WÜRZBURG

Durch die Abgründe von Robert Schumanns Komponistenseele

„Florestan & Eusebius?“ Eine Marketingidee, logisch. Dass das Mainfranken Theater seinem Philharmonischen Orchester fürs vierte Sinfoniekonzert der Saison diesen etwas verwegenen, erklärungswürdigen Titel verpasste, bietet diesem Beitrag eine doppelte Sicht: Denn der Kulturkritiker und Komponist Robert Schumann, um den es in der mit 700 Zuhörern so gut wie voll besetzten Würzburger Musikhochschule ging, benutzte die Kunstfiguren im Sinne seiner schwierigen Doppelnatur. Florestan, für Schumann „der Wilde, der leidenschaftlich Hitzige“, hätte sich in der Nachlese auf die grandiose Darbietung des Klangkörpers gestürzt, dessen Entwicklung man nicht genug preisen kann: „Jetzt an den Löwen, um mich ganz außer mir zu bringen!“, hätten vielleicht die Worte gelautet. Undenkbar, dass die Würzburger noch vor sechs, acht, zehn Jahren ein solch souveränes, dichtes Hörerlebnis präsentiert hätten.

Da aber hätte sich wohl „Eusebius, der Milde, der Zarte, der poetische und Sensible“ zu Wort gemeldet: „Fürchte dich nicht vor dem grimmigen Wort über dir“, schrieb Schumann, wenn er als sein zweites Ich Bedenken vortrug. In diesem Falle wären sie gegenüber Gastdirigent Marcus Bosch angemessen.

Als Freund der historischen Aufführungspraxis hatte der Generalmusikdirektor des Staatstheaters in München und der Nürnberger Staatsphilharmonie im Tempo seine eigenen Vorstellungen, denen sich die von ihrem Chef Enrico Calesso zu enormem Selbstbewusstsein angestachelten Würzburger nicht durchgehend anpassten. Spannend und der Sache dienlich war die Auseinandersetzung zwischen unterfränkischer Philharmonie und mittelfränkisch-bayerischem Dirigat, wenngleich die einleitende „Manfred-Ouvertüre“ zu flott angegangen war. Bei der großen zweiten Sinfonie verhielt es sich mit dem herrlich schweren, abgrundtief melancholischen ersten Satz ähnlich: Verglichen mit der weit gemesseneren Referenz-Aufnahme eines Christoph Eschenbach sauste das Orchester dank seines Gastes am Stab durch die Abgründe der Komponistenseele – Schumann versuchte seinem Dasein ja durch einen Sprung in den Rhein das Ende zu bereiten. Dem zweiten Satz diente die Herangehensweise indes, man hört das Scherzo selten brillanter. Höhepunkt war das feinherbe Cellokonzert zwischen der Manfred-Ouvertüre und zweiten Sinfonie – auch weil Solocellistin Deanna Talens, Kanadierin mit indianischen Wurzeln, zwischen Lyrik und geballter Expressivität wundervoll den Mittelweg fand und sich perfekt mit Marcus Florestan Bosch und dem nun eher eusebischen Ensemble ergänzte.

Dass es trotz ungezählter Bravo-Rufe wieder mal keine Zugabe gab, war bedauerlich: In seiner Rolle als Florestan hätte Schumann mit den Füßen Zeter und Mordio gewettert.

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