Würzburg

Christiane Dehmer: Positive Musik ohne Angst vor der Jazzpolizei

Die Komponistin, Pianistin und Sängerin schreibt eingängige Musik mit positiven Botschaften. Simpel sind ihre Popsongs deshalb noch lange nicht.
Christiane Dehmer im Konzert. Ihr Arbeitsplatz am Flügel sieht wie eine kleine Hightech-Zentrale aus.
Foto: Carola Thieme | Christiane Dehmer im Konzert. Ihr Arbeitsplatz am Flügel sieht wie eine kleine Hightech-Zentrale aus.

Man muss sich das erst mal trauen: Positiv sein. Beziehungsweise: Positive Musik machen. In einer Zeit, die von Ängsten, Hiobsbotschaften und erbarmungslos ausgetragenen Gesinnungskämpfen bestimmt ist, finden Zeichen der Hoffnung und des Miteinanders nur schwer Gehör, sollte man meinen. Christiane Dehmer sieht das anders: "Fürs Positive braucht man keinen Mut." Die Pianistin, Sängerin und Komponistin, die in Waldbrunn bei Würzburg lebt, macht positive Musik. Oder vielmehr: Musik, die berühren soll. Die den Menschen etwas geben soll. Hoffnung, zum Beispiel. Oder den Mut, auf andere zuzugehen.

Das ist ungewöhnlich für eine Jazzerin. Christiane Dehmer hat unter anderem an der Würzburger Musikhochschule Jazzpiano bei Koryphäen wie Chris Beier, Tine Schneider und Bernhard Pichl studiert und 2005 Examen gemacht. "Normalerweise heißt es ja, man darf bloß nicht zu eingängig schreiben", sagt sie und zuckt die Achseln. Die ganze Theorie, die sie gelernt hat, all die intellektuellen Spiele, die man im Jazz so treiben kann, die habe sie natürlich im Hinterkopf. "Aber die Kunst ist es, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren."

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Dieses Wesentliche, das sind bei Christiane Dehmer glockenreine Melodien, entspannte Grooves und mitunter meditativ wirkende Klavierparts, die viel mit reinem Dur und Moll arbeiten und mit sogenannten modalen Klängen, auch Kirchentonarten genannt, die zwischen Dur und Moll schweben und der Musik eine leicht fremdartige Anmutung geben. Und die ein bisschen an Keith Jarrett erinnern. "Man hat mir gesagt, dass ich wie Keith Jarrett klinge, da kannte ich den noch gar nicht", erzählt die Musikerin.

Ihr ging es immer darum, die eigene Stimme zu finden

Aber solche Vergleiche interessieren sie ohnehin nicht besonders. Ihr ging es immer darum, die eigene Stimme zu finden. Die Musik zu machen, die aus ihr heraus will – natürlich, authentisch, unmittelbar. "Die Menschen sagen und schreiben mir nach den Konzerten oft, wie sehr sie die besondere Atmosphäre schätzen." Hartgesottene Jazzer könnten das vielleicht Kitsch nennen, aber auch das ficht Christiane Dehmer nicht an: "Das ist dann die Jazzpolizei, vor der alle Angst haben. Aber von dieser Angst habe ich mich inzwischen befreit. Außerdem kommen in meinen Songs ja auch Aspekte von Schwierigkeiten vor. Viele entstehen aus eigenen Erlebnissen heraus."

Christiane Dehmer: 'Die Menschen sagen mir nach den Konzerten oft, wie sehr sie die besondere Atmosphäre schätzen.'
Foto: Carola Thieme | Christiane Dehmer: "Die Menschen sagen mir nach den Konzerten oft, wie sehr sie die besondere Atmosphäre schätzen."

Die Musikerin hat den Corona-Lockdown genutzt, um sechs neue Songs zu komponieren, aufzunehmen und zu produzieren. Sie werden am Freitag, 16. Oktober, auf einer EP erscheinen. "EP" steht für "Extended Player" und ist sozusagen das Zwischenstück zwischen Single und LP. Die Musikerin wird die EP an diesem Tag bei einem Relasekonzert in Würzburg vorstellen (siehe Infos unten). Titel und Titelsong der Einspielung: "Zusammen". Das offizielle, von der Stadt Würzburg geförderte Video ist soeben online gegangen. In den Texten geht es um Zusammenhalt, Vertrauen und um gegenseitiges Beistehen. Musik, die farbig genug ist, um sie gezielt anzuhören, die aber auch gut im Hintergrund laufen kann.

Christiane Dehmer stammt aus Chemnitz. Ihr Alter verrät sie nicht, aber von der DDR hat sie noch genug mitgekriegt, um zu erleben, wie ihre Eltern von der Stasi bespitzelt wurden, weil sie kirchlichen Kreisen angehörten. Schon in der Schulzeit fing sie an, Popsongs zu schreiben. Als sie studieren wollte, stellte sie fest, dass es gar nicht so einfach war, den passenden Studienplatz zu finden. Also belegte sie erstmal in Weimar Schulmusik, wo ihr vor allem das Fach "Schulpraktisches Klavierspiel" entgegen kam, das sie heute selbst an der Hochschule für Musik in Würzburg lehrt: eine anspruchsvolle Ausbildung für Allrounder, die vom Fleck weg in vielen Stilen improvisieren können sollen, ohne Noten Lieder begleiten oder Musikbeispiele anspielen.

Zum Jazz kam sie, weil da die Harmonik "besonders reichhaltig" ist

Nichts für Musiker also, die zu sehr an Noten kleben, wie sie im Klassikbereich öfter vorkommen. "Ich habe natürlich auch klassische Stücke gespielt, aber das war nie so meine Leidenschaft", sagt Christiane Dehmer. "Ich wollte immer frei mit der Musik umgehen, verstehen, wie sie gemacht ist, improvisieren." Zum Jazz kam sie schließlich, weil da die Harmonik "besonders reichhaltig" ist.

Wer genau hinhört, wird feststellen, dass Christiane Dehmers Klangwelten so simpel nicht sind. Sie sind zugänglich, das schon. Aber an Sounds und Grooves tüftelt sie lange herum. Sie müssen genau ihren Vorstellungen entsprechen, und sie müssen live reproduzierbar sein. Ihr Arbeitsplatz bei Konzerten sieht deshalb aus wie eine kleine Hightech-Zentrale: Zusätzlich zum Klavier spielt sie einen Synthesizer, dessen Keyboard in der Regel auf dem Flügel steht. Mit dem linken Fuß bedient sie Fußpedale ähnlich denen der Orgel, auf denen nochmal eine Oktave an Basstönen zur Verfügung steht. All das koordiniert sie wiederum mit einem kleinen Steuergerät, das, ganz nebenbei, auch noch das Licht kontrolliert. Fragt man sie, wie sie das hinkriegt, lacht sie: "Das muss man schon üben."

Christiane Dehmer hat auch schon auf Weinproben gespielt. Irgendwann hat sie für ihre Songs eine eigene "Weinprobe" eingeführt: Erst wenn sie selbst so berührt ist, dass ihr die Tränen kommen, ist sie zufrieden: "Jetzt ist es richtig, jetzt verändere ich das nicht mehr."

Christiane Dehmer: "Zusammen". Releasekonzert Freitag, 16. Oktober, 20 Uhr, im Vineyard-Center Würzburg, Beethovenstraße 2, und als Streaming-Konzert.  Tickets und Reservierungen über www.christiane-dehmer.de 
Verlosung: Die Mediengruppe Main-Post verlost Karten für das Konzert. Interessenten schreiben bis 13. Oktober eine Mail mit dem Stichwort "Zusammen" an red.kulturkalender@mainpost.de 

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