Würzburg

Ausgebremst: Corona macht Kunstaktion zum wahrhaft kunstleeren Raum

Mit Corona hatte "Achtung! Kunstleerer Raum" anfangs gar nichts zu tun. Nun aber zeigt die Pandemie besonders brutal auf, wie schwer es Kunst in der öffentlichen Wahrnehmung hat.
Am neuen Standort: Mitarbeiter der Metallbaufirma Flammersberger errichten am Marienplatz in Würzburg den Bühnen-Kubus der Aktion 'Achtung! Kunstleerer Raum!'
Foto: Daniel Peter | Am neuen Standort: Mitarbeiter der Metallbaufirma Flammersberger errichten am Marienplatz in Würzburg den Bühnen-Kubus der Aktion "Achtung! Kunstleerer Raum!"

Elf städtische Dienststellen mussten zustimmen, bevor es losgehen konnte. Bis der Metallwürfel der Aktion "Achtung! Kunstleerer Raum" in der Würzburger Hofstraße aufgestellt werden durfte. Von Oktober bis Dezember 2020 fanden darin und darum herum Performances, Konzerte, Ausstellungen, Lesungen statt. Das Motto: "Kunst gehört in die Mitte der Gesellschaft". Nun hat das Objekt, das Installation, Bühne und Mahnmal zugleich ist, neben der Marienkapelle einen neuen Platz gefunden. Für einen zweiten Durchgang bis 30. Juni.

Allerdings: Derzeit liegen Veranstaltungen jeglicher Art auf Eis, niemand weiß angesichts weiterhin steigender Infektionszahlen, wann es weitergehen könnte. Zeit also, mit den Initiatorinnen über das Konzept zu reden, das anfangs übrigens gar nichts mit Corona zu tun hatte. "Wir stehen immer schon am Rande", sagt die Künstlerin Mechthild Hart. Seit die Pandemie die Welt tatsächlich zu einem praktisch kunstleeren Raum gemacht hat, scheint der Würfel keine weitere Erläuterung zu brauchen, aber tatsächlich gibt es "Achtung! Kunstleerer Raum" bereits seit 2018.

Kunst für alle sichtbar machen – ohne Eintritt, ohne Vorwissen, ohne Insidertum

Sechs Künstlerinnen und Künstler hatten sich zusammengefunden, um die Kunst aus ihrem abgeschiedenen Dasein in Galerien und Museen zu befreien, sie sichtbar, zugänglich und nahbar zu machen. Im Vorbeigehen sozusagen. Ohne Eintritt, ohne Vorwissen, ohne Insidertum. Nun sind Museen und Galerien wieder komplett geschlossen, jedenfalls da, wo die Inzidenz dauerhaft über 100 liegt. Theater und Konzerthallen sowieso.

Evelin Neukirchen, Mechthild Hart,  Georgia Templiner und Gabriele Kunkel vor dem 'Kunstleeren Raum' am Marienplatz in Würzburg. 
Foto: Daniel Peter | Evelin Neukirchen, Mechthild Hart, Georgia Templiner und Gabriele Kunkel vor dem "Kunstleeren Raum" am Marienplatz in Würzburg. 

"Corona zeigt alles auf, was vorher schon in Schieflage war", sagt Mechthild Hart. Den Mangel an künstlerischer und musischer Bildung in den Schulen, den Mangel an Präsenz im öffentlichen Raum, und den Mangel an Zugänglichkeit in der Wahrnehmung vieler Menschen. Hart organisiert zusammen mit Gabriele Kunkel, Evelin Neukirchen und Georgia Templiner diesen zweiten Durchgang. Alle vier waren schon beim ersten dabei und können es kaum erwarten, dass es weitergeht. Denn die Erfahrungen waren beglückend, berichten sie. 

Georgia Templiner etwa hatte damals, im Herbst 2020, gerade eine Ausstellung aufgebaut, die nach einer Woche wieder schließen musste. Die Aktion hilft ihr und den Kolleginnen durch die kunstlose Zeit außerhalb des Würfels. Gabriele Kunkel: "Es gab so viele tolle Begegnungen, dass mir die Blockade durch die Pandemie gar nicht mehr aufgefallen ist. Im Moment, wo der Kubus wieder steht, ist die Welt ein bisschen besser." Evelin Neukirchen ergänzt: "Die Leute stolpern darüber. Und dass dann immer jemand da ist, mit dem man sprechen kann, das macht den Unterschied."

Der Kubus steht allen offen, die sich selbst ausprobieren, erste Werke vorstellen wollen

Ganz bewusst verstehen sich die vier Künstlerinnen nicht als Veranstalterinnen. Sie organisieren – so es denn wieder möglich wird – die Auftritte, melden allwöchentlich das geplante Programm beim Ordnungsamt an, pflegen die Homepage und wachen über die Einhaltung der Hygieneauflagen, etwa das Verbot von Menschenansammlungen.

Weihnachtsaktion im Kubus am alten Standort in der Hofstraße.
Foto: Gabriele Kunkel | Weihnachtsaktion im Kubus am alten Standort in der Hofstraße.

Der Kubus, konstruiert und gesponsert von der Firma Flammersberger, zugelassen nach der Euronorm EN1090, aber steht allen offen, die sich selbst ausprobieren, erste Schritte auf einer Bühne wagen, erste Werke vorstellen wollen. "Wir filtern nicht. Das kann dann auch mal krass unprofessionell sein", sagt Gabriele Kunkel. "Wir machen Kunst, weil wir müssen, nicht, weil wir wollen. Und da ist das Scheitern immer inbegriffen. Es zählt der Prozess, nicht nur das Ergebnis."

Das Konzept habe schon beim ersten Durchgang funktioniert. So beteiligten sich einerseits arrivierte Kunstschaffende aus ganz Deutschland. Die "Fräuleins" zum Beispiel sangen nach zehn Jahren Bühnenabstinenz erstmals wieder vor Publikum. Andererseits wagten sich auch Anfänger in den Kubus. Studierende etwa brachten für eine Lesung gleich ein paar Sofas mit.

So funktioniert's: Sobald es wieder möglich wird, werden im Kunstkubus am Würzburger Marienplatz von Dienstag bis Samstag täglich zwei bis drei Zeitfenster für Aktionen angeboten: Dienstag und Mittwoch, 14 und 17  Uhr, sowie Donnerstag, Freitag und Samstag, 14, 17 und 19 Uhr. Wer auftreten möchte, meldet sich unter www.kunstleerer-raum.de

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