Würzburg

Zwei Musikerinnen, ein Trio und die Kraft der Musik

Felicitas Weyer erklärt, wie ein Flügel funktioniert. Foto: Almut Seebeck

Dass sich Sänger selbst am Klavier begleiten, ist aus der Popmusik nicht unbekannt, siehe Elton John, Stevie Wonder oder Billy Joel. In der Klassik kommt das selten vor. Noch seltener ist, dass eine Pianistin sich selbst und eine weitere Sängerin beleitet. Bei Felicitas Weyer und Almut Seebeck ist das der Fall: Felicitas Weyer singt Mezzosopran und spielt Klavier. Almut Seebeck singt und rezitiert. Die beiden sind das in Würzburg ansässige Trio A Due – das Trio zu zweit, möglicherweise das einzige seiner Art.

Für Felicitas Weyer ist es die natürlichste Sache der Welt, zwei (im Grunde drei, das Begleiten hinzugerechnet) höchst anspruchsvolle musikalische Tätigkeiten gleichzeitig auszuüben. "Ich wollte das schon immer, ich kann das einfach", sagt sie. "Ich darf nur nicht darüber nachdenken."

Almut Seebeck wiederum hat Medizin und Musik studiert und ist Sängerin und Ärztin für psychotherapeutische und psychosomatische Medizin gleichermaßen. Keine ungewöhnliche Fächerverbindung, wie etwa das Bayerische Ärzteorchester beweist, doch während die meisten Musiker/Mediziner sich irgendwann für einen Weg entscheiden müssen, ist es Almut Seebeck gelungen, beides beruflich in ihrem Leben zu integrieren.

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Das Trio A Due konzertiert mit Musik vom Mittelalter bis zur Gegenwart, von Klassik über Jazz, jiddische Lieder bis hin zu Maori-Gesängen. Und es bietet Workshops unter sozialen und therapeutischen Aspekten an. Auf der Basis der Gesangsausbildung, die sie – ergänzend zu ihrem Studium an der Würzburger Musikhochschule – bei Karl-Heinz Jarius genossen haben, einem Schüler der Tenorlegende Beniamino Gigli, haben die Musikerinnen die Methode Life-Voicing entwickelt, die auf der natürlichen Entfaltung und Öffnung der Singstimme basiert und bei Anfängern keinerlei Vorkenntnisse erfordert.

Das Motto: Gib deiner Stimme Leben und deinem Leben Stimme. Singen befreie von muskulären Spannungszuständen und Blockaden und ermögliche eine Harmonisierung psychischer Prozesse. "Es ist vokalbetontes Singen, das unmittelbar die Emotionen öffnet. Man könnte es auch schöner ausdrücken: Es öffnet das Herz", sagt Almut Seebeck.

Das Trio A Due konzertiert in ganz Europa, Australien, Vietnam und Neuseeland. Im August sind Seebeck und Weyer von einem sechsmonatigen Aufenthalt in Auckland zurückgekehrt, wo sie auf Einladung der presbyterianischen Kirche Neuseelands in der Gemeinde St. Heliers mehrere Chöre aufgebaut haben. Die Bevölkerung in Auckland – und damit im Einzugsbereich der Kirchengemeinde – ist zu 70 Prozent asiatischen Ursprungs, meist Chinesen, Japaner, Koreaner, viele von ihnen noch nicht lange im Lande, viele noch kaum der Landessprache mächtig.

"Singen wurde zwar angestrebt. Wie das gemacht wird, dafür gab es keinerlei Verständnis."
Almut Seebeck zur Ausgangssituation in Auckland

Die Kirchengemeinde ist religiöser, aber mehr noch sozialer Treffpunkt, in dem Menschen unterschiedlichster Hintergründe zusammenkommen. Für viele Migranten ist sie ein Weg aus der Isolation. St. Heliers hat ein großes Gemeindezentrum und eine angeschlossene Musikakademie. "Es gibt den Anspruch, dass in den Gottesdiensten gute Musik gemacht wird, vor allem Vokalmusik. Dafür sind wir engagiert worden", so Seebeck. Die Musikerinnen haben drei Chöre gebildet, einen Kinder-, einen Jugend- und einen Erwachsenenchor. Es war Arbeit von Grund auf: "Singen wurde zwar angestrebt. Wie das gemacht wird, dafür gab es keinerlei Verständnis."

Felicitas Weyer und Almut Seebeck (rechts) bilden das Trio A Due. Foto: Nicolas Manger

Bei der Chorarbeit wurde den Musikerinnen klar, wie groß der Druck auf die Menschen ist. Die Eltern der zugewanderten Familien arbeiten hart an ihrem beruflichen Erfolg und geben diesen Ehrgeiz an ihre Kinder weiter, die übervolle Lern- und Sportprogramme zu absolvieren haben. Hinzu kommt der typisch neuseeländische Zwang, immer freundlich zu sein. "Da haben wir gedacht, na, ihr braucht alle ein bisschen Pflege", sagt Almut Seebeck.

Mit Erfolg: "Durch das gemeinsame Singen konnten wir das Problem der Sprachlosigkeit bewältigen." Wie auch die traditionellen Animositäten – Chinesen gegen Japaner gegen Koreaner. "All das wurde durch das Singen auf wunderbare Weise überwunden, weil man ein gemeinsames Projekt hatte. Die Proben wie die Gottesdienste hatten für viele therapeutische Wirkung."

"Mit den Chorauftritten wurde die Kirche voller und voller. Das war eine gewaltige Erfahrung für uns."
Felicitas Weyer

"Die Gottesdienste dort sind Events, richtige Feste. Und mit den Chorauftritten wurde die Kirche voller und voller", erzählt Felicitas Weyer. "Das war eine gewaltige Erfahrung für uns." Und Almut Seebeck ergänzt: "So etwas haben wir überhaupt noch nie erlebt."

Alles begann 2011 mit einem Gedenkkonzert, das das Trio A Due auf Einladung der deutschen Botschaft in Wellington gab – nach dem verheerenden Erdbeben in Christchurch, das 185 Menschen das Leben gekostet hatte. Es folgten mehrere Konzertreisen nach Neuseeland und schließlich der große Auftrag in Auckland von Anfang Februar bis Ende August dieses Jahres.

Der Gottesdienst als Event mit Musik: Felicitas Weyer am Klavier, Almut Seebeck dirigiert. Foto: Seebeck / Weyer

Untergebracht waren Seebeck und Weyer im katholischen Priesterseminar nebenan, sozusagen der zweite Teil des Auftrags: Es galt, den Seminaristen, von denen viele ebenfalls aus Asien stammen und kaum musische Vorerfahrungen haben, Furcht und Hemmnisse vor dem Singen zu nehmen – schließlich verlangt die katholische Liturgie vom Priester einiges an musikalischem Einsatz. 

Die Musikerinnen lernen auch die Schattenseiten eines Landes kennen, das vielen Europäern als (Natur-)Paradies gilt. Neuseeland hat die höchste Krebs- und Selbstmordrate weltweit. Auckland, die extrem schnell wachsende Metropole, in der die Hälfte aller Neuseeländer lebt, kämpft mit gewaltigen Umweltproblemen, etwa beim Verkehr oder  der Wasserversorgung. "Die waren so verwöhnt mit ihrer Natur, dass sie gedacht haben, ach, das spielt alles keine Rolle", so Almut Seebeck. 

Singen als spiritueller Transformationsprozess

In anderen Gebieten drohen Immobilienentwickler und Massentourismus, die Maori zu vertreiben. Anders als in Australien, wo die Kultur der Aborigines an den Rand gedrängt wird, wird in Neuseeland in den Schulen zwar die Sprache der Maori gelehrt und in jedem Gottesdienst ein Teil der Predigt in Maori gehalten. Dennoch leben die Maori vor allem in den ärmeren Gegenden. Einige wenige kommen in die Gemeinde St. Heliers, wo sie besonders durch ihren schönen Gesang auffallen. Felicitas Weyer hat einige ihrer traditionellen Gesänge für mehrere Stimmen bearbeitet. "Die Maori wissen, dass das Singen ein spiritueller Transformationsprozess ist. Und dass man singen muss, gerade, wenn man keine Sprache zur Verfügung hat", sagt Almut Seebeck.

Advents-Singwerkstatt: Am Samstag, 30. November, bietet das Trio A Due einen ganztägigen Sing-Workshop (10 bis 17 Uhr) in der Maria-Ward-Schule, Anna-Straße 6, Würzburg, an. Kurzfristige Anmeldungen sind möglich unter info@trio-a-due.de oder Tel. (0172) 2663315

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