ROTHENBURG

Hexerei als reale Bedrohung

Hexenflug: Francisco de Goyas „Linda Maestra“ (1797 bis 1799)
Foto: Illustration Goya gemeinfrei, Kriminalmuseum | Hexenflug: Francisco de Goyas „Linda Maestra“ (1797 bis 1799)

Hexen? Zauberer? Dämonen? Ganz nett bei „Bibi Blocksberg“ oder „Harry Potter“. Doch dass es sie wirklich gibt, glaubt heute keiner mehr. Wir glauben heute an die Klimakatastrophe als reale Bedrohung.

Doch vor 500 Jahren war der Glaube an die Bedrohung durch Hexerei und Zauberei genauso real: „Als ich ein Kind war, gab es viele Hexen, die Vieh und Menschen, vorzugsweise Kinder, beschworen. So fügten sie auch den Saaten Schaden zu“, schrieb Martin Luther (1483 bis 1546). Oder: „Ich glaube auch, dass wenn in Silbergruben Lichter gesehen werden, dies der Teufel ist.“ Der Reformator, ein gebildeter Mann, lag mit diesen – und anderen Aussagen zum Thema – im Mainstream seiner Zeit. Hexen, Zauberer und der Teufel wurden als Teil der Welt und, nahezu, als Teil des Alltags gesehen.

Schon die Bibel – die man als Wort Gottes nicht anzweifelte – rät: „Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen“ (Exodus 22,17). Und Jesus treibt einem Mann einen Dämon namens „Legion“ aus und lässt ihn in eine Schweineherde fahren. Das ist keine bildlich-literarische Darstellung von Geisteskrankheit durch Markus und Lukas (Matthäus erzählt eine Variante). Die Evangelisten sahen tatsächlich Dämonen am Werk.

Diskussion um Flugfähigkeit

Das tat auch Thomas von Aquin (um 1225 bis 1274). Der einflussreiche Kirchenlehrer erörterte mit theologischem Ernst die Frage, ob Geschlechtsverkehr zwischen Mensch und Dämon möglich sei, und ob aus einer solchen Verbindung Kinder hervorgehen könnten.

Verbrennung einer Zauberin und eines Ketzers in einer „Sachsenspiegel“-Ausgabe.
| Verbrennung einer Zauberin und eines Ketzers in einer „Sachsenspiegel“-Ausgabe.

Auch das Alte Testament erzählt von derart gemischtem Sex: „Als sich die Menschen über die Erde hin zu vermehren begannen und ihnen Töchter geboren wurden, sahen die Gottessöhne, wie schön die Menschentöchter waren, und sie nahmen sich von ihnen Frauen, wie es ihnen gefiel“ (Genesis 6). Gelehrte des Mittelalters diskutierten zudem, ob Hexen fliegen konnten.

Was derart im Kollektivbewusstsein verankert ist, erhält eine eigene, oft mächtige Realität. Die Bedrohung wurde als existenziell empfunden. Also wurden Gegenmaßnahmen ergriffen. Und so haben Dämonen und Hexen – mögen spätere Generationen sie auch als Hirngespinst erkannt haben – Spuren in der Geschichte hinterlassen.

Der „Sachsenspiegel“ definierte Hexen als real existierende Wesen, die man juristisch zur Verantwortung ziehen konnte. Das Textwerk, entstanden in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, war über Jahrhunderte hinweg weithin Grundlage der Rechtsprechung. Ein eigener Paragraf widmete sich Zauberern, Giftmischern und Ketzern: „Ist ein Christ ungläubig oder beschäftigt er sich mit Zauberei oder Giftmischerei und wird dessen überführt, den soll man auf dem Scheiterhaufen verbrennen.“

Hexen werden juristisch greifbar

Ende des 15. Jahrhunderts erschien der „Hexenhammer“. Das Werk entfaltete seine fatale Wirkung über weite Zeiträume hinweg: Bis ins 17. Jahrhundert erlebte der „Malleus Maleficarum“, so der lateinische Titel, 29 Auflagen. Autor war der Dominikaner Heinrich Kramer – ein Kirchenmann. Was in der Geschichte nicht ungewöhnlich ist: Aberglaube ist häufig der Begleiter des Glaubens, denn: Wo verläuft die Grenze zwischen religiösem Kult und magischer Verrichtung? Zwischen Wunder und Zauberei? Die Grauzone ist ausgedehnt, nicht nur im Volksglauben: Das Ritual der Teufelsaustreibung (Exorzismus) hat die katholische Kirche noch heute im Programm . . .

„Sachsenspiegel“, „Hexenhammer“, Kirchenlehre und kollektiver Hexenglauben verstärkten sich gegenseitig. Mit schlimmen Folgen: Ausgehend von der Alpenregion brannten in ganz Europa die Scheiterhaufen. 50 000 bis 100 000 Menschen – 75 Prozent Frauen – fanden den Tod in den Flammen. Seit dem 15. Jahrhundert wurde unter Hexerei auch Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft, Ketzerei und Zauberei verstanden.

Eine Sonderausstellung im Mittelalterlichen Kriminalmuseum Rothenburg (siehe Kasten) stellt den Zusammenhang zwischen Hexenverfolgung und Lebensumständen her. Kriege, Pest und Missernten hätten im 14. Jahrhundert die Hälfte der Bevölkerung hingerafft, heißt es auf einer Schautafel. Es herrschte Endzeitstimmung. Das Motiv des Totentanzes, das im Spätmittelalter immer öfter dargestellt wurde, zeigt, wie sich der Mensch in dieser Welt fühlte.

Hexen als Sündenböcke für alles, was schlecht lief

Hexen wurden auch als Sündenböcke für das schlechte Leben in einer heillosen Welt hingerichtet. Als sich die Lebensumstände im 17. Jahrhundert besserten, nahm die Zahl der Hexenverbrennungen ab. Wer genug zu essen hat und ein Dach über dem Kopf, neigt, so könnte man aus der Historie folgern, weniger zu Irrationalität, Aberglaube und Gewalt.

Daraus ließe sich durchaus eine Handlungsanweisung für die moderne Weltpolitik ableiten . . .

Ausstellung „Luther und die Hexen“ in Rothenburg

Die Geschichte des Hexenglaubens von den frühen Anfängen bis zum Ende der großen Hexenverfolgungen im 17. Jahrhundert ist Thema der Ausstellung „Mit dem Schwert oder festem Glauben – Luther und die Hexen“ im Mittelalterlichen Kriminalmuseum Rothenburg ob der Tauber. Der Fokus liegt auf der Person Martin Luther und seinen Stellungnahmen für und wider den Hexenglauben.

Mehr als 120 Exponate entfalten ein greifbares Bild von Martin Luther, seiner Epoche und den Ängsten und Hoffnungen der Menschen des 14. bis 17. Jahrhunderts. Zu sehen sind zahlreiche wertvolle Bücher, alte Grafiken und Bilder, aber auch erstaunliche Gegenstände wie die Schluckbildchen mit dem Konterfei der Muttergottes „zur Heilung von innen“, die einen Blick in die Alltags- und Glaubenswelt des Volkes ermöglichen.
 

Der informative Katalog (224 Seiten) ist für 14,95 Euro zu haben.

In seiner Dauerausstellung zeigt das Museum rund 50 000 Exponate aus mehr als 1000 Jahren europäischer Justizgeschichte mit dem Schwerpunkt Mittelalter, von der „Eisernen Jungfrau“ über den Pranger bis zu historischen juristischen Werken. Bis zu 200 000 Menschen besuchen Jahr für Jahr die Sammlung in der ehemaligen Johanniterkomturei.

Öffnungszeiten: April bis Oktober täglich 10 bis 18, November bis März 13 bis 16 Uhr. Die Luther-Ausstellung dauert bis Ende 2018.

 
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