lauf hat
  43. Beklemmung pur beim Wendestück am  Mainfranken Theater Würzburg
  44. Würzburgs Schauspieler machen Schillers Klassiker zum Ereignis
  45. Erste Millionen-Rate für die Theatersanierung
  46. Mainfranken Theater: Bilanz der ersten Baustellen-Saison
  47. Staatsheater: Wiedereinzug ins neue Haus mit neuem Namen
  48. Wird das Mainfranken Theater noch heuer Staatstheater?
  49. Interview: Eine Frau, die Musik liebt und Nächstenliebe lebt
  50. Ein Jahr neue Tanzcompagnie – zwei Tänzer ziehen Bilanz

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Würzburg
  • Claudia Kneifel
  • Barbara Schöller
  • Engelbert Humperdinck
  • Gesang
  • Hänsel und Gretel
  • Kuchen und Torten
  • Mainfranken Theater
  • Musik
  • Oper
  • Orchester
  • Sänger
  • Theater
  • Volkslieder
  • Wut
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!