Schweinfurt

Comedian Harmonists: Albern im Dienste der Weltoffenheit

Die Berlin Comedian Harmonists
Foto: Michael Peterson | Die Berlin Comedian Harmonists

Irgendwie beklemmend, dass die wunderbare Kunst der Comedian Harmonists plötzlich mit Nostalgie nichts mehr zu tun hat. Im Gegenteil: In einer Zeit, in der erstarkende politische Kräfte fordern, die Kunst müsse zwingend und ausschließlich irgendwelche Heimatgedanken befördern, wirkt dieser Mix aus „amerikanischem Swing und deutscher Liedertafel“ (Bernd Feuchtner), dieser ganz und gar unvaterländische Umgang mit dem Wortwitzpotenzial der deutschen Sprache, diese, wenn man so will, im besten Sinne globalisierte Selbstbedienung bei allem, was fetzig und lustig ist, wie eine frech herausgestreckte Zunge an alle kulturellen Deutschtümler.

Das ist – neben der musikalischen und darstellerischen Perfektion – das vielleicht Anrührendste an den Auftritten der Berlin Comedian Harmonists, die seit 1997 das Erbe ihres von den Nazis zerschlagenen Vorgänger-Ensembles pflegen: Ganz ohne dramaturgische Hilfestellung wirken sie dennoch immer wie Kommentare zur jeweiligen Gemütslage der Gegenwart.


Das Repertoire wirkt wie eine aktuelle Anspielung

Zum Jahreswechsel waren die Berlin Comedian Harmonists wieder zweimal im Schweinfurter Theater zu Gast. 2011 noch wirkte das Repertoire mit den vorsätzlich fröhlichen Hits der krisengeschüttelten 1920er-Jahre wie eine Anspielung auf die damals aktuellen Krisen: Euro-Krise, Schulden-Krise, Banken-Krise.

Nun steht plötzlich das Multikulturelle im Vordergrund. Die Berlin Comedian Harmonists stehen dabei für ein sehr sympathisches Deutschsein: menschlich, weltoffen, selbstironisch, albern, geistreich, ein wenig frivol, ein wenig sentimental und ziemlich entspannt.

Rendezvous in der Bar "Zum Krokodil" am Nil

Konzerte des Ensembles lassen sich aber auch genießen ohne einen einzigen Gedanken an all diese Hintergründe. Der blitzsaubere originale Klang in den behutsamen Arrangements von Franz Wittenbrink (diesmal in der Höhe ein wenig gekappt, weil erster Tenor Holger Off verkühlt war), die liebenswürdige Förmlichkeit und natürlich die Lieder selbst mit ihrem eigentümlichen Personal: dem Onkel Bumba aus Kalumba, der pfeifenden, meckernden, gurgelnden und sogar schweigenden Johanna, der frühlingsverwöhnten Veronika und natürlich dem Vetter Fritz aus Cottbus, Cottbus, Cottbus.

Oder wie wär's mit einem Rendezvous in der Bar „Zum Krokodil“ (am Nil, am Nil, am Nil), wo man tanzt dreiviertelnackt, im Rumba- und Dreivierteltakt? Wo sich Ramses reimt auf „da ham'ses“. Und wo der vielleicht komischste Zweizeiler aller Zeiten seine Heimat hat: „Denn Theben war für Memphis / das, was Lausanne für Genf ist.“

Unverwüstlich ist diese Musik nur in ihrer geistigen Substanz, sie zu interpretieren, erfordert höchste Kunstfertigkeit. Bei den Berlin Comedian Harmonists ist sie jedenfalls in den besten Händen.

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