MÜNCHEN

Edgar Reitz und die Inflation der Heimat

Verleihung des Deutschen Regiepreises 'Metropolis' 2016       -  Edgar Reitz
Foto: A3817/_Tobias Hase (dpa) | Edgar Reitz

Spätestens seit die rechtspopulistische AfD als drittstärkste Fraktion im Bundestag sitzt, gibt es eine Art Wettbewerb um die Deutungshoheit des lange verpönten Begriffs „Heimat“. Edgar Reitz, der Mann, der seit seiner Fernsehreihe „Heimat“ als Spezialist für Begriff und Gefühl gilt, mag eigentlich nur noch „bedingt“ darüber reden, wie er einmal dieser Redaktion im Interview sagte, denn die Diskussion sei „inflationär geworden. Und jetzt erleben wir auch noch Zeiten, in denen die Falschen sich dieses Begriffs bemächtigen“. Am 1. November wird der Filmemacher 85 Jahre alt.

Reitz lebt seit den 1950er Jahren in München. Die Landschaft seiner Kindheit und Jugend, den Hunsrück, wo große Teile der „Heimat“-Saga spielen, die vom 19. Jahrhundert bis zur Jahrtausendwende reicht, verließ er kurz nach dem Abitur. „Ich wollte raus aus der Provinz, wo ich mich in jeder Hinsicht eingeschränkt, kontrolliert, beobachtet fühlte. Weg in die Freiheit.“ Doch Jahre später, als er zu den Dreharbeiten in den Hunsrück zurückkehrte, „stellte sich heraus, dass vieles, was man in sich trägt, doch weiterlebt.“

Bevor Reitz zum fast legendären „Heimat“-Regisseur wurde, betätigte er sich als (Ko-)Autor zahlreicher Kurzfilme und Regisseur von Dokumentationen und Industriefilmen. 1962 trat er als Mitinitiator des Oberhausener Manifests für die Schaffung neuer cineastischer Ausdrucksformen ein und wurde ein Protagonist des „Neuen deutschen Films“.

Seinen ersten Achtungserfolg landete er mit dem Spielfilm „Mahlzeiten“ über eine tragisch scheiternde Ehe. Durchweg glänzend rezensiert wurde 1976 sein Spielfilm „Die Stunde Null“ über die kurze Zeitspanne zwischen Waffenstillstand und Friedensschluss im Jahre 1945, während seine bis dato aufwendigste Produktion über den Ulmer Flugpionier Albrecht Ludwig Berblinger, den „Schneider von Ulm“, floppte.

In Zeiten der Globalisierung

Der Regisseur zog sich gekränkt zurück und entwickelte den Plan, eine weitverzweigte Familiengeschichte aus dem Hunsrück zu erzählen, eine Chronik des 20. Jahrhunderts für das fiktive Dorf Schabbach.

Der mehr als 15-stündige Film „Heimat – Eine deutsche Chronik“ wurde 1984 in elf Teilen von der ARD ausgestrahlt und mit zehn Millionen Zuschauern ein so durchschlagender Erfolg, dass Reitz fortan, auch international, alle Tore offen standen.

Eigentlich sei Heimat in Zeiten der Globalisierung nur noch eine Sehnsucht, meint Reitz. „Ich fürchte, es wird einmal, vielleicht in 200, 300 Jahren, eine allgemeine Weltkultur geben. Die gesamte Menschheit wird sich durchmischen und das, was wir als nationale Lebensweisen und regionale Kulturen kennen, wird verschwinden. Daran werden auch irgendwelche Obergrenzen nichts ändern können.“ Foto: dpa

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