BERLIN

Eine wunderbare Anti-Heldin

Sie sind wie die literarischen Nachkommen von Huckleberry Finn, die Geschwister Romy, Clint und Johnny, deren Geschichte Antonia Baum in ihrem zweiten Roman erzählt: verwahrlost, aber mit Herz, anarchische Außenseiter mit einem eigenen Wertesystem und heimlicher Sehnsucht nach der so verachteten heilen Welt der anderen.

„Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren“: Der Titel klingt nach rauer Großstadt-Lyrik, nach Gangsta-Rap, dabei leben die Halbwaisen immerhin im Eigenheim – das allerdings ist vermüllt, heruntergekommen und dank des Geizes von Vater Theodor immer zu kalt ist. Theodor liebt seine Kinder wohl, aber er zeigt es ihnen viel zu selten, und das Zeug zum Vater des Jahres hat er eher nicht. Als Arzt hat er zwar einen Beruf mit hohem Sozialprestige, aber ob er wirklich in seiner Arztpraxis arbeitet, scheint nicht ganz klar zu sein.

Freunde unter Kleinkriminellen

Stattdessen sucht Theodor seine Freunde vorwiegend unter Kleinkriminellen und gescheiterten Existenzen, versucht zwischendurch ein Wettbüro aufzuziehen und geht seiner Vorliebe für schnelle Autos nach. „Der hätte Autos kriegen sollen, keine Kinder“, klagen seine Kinder genervt, denn bei allem Außenseiter-Stolz auf das unkonventionelle Zuhause hört der Spaß auf, wenn das Jugendamt vor der Tür steht.

Die chaotische Kindheit der Geschwister wird auf wechselnden Zeitebenen erzählt – mal aus der Sicht der neunjährigen Romy, mal aus der Perspektive der 25-jährigen, die mittlerweile Psychologie studiert, immer noch schnodderig, liebevoll und unsentimental ihre unkonventionelle Familie beschreibt, den ausufernden Drogenkonsum ihrer Brüder, die eigene Drogenhandel- und Diebstahlkarriere in zartem Alter und den Vater, der sich nie so kümmert, wie sie es sich eigentlich wünschte.

Aber noch mehr, das wird beim Lesen des so temporeichen wie verschachtelten Romans klar, sehnt sich Romy eigentlich nach der Mutter, über die nie gesprochen werden darf. Angeblich starb sie bei der Geburt der Zwillinge Romy und Clint, und sie ist die große Unbekannte im Leben des Mädchens.

Die meiste Fürsorge erfahren Romy, Clint und Johnny von Sultan, dem libanesischen Kleinkriminellen, der für eine Weile so etwas wie Struktur in ihren Alltag bringt – bis Romy beim Ladendiebstahl ertappt wird und damit eine Kettenreaktion auslöst. All das ist manchmal wirr, mit viel Sympathie für das Geschwistertrio und vor allem Hauptfigur Romy erzählt. Tough und sensibel blickt sie von außen auf die einerseits verachtete, aber auch ersehnte heilere Welt, nur um sich im nächsten Moment wieder im Mikrokosmos der Geschwister einzuigeln.

Antonia Baum hat eine wunderbare Anti-Heldin geschaffen, die etwas vom anarchischen Geist einer Pippi Langstrumpf hat und die, wie Huckleberry Finn, am Ende ihren eigenen Weg geht.

Antonia Baum: Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren (Hoffmann und Campe, 400 Seiten, 22 Euro)

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