WÜRZBURG

Die Kirche und das Nackte in der Kunst

Was darf Kunst im christlichen Kontext? Und was darf sie nicht? Vor allem, wenn es dabei um nackte Figuren geht. Eine Betrachtung, unter besonderer Berücksichtigung von strittigen Fällen im Bistum Würzburg.
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Kunst und Kirche – dieses Verhältnis hat die bedeutendsten Werke hervorgebracht. Es war allerdings auch immer wieder getrübt, wegen unterschiedlicher Auffassungen darüber, was Kunst im christlichen Kontext darf und was nicht – vor allem, wenn es um die Darstellung von nackten Figuren geht. Das ist weder ein Phänomen der älteren Kunstgeschichte, noch fanden die Diskussionen zu diesem Thema allein im Bistum Würzburg statt, wo zuletzt die Entfernung der Bronzefigur „Das Opfer“ des Berliner Künstlers Wieland Förster aus der Krypta des Würzburger Doms für Schlagzeilen sorgte.

Nicht immer wird ein Kunstwerk von einem bestimmten Ort wie einer Krypta entfernt, wenn sich Kirchenmänner daran stören. Manchmal wird als Lösung auch eine nachträgliche Verhüllung oder Übermalung beschlossen. Eines der berühmtesten Beispiele dafür ist das „Jüngste Gericht“ Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle.

Der große Künstler musste nicht mehr miterleben, wie sein Werk auf Geheiß des Klerus in pikanten Details verändert wurde. Er starb 1564. Die Entscheidung des im Jahr 1563 zu Ende gegangenen Konzils von Trient dürfte ihm aber noch zu Ohren gekommen sein. Damals wurde beschlossen, dass christliche Kunst der Frömmigkeit dient. Aus diesem Grund dürfe nichts Profanes oder Unsittliches dargestellt werden.

Michelangelo malte die Menschen so, wie sie laut Bibel von Gott geschaffen worden sind: nackt. Erst durch den Sündenfall wurden sich Adam und Eva bewusst, dass der paradiesische Zustand vorbei ist. Das Gefühl der Scham kam in die Welt, und sie verdeckten ihr Geschlecht mit einem Feigenblatt. Michelangelos Figuren erhielten nachträglich zwar keine Feigenblätter. Sein Schüler Daniele da Volterra bekam 1565 aber den Auftrag, die entblößten Schöpfungen seines Meisters zu übermalen. Er wählte Tücher und ging als „Hosenmaler“ in die Geschichte ein.

Bis heute sind Schleier und Feigenblätter in der Kunst keineswegs unmodern geworden. Und wo eine nachträgliche Verhüllung nicht genügt, verschwindet das ganze Kunstwerk: wie im Museum am Dom in Würzburg. Dort disputieren jedoch nicht Künstler und Auftraggeber, vielmehr muss der Kunstreferent sich mit dem Bischof auseinandersetzen, der sich ebenfalls sehr für Malerei, Bildhauerei und Architektur interessiert. Und über Kunst lässt sich ja trefflich streiten . . .

Es begann vor gut sieben Jahren mit dem Bild „Der Auferstandene“ von Michael Triegel. Als das Werk damals – es ist Teil eines Triptychons – auf einem Rundgang präsentiert wurde, war zunächst die ungewöhnliche altmeisterliche Malweise im Stil der Renaissance das Thema, keinesfalls die Nacktheit des dargestellten auferstehenden Christus. Der Aufschrei kam mit Verzögerung, aber er war landauf, landab nicht zu überhören. Der Bischof sprach ein Machtwort, ließ das Bild abhängen und argumentierte mit theologischen Aspekten.

Dass Michael Triegel, im eher säkularen Osten Deutschlands aufgewachsen, wenige Jahre später offiziell Papst Benedikt XVI. porträtieren durfte und laut einem Filmtitel mal als „Der Raffael des Papstes“ bezeichnet werden sollte, konnte damals niemand ahnen. Womöglich wäre „Der Auferstandene“ mit anderen Augen betrachtet worden, als Gesamtkunstwerk – und nicht reduziert auf ein Detail: sein Geschlecht. Dass heute im Museum am Dom so viele nackte Männer zu sehen sind – sei es in den Bildern von Volker Stelzmann und Willi Sitte, sei es bei den Bronzefiguren von Alfred Hrdlicka oder Fritz Cremer – ist letztlich verwunderlich ob der damaligen Aufregung. Aber die Werke im Museum machen sich ja nicht immer ein Bild von Gottes Mensch gewordenem Sohn. Vielmehr weist der Titel eines Bildes von Willi Sitte darauf hin, dass hier „Nur ein Mensch“ zu sehen sei.

Auch fortan waren im Bistum Würzburg in Sachen Kunst nicht immer alle einer Meinung. Vor fast einem Jahr wurde dies wieder öffentlich und offensichtlich. Zur Installation „Abendmahl + 12 Begleiter“ des Münchner Künstlers Henning von Gierke im Museum am Dom gehören ein Hauptbild mit vielen unbekleideten Menschen. Allerdings hängt vor der Begleittafel „empfangen“ beziehungsweise den Schamlippen der dargestellten Frau und ihrem gepiercten Bauchnabel das berühmt-berüchtigte Feigenblatt. Der Künstler hatte das Symbol der schamhaften Verhüllung selbst gemalt und zur Ausstellungseröffnung mit nach Würzburg gebracht, als sich abzeichnete, dass sein Bild Anstoß erregen und sogar abgehängt werden könnte.

Anfangs war die Konstruktion an einem Stück Schnur aufgehängt. Wer das Bild so sehen wollte, wie es der Künstler sich gedacht hat, konnte das Feigenblatt zur Seite schieben. Heute ist es von einem Metallrahmen umgeben und unbeweglich fixiert. Henning von Gierke wurde nach getaner Arbeit mitgeteilt, dass dies deshalb geschehen sei, damit das Feigenblatt nicht gestohlen würde. Nicht bekannt ist, ob der Künstler oder andere Kunstfreunde sich genau dies womöglich insgeheim erhofft hatten . . .

Die Darstellung nackter Frauenbrüste scheint dagegen nicht gegen die Vorgaben des Konzils von Trient zu verstoßen. Besuchern, die im Museum am Dom umherwandeln, müsste sich eigentlich der Gedanke aufdrängen: Diese Wölbungen erregen das männlich-kirchliche Auge nicht. Weder bei der „Geißelung Christi“ von Johannes Grützke von 1985, noch bei der „Eva“, die ein unbekannter Künstler um 1625 bis 1650 gemalt hat.

Der bislang letzte Fall in Würzburg dreht sich wieder um die Darstellung eines männlichen Aktes. Als Begründung für die Entfernung der Bronzefigur „Das Opfer“ aus der Dom-Krypta wird jedoch nicht offiziell die Nacktheit genannt, sondern „Pietät“. Die Opfer-Symbolik passe nicht zu den im Nebenraum befindlichen Bischofsgrablegungen.

Da sich in der Krypta aber in unmittelbarer Nähe auch eine Reliquie von Bonifatius befindet, der bekanntlich als Missionar Opfer seines Glaubens wurde, hätte die Bronzefigur Försters an diesem Ort Sinn gemacht – stellvertretend für die vielen Märtyrer der katholischen Kirche, derer in der Krypta gedacht wird. So gesehen greift hier nicht das Argument, dass eine Kirche keine Kunstgalerie sei. Kunstwerke in Altarnähe oder bei Bischofsgrablegungen dienen sicher nicht profanen Diskussionen, sie dürfen nicht alles, schon gar nicht religiöse Gefühle verletzen – aber sie dürfen eine Botschaft haben. Und das „Opfer“ hat eine Botschaft, die nicht nur außerhalb eines Gotteshauses ihre Berechtigung haben sollte. Die Figur wird bald wieder im Museum am Dom zu sehen sein, heißt es. Sie gehört seit 2003 zum Bestand – also seit der Eröffnung. Und keinen hat „Das Opfer“ dort jemals gestört.

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Bild links: Michelangelos „Das Jüngste Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle.Ganz oben: Michael Triegels „Der Auferstandene“, darunter das aus dem Dom entfernte „Opfer“.Im Text: Gierke-Bild mit nachträglich angebrachtem FeigenblattFotos: IT, Triegel, Jeske, Obermeier
| Bild links: Michelangelos „Das Jüngste Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle.Ganz oben: Michael Triegels „Der Auferstandene“, darunter das aus dem Dom entfernte „Opfer“.Im Text: ...
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